Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Katholische Theologie

Studientag 2018 - Berichterstattung

Alles #FakeNews: Zählt Wahrheit heute noch?

Kaum ein Thema hat die Gesellschaft die letzten Monate und Jahre so intensiv beschäftigt wie die Diskussion um Falschmeldungen – die sog. FakeNews – in den Medien. Vor allem durch deren Einsatz in sozialen Medien wird zurecht die Frage nach den Auswirkungen gesellschaftlicher Manipulation und bewusster Polarisierung laut: So bezeichnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im März 2018 bei einer Diskussionsrunde im Schloss Bellevue vor FakeNews als »Angriffe auf den Gebrauch der öffentlichen Vernunft« und wies auf die besondere Relevanz des Qualitätsjournalismus der öffentlich-rechtlichen Medien für die Demokratie hin. Der Studientag des Instituts für Katholische Theologie am 09.03.2018 griff diese Thematik unter der Fragestellung auf: »Alles #FakeNews: Zählt Wahrheit heute noch?« Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit theologischen Forschungsergebnissen soll der Studientag Oberstufenschülerinnen und -schülern ermöglichen, ›Uniluft‹ zu genießen. Daher bot er Vorlesungen (Kurzvorträge zweier Professoren), eine Seminarphase (die thematische Auseinandersetzung in Arbeitskreisen) sowie einen wissenschaftlichen Austausch (Podiumsdiskussion mit den Referenten) unter der Leitfrage nach FakeNews und Wahrheit im Horizont von Theologie.

Statement 1: »Alles alte Zöpfe!?« Wie traditionell muss Glaubens-Wahrheit sein?

»Das war das größte Publikum, das jemals bei einer Vereidigung dabei war […]« twitterte 2016 nach der Vereidigung des US-Präsidenten Donald Trump sein Pressesprecher Sean Spicer mit einem Bild der Menge. Gleichwohl: Die Bilder der Vereidigung Barack Obamas aus dem Jahre 2009 bestätigen diese Aussage nicht. Konfrontiert mit diesem Befund verteidigte Trumps Beraterin Kellyanne Conway die Aussage, indem sie zwischen einer »falschen Behauptung« und Spicers Vorlegen »alternativer Fakten« unterschied. Wenn Wahrheit nach dieser Aussage rein subjektiv verstanden wird, wie lässt sich dann ›Wahrheit‹ allgemeingültig festlegen oder gar universal bestimmen? Prof. Dr. Jürgen Bründl, Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie und Dogmatik, ging dieser Fragestellung in seinem Kurzvortrag nach und thematisierte Wahrheitstheorien. Er betonte, dass Wahrheit nicht in einer objektiven Faktizität, sondern nur im Kontext einer sich präsentierenden Deutung aufgeht, was für die Wahrheitserkenntnis eine wichtige Prämisse darstellt. So rekurriert die objektive Dimension auf Faktizität und Wissen, während die subjektive Dimension nach Deutung und Glaubwürdigkeit fragt.
Auf die Theologie hin gedacht bedeutet dies, dass Glaube immer Glaube ist, aber auf die Wahrheitsfähigkeit hin überprüft werden muss. So geht die Korrespondenztheorie davon aus, dass eine Aussage dann wahr ist, wenn sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Die Grenze dieser Theorie liegt allerdings in der Wirklichkeit, die auch komplexe, unanschauliche Überzeugungen bietet, die sich nicht soweit relativieren oder überprüfen lassen. Die Evidenztheorie bestimmt Wahrheit anhand dessen, was sich als wahr aus der Überlieferung über mehrere Generationen hinweg gezeigt hat und daher als übereinstimmend mit den Lebenserfahrungen gilt. Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob diese ›Wahrheit‹ auch für kommende Generationen oder auch für Menschen, die eine Erfahrung nicht gemacht haben, gelten kann. Die Konsenstheorie setzt daher dasjenige als wahr fest, was nicht nur eine individuelle Person, sondern viele Menschen überzeugt und worüber Einigkeit besteht. Problematisch ist dabei jedoch die Glaubwürdigkeit des Verfahrens der Einigung: Gibt es bestimmte Vorrechte? Oder werden Menschen ausgeschlossen? Zudem wäre es auch möglich, dass man sich auf etwas Absurdes oder gar Falsches einigt. Daher bezieht wiederum die Kohärenztheorie nicht nur die allgemeine Zustimmung, sondern ebenfalls die Plausibilität, die logische Kohärenz und die Verstehbarkeit in die Wahrheitsprüfung mit ein. Problematisch ist hierbei ebenfalls, dass auch eine stimmige und nachvollziehbare Argumentation nicht vor der Annahme von etwas Falschem als wahr schützt. Das, was sich lebenspraktisch bewährt hat, als wahr anzuerkennen, ist der Ansatz des Pragmatismus, jedoch muss zwischen Erfolg und Wahrheit unterschieden werden.
Diese unterschiedlichen Ansätze beschreiben verschiedene methodologische Prüfverfahren der Suche nach Wahrheit. Auf dieser Basis thematisierte Bründl die Wahrheitsprüfung religiöser Glaubensüberzeugungen anhand von Vinzenz von Lérins »Commonitorium«. Das Konsensprinzip des Vinzenz von Lérins’ könne folgendermaßen definiert werden: »Das, was überall, was immer und was von allen geglaubt wird« (Universalität, Ursprünglichkeit und Konsens). In einem zweistufigen Verfahren wird im Sinne dieses Ansatzes der Glaubensinhalt zuerst synchron auf die zeitgenössische Plausibilität sowie einen universalen Konsens hin und anschließend diachron in Bezug auf strittige Fragen und Aussagen der Kirchenlehrer hin überprüft. Diese doppelte Prüfung führt jedoch selten zu einem positiven Ergebnis hinsichtlich einer Überprüfung der Wahrheitsfähigkeit des Glaubens und wird daher in negativer Weise verwendet, z. B. bei der Untersuchung dessen, was ein Christ glauben muss. Letztlich – so Bründl – müsse sich die Theologie an den Orten, an denen sie notwendigerweise gebraucht wird, aktuell und plausibel an der Gegenwart der Menschen ausrichten sowie in einem wissenschaftlichen Modus diskutiert werden, damit sie sich mit den evident überlieferten Glaubenserfahrungen auseinandersetzen, die Heilsbedeutung für jeden Einzelnen konsensuell zentrieren und sich lebenspraktisch bewähren kann.

Statement 2: »Ich war es nicht!« Warum wir lügen (müssen) und was daran problematisch ist

Prof. Dr. Thomas Weißer (Laubach), Inhaber des Lehrstuhls für Theologische Ethik, irritierte zu Beginn seines Kurzvortrags mit der Behauptung, dass die Menschen lügen müssen; man denke z. B. an die einfache Gesprächseröffnungsfloskel: »Wie geht es Ihnen?«, und die Konsequenzen für das Zeitmanagement der Dialogpartner, wenn auf diese Frage wahrheitsgemäß geantwortet würde … Im Alltag begegnen Menschen verschiedenen Semantiken unter dem Topos der »Lüge«, beispielsweise in der Werbung, dem Austausch von Höflichkeiten oder in der Ironie. Hierbei sind sie jedoch an die Regeln der Kommunikation gebunden, die sich zu festen Konventionen etabliert haben. Im ethischen Diskurs sei gem. der Definition nach Augustinus die Lüge »eine unwahre Bezeichnung mit der Absicht zu täuschen«. Die allgemeine Vorstellung, dass die Lüge in den Religionen verboten sei, widerlegte Weißer in Anlehnung an Eberhard Schockenhoff. Das achte Gebot des Dekalogs, nicht falsch bzw. nichts Falsches gegen den Nächsten auszusagen, müsse kontextuell betrachtet werden und weise lediglich auf die Wahrhaftigkeit jeder Aussage hin, die vor Gericht getroffen wird. Die Bibel greife in Texten wie Ex 1,1–21 selbst auf (Not-)Lügen zurück, begründe diese aber damit, eine Gemeinschaftsschädigung verhindern zu wollen. In ähnlicher Weise lassen sich Ergebnisse der Studie »Are liars ethical?« des SPSP deuten, die zeigen, dass selbstlose Lügner als moralischer sowie anständiger wahrgenommen werden und ehrliche Egoisten ebenfalls als weniger wohlwollend galten als prosoziale Lügner. Es gebe – so Weißer – anscheinend gute Gründe für Lügen im gesellschaftlichen Kontext. Dazu zählen z. B. der Schutz vor Verfolgung, Ehrenrettungen oder die Sicherung des Überlebens. Dass die Lüge auch problematische Aspekte besitzt, konkretisiert Augustinus als Selbstwiderspruch des Menschen, welcher sich selbst das Vertrauen in die Wahrheit durch die Lüge zerstört. Thomas von Aquin geht noch weiter als Augustinus und radikalisiert: Die Lüge mache Gemeinschaft unmöglich. Kant wiederum spricht von einer Pflicht zur Wahrheit, da ein Recht auf die Lüge nicht verallgemeinerbar sei: Eine Lüge kann schaden und, da ›Schaden‹ ein ethisches Prinzip ist, ist die Lüge auch aus ethischer Sicht problematisch.
Um die Ambivalenz zwischen der Notwendigkeit zu lügen und der problematischen Seite der Lüge deutlich zu machen, ging Weißer abschließend auf zwei Beispiele ein; zum einen auf die Frage nach der Wahrheit bzw. der Lüge im Arzt-Patient-Verhältnis: Wie viel Wahrheit verträgt der Patient? Gibt es eine Wahrheitspflicht des Arztes? Zum anderen auf die Frage nach der Wahrheit in den Medien im Hinblick auf FakeNews. In diesem Spannungsfeld von Wahrheit und Lüge diene die Wahrheit einer von vielen Überzeugungen und führe schließlich zu Propaganda, die von verschiedenen Interessen geleitet wird. Lügen zerstöre Vertrauen und sei schädlich für das Verhältnis der Menschen zueinander, lautete Weißers Fazit. Er verdeutlichte diese Problematik abschließend an einem Zitat aus der Serie »Game of Thrones«: »Ich werde doch keinen Eid leisten, den ich dann doch nicht halten kann ... Wenn genug Menschen falsche Versprechungen machen, verliert unser Wort seinen Wert. Dann gibt es keine Antworten mehr, sondern nur schlechtere und bessere Lügen. Und Lügen bringen uns nicht weiter.« (Jon Schnee in Game of Thrones).

Seminarphase und Podiumsdiskussion

Die ca. 320 teilnehmenden Oberstufenschülerinnen und -schüler setzten sich unter der Moderation von Studierenden und Dozierenden in Arbeitskreisen vertieft mit den Statements auseinandersetzen, indem offene Fragen diskutiert, Argumentationswege erörtert sowie Thesen für das abschließende Plenumsgespräch formuliert wurden. In der Pause hatten die Schülerinnen und Schüler Zeit, sich mit Brezen, welche von der Hauptabteilung Schule des Erzbistums Bamberg gesponsert wurden, zu stärken, sich auszutauschen und das Unigebäude kennenzulernen.
Das Plenumsgespräch mit den Professoren stellte den letzten Teil des Studientages dar und wurde von den Schülerinnen und Schülern genutzt, um kritische Anfragen, Unklarheiten sowie Ergebnisse aus der Seminarphase an die beiden Referenten zu richten. Die vorgetragenen Fragen und Argumentationen trugen zu einem sehr spannenden, lebhaften und produktiven Austausch über die Thematik bei.
Am Schluss des Studientags bedankte sich Prof. Dr. Konstantin Lindner bei den Schülerinnen und Schülern für ihre aktive Mitarbeit, bei den Lehrkräften sowie den beiden Referenten. Ebenfalls richtete er seinen Dank an die Studierenden und Dozierenden für die Leitung der Arbeitskriese sowie an das Team des Lehrstuhls für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts (Sekretärin Angela Grüner, die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter Marie-Theres Ultsch und Florian Brustkern sowie Akadem. Direktorin Dr. Andrea Kabus), welches für die Organisation sowie den gelungenen Verlauf des Studientags verantwortlich war.

Diesen Text verfasste Alisha Bleicher. Er steht Journalistinnen und Journalisten zur freien Verfügung.