Wissenschaftliche Einrichtungen

Zentrum für Mittelalterstudien

Ein fränkischer Deutschlehrer in Venedig: Georgs von Nürnberg Sprachbuch von 1424 und seine Folgen


Bamberg, 1. – 2. Juli 2005
ORGANISATION: BARBARA BRUZZONE M.A. / PROF. DR. HELMUT GLÜCK / PRIV. DOZ. DR. FRIEDERIKE SCHMÖE


Lernziel: Frühneuhochdeutsch
Das mittelalterliche Venedig war der thematische Ausgangspunkt des Symposions Ein Franke in Venedig – Georg von Nürnbergs Sprachbuch (1424) und seine Folgen am 01. und 02. Juli, zu dem die Arbeitsstelle zur Geschichte des Deutschen als Fremdsprache (AGDaF) Wissenschaftler aus ganz Europa eingeladen hatte. Auf der Tagesordnung standen Referate darüber, wie Händler und Reisende im Mittelalter und der frühen Neuzeit vorgingen, wenn sie über Grenzen hinweg Handel betrieben und sich mit einem Fremdsprachenproblem konfrontiert sahen. Im Zentrum des Interesses standen dabei Fragen zum Deutschen als Fremdsprache: Wer lernte Deutsch als Fremdsprache? Seit wann gibt es fremdsprachlichen Deutschunterricht? Wie lief der Unterricht ab?
Venedig ist die Stadt, die Einblicke gewährt, wie dieses Fremdsprachenproblem gelöst wurde, um einander verstehen zu können. Der Handel mit dem Ausland florierte. Insbesondere die Reichsstadt Nürnberg war als Umschlagsplatz für Waren aus Asien und dem Nahen Osten eine wichtiger Handelspartner. Nürnberger Kaufleute waren neben Augsburgern und Regensburgern im „Fondaco dei Tedeschi“, dem „Deutschen Haus“, in dem Kaufleute ihre Kontore führten, am häufigsten vertreten. Marlene Schmidt M.A. vom Verein „Geschichte Für Alle e.V.“ erläuterte diese lebendige Welt der Deutschen in Venedig, die von dort vor allem Gewürze, Schmuck und Stoffe importierten. An Geschäften mit ausländischen Kaufleuten seien nicht allein die beiden Handelspartner beteiligt gewesen, sondern auch ein von der Stadt beauftragter Makler (unterkhäufl), der über einen ordnungsgemäßen Ablauf wachte und Buch führte. Insbesondere für diesen Berufsstand sei Fremdsprachenkompetenz wichtig gewesen.
Handschriftliche Quellen beweisen, dass es in Venedig im 15. Jahrhundert institutionellen Deutschunterricht gab. Das erste Manuskript, das wir kennen, stammt aus dem Jahr 1424. Es besteht aus einem italienisch-deutschen Vokabular, in dem auch Bereiche der Grammatik erklärt werden, und einigen Dialogen, in denen Szenen beim Tuchhandel oder Gespräche in der Schule nachgestellt werden. Es feilschen zwei Händler um den Preis, Schüler einer privaten Sprachschule unterhalten sich über das venezianische Nachtleben.
Der Verfasser dieser Handschrift ist nicht genannt. In den Dialogen ist von einem gewissen Georg (Iorg) die Rede, einem jungen Mann aus Nürnberg, der in der Nähe des „Fondaco dei Tedeschi“ eine Schule für Wirtschaftsdeutsch betrieb. Dieser Georg von Nürnberg ist wahrscheinlich einer der ersten Unternehmer, der Geld damit verdiente, indem er Venezianern Deutsch beibrachte.
Eigentlich gilt Latein als die verbindende Sprache im mittelalterlichen Europa, erläuterte Prof. Dr. Helmut Glück (Universität Bamberg). Jedoch sprachen es nur wenige Kaufleute und die, die es gelernt hatten, konnten nicht sicher sein, dass es die Geschäftspartner im Ausland ebenfalls verstanden. Selbst wenn dies der Fall war, trafen Reisende auf Wirte, Hufschmiede und andere, mit denen sie sprechen mussten – und dies am besten in der Landessprache. Nicht überall waren die Probleme dieselben: Prof. Dr. Vibeke Winge (Universität Kopenhagen) konnte berichten, dass die Norddeutschen die Bewohner Dänemarks und Schwedens, mit denen sie Handel betrieben, besser verstehen konnten, als Reisende aus Süddeutschland. Niederdeutsche Dialekte waren den nordischen Sprachen recht ähnlich. Zudem war das Deutsch, welches in Lübeck gesprochen wurde, eine zeitlang das allgemeine Kommunikationsmittel der Hanse.
PD Dr. Friederike Schmöe (Universität Bamberg) fand heraus, dass sich der Sprachlehrer Georg über die Vermittlung von grammatischen Inhalten Gedanken gemacht haben muss – in einer Zeit, in der es weder eine volkssprachliche Grammatik zu kaufen gab, noch andere Fremdsprachenlehrwerke. Alles, was im 15. Jahrhundert über Sprachunterricht bekannt war, zielte auf das Lateinische und das Griechische ab. Beides funktioniert bekanntlich anders als das Deutsche. Georg von Nürnberg musste sich vieles selbst ausdenken und interpretieren. Schmöe kam zu dem Ergebnis, dass die Ansätze des Sprachlehrers Georg teilweise „mit dem modernen Fremdsprachenunterricht vergleichbar“ sind. Sein Sprachbuch sei auf Handlungsfähigkeit ausgerichtet gewesen, es enthalte alles, was man über praktische Sätze im Frühneuhochdeutschen wissen müsste. Grundlage für den Verfasser sei die Alltagssprache seiner Zeit gewesen, zeigte Barbara Bruzzone M.A. (Universität Bamberg). So könne man aus dem Sprachbuch z.B. herauslesen, wie man sich damals begrüßt haben muss.
Prof. Dr. Konrad Schröder (Universität Augsburg) hatte darüber nachgedacht, wie der Unterricht bei Georg von Nürnberg abgelaufen sein könnte. Er kam zu dem Ergebnis, dass Georg seine Schüler einzeln unterrichtet haben muss. Das Sprachbuch könnte die Grundlage für diesen Unterricht gewesen sein und zwar für die „Hand des Lehrers“, so Schröder. Es enthielt Ansätze zu Vermittlung der Grammatik, wie Adjektivsteigerungen und Konjugationsübungen, sowie einen nach Sachgruppen geordneten Grundwortschatz. Diese Stoffgliederung sei im Unterricht leicht variierbar gewesen.
Georg von Nürnbergs Buch ist das älteste heute bekannte Manuskript, das Unterricht im Deutschen als Fremdsprache darstellt. Bereits aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts sind jedoch weitere Bücher erhalten, die ebenfalls das Deutsche mit anderen europäischen Sprachen verbinden. Viele dieser Vokabulare und Gesprächsbücher sind sogar direkt mit dem Buch des fränkischen Lehrers in Venedig verwandt. Dipl.-Germ. Tina Morcinek (Universität Bamberg) referierte über ein katalanisch-deutsches Vokabular aus dem Jahr 1502, das große Ähnlichkeit mit dem Buch aus dem „Fondaco de Tedeschi“ hat. Sprachbücher, die das Deutsche mit anderen Volkssprachen zu Unterrichtszwecken verbinden, wurden außerdem für die skandinavischen Sprachen, für das Tschechische und für das Polnische vorgestellt. Teilweise waren sie mit dem Sprachbuch aus Venedig verwandt. Ivonne Pörzgen M.A. (Universität Bamberg) berichtete über ein aktuelles Projekt an der AGDaF, bei dem deutsch-polnische Unterrichtswerke von den Anfängen bis 1918 bibliographiert werden. Einen der ersten Drucke aus dieser Reihe stellte Prof. Dr.  Ingrid Maier (Universität Uppsala) vor, ein polnisch-deutsches Sprachbüchlein aus Wittenberg von 1522. Holger Klatte M.A. (Universität Bamberg) verglich das Sprachbuch Georgs mit verschiedenen tschechisch-deutschen Lehrwerken. Eine weitere Sprachbuchfamilie stellte Andreas Edvardsson (Universität Lund) vor: die Tradition des Berlaimont, die bis ins 18. Jahrhundert hinein in ganz Europa mit unterschiedlichen Sprachenkombinationen verbreitet war.
Dr. Barbara Kaltz (Universität Aix en Provence) hatte Antworten auf die Frage, wann in Frankreich begonnen wurde, Deutsch zu lernen. Dort galt das Deutsche mit seinen Dialekten im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit jedoch als „ziemlich ungehobelt“. Ab dem 16. Jahrhundert werden erste Wörterbücher gedruckt. Insbesondere deutsche Autoren waren es, die Grammatiken und Gesprächsbücher schrieben, um Franzosen Deutsch beizubringen.
Für sehr modern in seiner Ausrichtung hielt Dr. Jochen Pleines (Landesspracheninstitut Nordrheinwestfalen) den Sprachlehrer in Venedig. Das Konzept des kommunikativen Sprachunterrichts und der Zuschnitt des Unterrichts auf bestimmte Sprechsituationen, z.B. das Feilschen um den Preis, seien universell einsetzbar. Pleines nannte Georg von Nürnberg einen Menschen, der die Bedürfnisse erkannte, die aus einem europaweiten Handel entstehen. Er sei sicher, dass die auf Wirtschaftsbeziehungen ausgerichtete Sprachen- und Kulturvermittlung auch im gegenwärtigen Europa an Bedeutung gewänne. Leider würden diese Zusammenhänge nicht ernst genommen. „Es ist doch eigenartig, dass die Hälfte der Slavistik-Lehrstühle in Deutschland abgeschafft wird, während Russland zum größten Handelspartner Europas wächst“, so Pleines.
Holger Klatte