Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Katholische Theologie

Studientag Frühjahr 2006: Lasset die Schüler zu uns kommen…

Ein Studientag der Fakultät Katholische Theologie bot 400 Gymnasiasten Einblicke in Forschung und Praxis

Von Johannes Heger

Wie kommt das Leid in die Welt? Warum werden die Menschenrechte mit Füßen getreten? Vor allem das Problem der Theodizee beschäftigte fränkische Gymnasiastinnen und Gymnasiasten auf einem spannenden Studientag an der Otto-Friedrich-Universität.

Nichts Geringeres als die „Frage nach dem Sinn menschlichen Daseins“ stellten sich am 26. April Schüler der gymnasialen Oberstufe vor allem aus Bamberg und Nürnberg. Sie waren dem Ruf der Fakultät Katholische Theologie und des erzbischöflichen Ordinariats in die Aula der Universität gefolgt, um sich aus verschiedenen theologischen Blickwinkeln einen Zugang zu diesem wichtigen Thema bahnen zu lassen. Prof. Dr. Heinz-Günther Schöttler, Dekan der Fakultät Katholische Theologie, hieß die knapp vierhundert Gäste willkommen. Schöttler bedankte sich bei allen, die sich in der Vorbereitung engagiert hatten – vor allem bei Konstantin Lindner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts. Auch Generalvikar Monsignore Georg Kestel begrüßte die zahlreichen Schülerinnen und Schüler und hob in seinen Eingangsworten hervor, dass gerade in Zeiten allumfassender Technisierung der theologischen Disziplin eine wichtige Rolle zukäme und dieser Studienweg trotz vieler Alternativen äußerst attraktiv sei.

Bevor es medias in res ging, begründete Oberstudienrat Anton May die Wahl des Themas „Frage nach dem Sinn menschlichen Daseins – Menschenwürde und Menschenrechte als theologische Stolpersteine“: Neben der individuellen Bedeutung für jeden Einzelnen sei die Problematik des „Leids und der Leiderfahrung“ unter dem Übergriff der Sinnfrage ein elementarer Baustein des gymnasialen Lehrplans im Grundkurs Religion der 12. Jahrgangsstufe und böte somit eine interessante und zugleich fruchtbare Verbindung zwischen Studientag und Schulalltag. 

Menschenwürde mit Füßen getreten

Mit einigen Impulsgedanken leitete Prof. Dr. Horst Herion zum thematischen Teil des Tages über. Er fragte bewusst provozierend, wo es überhaupt noch „Sinn geben könne, wenn die Menschenwürde allerorts mit Füßen getreten wird“ – wie dieser Tage in Potsdam, und ob man überhaupt von Menschenwürde und Menschenrechten als Stolpersteine sprechen könne, da Jesus ja eigentlich mit seiner Auferstehung das Leiden besiegt hätte.   

Theodizee und das Alte Testament

Prof. Dr. Klaus Bieberstein eröffnete den Zuhörerinnen und Zuhörern in der ersten thematischen Einheit, die den Titel „Im Angesicht des Leids – die Theodizeefrage im AT“ trug, aus dem Blickwinkel der alttestamentlichen Wissenschaft erste Perspektiven zu dem komplexen Themenfeld. Mit Hilfe einer von der fehlerhaften Einheitsübersetzung abweichenden Variante der priesterschriftlichen Schöpfungserzählung stellte er heraus, dass es neben dem Licht Gottes auch von Beginn der Zeit an Finsternis auf der Welt gab, die nicht von Gott geschaffen war. Es sei also biblisch belegt, dass die Menschen seit der Schöpfung auch mit den Schattenseiten des Lebens zu kämpfen haben. Verzweifelte und enttäuschte Fragen nach dem „lieben Gott“ angesichts des Leids auf der Welt seien somit nicht nur nachvollziehbar, sondern knüpften an eine schon im Alten Testament begründete Tradition an. Damit liefert das Alte Testament, der laut Bieberstein „größte Klassiker der Menschheitsgeschichte“, ein beeindruckendes Zeugnis zum Umgang mit der Frage nach dem Leid.

Leid im Wesen des Menschen  

Aus Sicht der Christlichen Sozialethik ging Prodekanin Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins in ihrem Beitrag das Thema an und stellte die Frage, ob „Menschenrechte als Weg der Leidensüberwindung“ angesehen werden können. Dazu unterschied sie zwischen vermeidbaren und unvermeidbaren Formen des Leids. So seien Krieg, Armut und Ungerechtigkeit – so zum Beispiel die ungerechte Verteilung der ökologischen Ressourcen zu Gunsten weniger – ein vom Menschen selbst zu bewältigendes Leid, während Krankheit und Tod im engsten Wortsinn „wesentlich“ zum Menschen gehören, er diese also nicht abwenden könne. Aus christlicher Sicht ergäbe sich aber eine begründete Hoffnung, da Gott das Leiden nicht verdränge, sondern sich diesem unterziehe. So sei Jesus am Kreuz mit seiner Frage „wozu hast Du mich verlassen?“ fleischgewordenes Zeichen dafür, dass der Mensch Gott mit seinem Leid konfrontieren dürfe.

Die Predigten über die Tsunami-Katastrophe

Heinz-Günther Schöttler stellte in seinem Vortrag ein Forschungsprojekt zu einem modernen Beispiel der Zeitgeschichte vor, das die Theodizeefrage wieder massiv in den Vordergrund gerückt hat – die Tsunami-Katastrophe im Januar 2005. Gezielt suchten Schöttler und sein Team im Internet nach veröffentlichten Predigten über das Geschehen. Dies sei besonders interessant, da es dazu keine vorgefertigten Predigten gegeben hätte und die „Glaubensmitte der Prediger“ ins Wanken geraten sei, da die Katastrophe der Leibnizschen Idee der besten aller mögliche Welten spottete. Die Studie belegt, dass sich die Prediger mittels dreier gedanklicher Modelle des Themas annahmen. Schöttler betonte, dass er den vermeintlich schwächsten Weg, der Ratlosigkeit der Menschen beizupflichten und sich einzugestehen, dass für den Menschen kein erkennbarer Sinn in einer derartigen Katastrophe zu finden sei, nicht als den schlechtesten Weg empfände.

Brisantes Thema, viele Fragen 

Viele Schülerinnen und Schüler nutzten am Ende der Veranstaltung das Angebot, Fragen, die ihnen während der Vorträge kamen, schriftlich zu stellen und von den Referenten beantworten zu lassen. Kritisch und wissbegierig sehnten sich viele Fragesteller unter anderem nach einer adäquaten Antwort auf das Problem der Theodizee. Während alle anderen Fragen weitgehend beantwortet werden konnten, stellten die Referenten abschließend heraus, dass man letztlich von der „Unlösbarkeit der Theodizeefrage“ sprechen müsse. Dies sei jedoch ein Resultat, mit dem die Menschen erst lernen müssen zu leben.

Mit freundlicher Genehmigung wurde dieser Bericht übernommen aus News Sommersemester 2006 vom 03.05.06