"Nein, wir plädieren nicht für ein Verbot". Stefanie Ulschmid (links) und Stefanie Badmann (rechts) im Gespräch.
Die beiden Workshop-Entwicklerinnen Stefanie Ulschmid und Stefanie Badmann.
Der Flyer zum interaktiven Eltern-Workshop [PDF].
Social Media verstehen statt verbieten
WIAI: Liebe Stefanie Badmann, liebe Stefanie Ulschmid, momentan wird in der Politik diskutiert: Sollte man Social Media für unter 14- oder unter 16-Jährige verbieten? Australien hat das bereits umgesetzt. Ihr habt nun einen Workshop zum Thema Umgang mit Social Media konstruiert – und zwar für Eltern! Wie kam es dazu?
Stefanie Ulschmid: Als ich hier am Lehrstuhl angefangen habe, war die Fakultät auf der Suche nach Workshops im Rahmen der Nachwuchsförderung. Plattformen sind da natürlich ein spannendes Thema. Wir haben also erst einmal einen Workshop für Kinder angeboten und der kam gut an. Die Administration von Social Media für Kinder liegt aber in den Händen der Eltern. Deshalb haben wir beschlossen, aus dem Kinder- einen Elternworkshop zu machen.
WIAI: Was müssen Eltern vom Thema Plattformen verstehen?
Stefanie Ulschmid: Zuerst: Plattformen nicht per se verteufeln. Es ist nicht so, dass es Kinder automatisch in einen Strudel zieht, sobald sie sich darauf bewegen. Eltern müssen die Grundmechanik von Plattformen verstehen. Die Langfristigkeit von Datenspeicherung zum Beispiel haben wir deshalb ganz vorne in unseren Workshop aufgenommen und auch die Algorithmen im Hintergrund. Selbst wenn man die Privatsphäre-Einstellungen nachschärft, heißt das nicht, dass alles Vorherige verschwunden ist. Man muss aktiv suchen, um Daten zu löschen. Und auch nach dem Löschen hat vielleicht schon jemand einen Screenshot gemacht.
WIAI: Das klingt sehr kompliziert. Wie ist denn das allgemeine Verständnis zu Algorithmen?
Stefanie Badmann: Das Grundverständnis bei den Kindern und Jugendlichen ist da: man bekommt Sachen angezeigt, die einem gefallen könnten. Aber dieses technische Verständnis dahinter, also die Funktionsweise eines Algorithmus, das ist eher eine Blackbox. Eltern haben davon zwar auch schon gehört, es aber aufgrund der Komplexität und der fehlenden Transparenz der Plattformen noch nicht aktiv hinterfragt. Vor allem die Geschäftsmodelle bleiben oft unklar.
WIAI: Und das arbeitet ihr im Workshop auf?
Stefanie Badmann: Wir haben zwei Herangehensweisen: Die erste Übung nennen wir „Steckbrief-Sherlock": Ein leerer Steckbrief, wie eine überdimensionierte Freundebuchseite. Dazu haben wir mit unseren studentischen Hilfskräften eine iPad-App entwickelt, die einen Social-Media-Feed simuliert – in drei Versionen. Man sieht, was eine bestimmte Person gelikt hat, und kann in den Kommentaren nachschauen, ob die Person dort schon kommentiert hat. Nur anhand dieser öffentlich einsehbaren Informationen sollen die Eltern den Steckbrief ausfüllen. Die Eltern bemerken, welche Brotkrümel Menschen auf Social Media hinterlassen: Alter, Wohnort, Schule, Hobbys, Freundeskreise bis hin zu konkreten Kontakten.
Stefanie Ulschmid: Die zweite Aktivität: Wir lassen Eltern einen neu erstellten TikTok-Account nutzen, einfach zehn Minuten durchscrollen, bevor der Algorithmus die ersten Nutzungsmuster und Interessen erkennt. Da ist teilweise sehr schockierendes Material dabei. Das geht in Richtung Grooming oder sehr freizügigen Inhalten. Dazu kommt viel politisierter Inhalt, auch fragwürdige Coaching und dubiose Finanztipps. Die Übung soll zeigen: Diese Kurzvideos sind so konzipiert, dass man aufschreckt und deshalb bleibt – ein Schock, ein emotionaler Trigger.
Stefanie Badmann: Nochmaliges Anschauen wird getrackt, das Lesen von Kommentaren wird als Interesse gewertet. Auch wenn die eigene Intention eine andere sein mag – man ist beispielsweise vom Inhalt angewidert, will aber kurz die ebenfalls schockierten Reaktionen überfliegen. Der Algorithmus nimmt wahr: Interagiert mit dem Inhalt, spiele mehr davon ein.
WIAI: Wenn man nur Katzenvideos anschaut, wie lange dauert es, bis man nur noch Katzenvideos angezeigt bekommt?
Stefanie Badmann: Unser Beispiel in der Vorbereitung des Workshops waren tatsächlich Hundevideos. Im Normalfall geht das erstaunlich sehr schnell: Wir reden von etwa zehn Minuten, bis es als inhaltliches Muster erkennbar wird. Bei den Eltern entsteht dadurch ein Bewusstsein, wie schnell die Systeme dahinter lernen und wie wenig Zeit das braucht.
WIAI: Löst das den bei den Eltern einen Aha-Effekt aus?
Stefanie Ulschmid: Definitiv. Im Idealfall gibt man beim Einrichten eines Profils schon Interessen an. Wir haben das bewusst ohne das gemacht, sodass eine realistische Situation entsteht: Ein Kind lädt die App runter, macht sie auf und fängt an zu scrollen. Die Eltern sehen: Man kann es nicht verhindern und verbieten – es wird passieren. Man kann aber dem Algorithmus aktiv begegnen. Das soll die zentrale Botschaft sein, die die Eltern aus dem Workshop mitnehmen.
WIAI: Welche Eltern sind fitter, welche weniger?
Stefanie Badmann: Was mir auffällt, ist vor allem der berufliche Hintergrund. Wer auf der Arbeit schon viel mit Computern zu tun hat, findet auch schneller den Zugang zum Smartphone und zu Social Media. Viele Eltern nutzen solche Plattformen aber noch gar nicht selbst und sind dann überfordert, was ihre Kinder damit anstellen. Die Eltern wiederum, die es nutzen, haben ihr eigenes Verhalten auf den Plattformen oft selbst noch nicht reflektiert. Im Workshop sitzen tendenziell eher Eltern vor uns, die Social Media selbst nutzen und ein Grundverständnis besitzen, aber gemerkt haben: Es besteht eine Lücke zwischen mir und meinem Kind.
Stefanie Ulschmid: Was übrigens am meisten überrascht: Eltern kommen schon mit konkreten Beispielen, wo Social-Media-Missbrauch bei ihren Kindern stattgefunden hat!
WIAI: Könnt ihr ein Beispiel nennen?
Stefanie Ulschmid: Mobbing innerhalb der Klasse. Klassenchats können beispielsweise vollkommen eskalieren. Die Eltern kamen schon mit der konkreten Sorge und der Frage „Wie sollen wir damit umgehen?“ in den Workshop.
WIAI: Empfehlt ihr Eltern, die Social Media bisher selbst nicht nutzen, sich selbst einen Account einzurichten?
Stefanie Badmann: Das ist eher nachrangig, zum Verstehen der Grundprinzipien kann es hilfreich sein. Aber um die tatsächlichen Inhalte zu begleiten, ist der direkte Austausch über den konkreten Feed des Kindes wichtiger, denn die Algorithmen sorgen ja dafür, dass es einen ganz individuellen hat. Ihn sich – unvoreingenommen! – gemeinsam ansehen, zum Beispiel einmal sonntags auf der Couch, ist hier eine mögliche Herangehensweise.
Stefanie Ulschmid: Hier liegt das Entscheidende, das wir zu vermitteln versuchen: Eine Beziehung zum Kind muss da sein, in der es sich traut, über schwierige Inhalte zu sprechen! Im Workshop gab es ein Beispiel, da wusste ein Elternteil vom Mobbing, weil das Kind sich sicher genug fühlte, mit ihm darüber zu reden. Diese Beziehung muss aber außerhalb von Social Media schon da sein.
WIAI: Gibt es für euch auch positive Nutzungsmöglichkeiten von Social Media?
Stefanie Ulschmid: Ganz klar: Entertainment! Man kann seinen Interessen nachgehen, Stars folgen, Fandom auf Social Media weiterleben. Wir alle haben uns auch mal verdient, eine Stunde nichts zu tun und nicht nachzudenken. Eine weitere positive Sache ist das Thema Vernetzung: Social Media ist toll, um Kontakt zu halten, gerade wenn man älter wird, wenn einst nahe Freundinnen und Freunde einfach auch mal weiter weg sind.
WIAI: Die Gretchenfrage: Sollte Social Media verboten werden?
Stefanie Badmann: Nein, wir plädieren nicht für ein Verbot. Im Workshop machen wir klar: Das Thema wird viel diskutiert. Die Realität ist aber momentan, dass es kaum Regulierung und kein Verbot gibt. Unser Workshop arbeitet mit diesem status quo. Social Media wird genutzt, ob mit oder ohne Verbot. Wir setzen auf die Strategie der aktiven Begleitung und der Selbstreflexion.
Stefanie Ulschmid: Verbietet man als Eltern den Kindern Social Media, passiert der Konsum bei Freunden oder auf dem Schulhof. Uns geht es darum, ein Bewusstsein zu schaffen, Eltern zu ermutigen und eine positive Einstellung zu behalten – sodass ihre Kinder kommen und mit ihnen über Inhalte sprechen können.
WIAI: Und wie steht ihr zu einer Altersgrenze?
Stefanie Ulschmid: Altersgrenzen gibt es bereits und sie werden nicht eingehalten. Eine Möglichkeit wäre hier konkrete Regulierung. Diese wiederum muss auf der technischen Ebene der Plattformen ansetzen, nicht bei deren Nutzerinnen und Nutzern.
Stefanie Badmann: Eine mögliche Lösung dabei wäre eine Schnittstelle, idealerweise aus dem eigenen Land, bei der man sich authentifiziert. An die Plattformbetreiber ginge dann beispielsweise nur eine Authentifizierungs-ID weiter – statt Klarnamen oder Ausweiskopie. Sowas ist vermutlich jedoch allem in Verbindung mit den großen US-Konzernen nicht oder nur schwer umsetzbar.
WIAI: Was habt ihr mit dem Workshop-Konzept noch weiter vor?
Stefanie Ulschmid: Wir wollen das Ganze in einem größeren Setting testen, zum Beispiel mit Eltern einer ganzen Schulklasse. Wir möchten den Workshop in den aktuellen Diskurs einbringen, zum Beispiel bei Klassenelternabenden! Wir haben inzwischen auch einen Flyer, den man verteilen kann, der weitere Informationen enthält.
WIAI: Liebe Stefanie Badmann, liebe Stefanie Ulschmid: Vielen Dank für das Gespräch!
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