Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Katholische Theologie

Abschlussveranstaltung

Bei der fünften und letzten Abendveranstaltung des »Theologischen Forums« im Wintersemester 2013/2014 unter dem Titel »Lächerlicher Glaube?« stellten drei Professoren des Instituts für Katholische Theologie – Jürgen Bründl, Thomas Weißer und Konstantin Lindner – in Kurzvorträgen ihre Positionen zur Blasphemie vor und diskutierten mit über 70 Gästen.

Blasphemie, das zeigte die Vortragsreihe, ist ein brisantes Thema, zu dem sich auch Theologinnen und Theologen äußern. Viel zu selten aber sprechen Theologen miteinander über das, was Blasphemie ist und ausmacht. Die letzte Veranstaltung der Vortragsreihe »Lächerlicher Glaube?« stand unter dem Zeichen des innertheologischen Diskurses.

Jürgen Bründl machte deutlich, dass er aus Sicht der Dogmatik ein Verständnis, das Blasphemie allein als absichtsvolle Beleidigung oder Verunehrung religiöser Glaubensüberzeugungen und Gefühle für nicht hinreichend hält. Systematisch-theologisch stellt sich vielmehr die grundsätzliche Frage, inwieweit es auf Seiten des Menschen überhaupt eine angemessene Rede von Gott und dem Göttlichen geben kann. Die Lehrtradition der Katholischen Kirche hat jedenfalls auf dem IV. Laterankonzil (1215) die Wahrheitsfähigkeit menschlicher Theologie unter den Vorbehalt einer stets größeren Unähnlichkeit im Vergleich zu der Wirklichkeit Gottes gestellt. Insofern gilt es prinzipiell zwischen dem menschlichen Verständnis Gottes und Gott selbst zu unterscheiden. Positiv weist Bründl jedoch auch darauf hin, dass dem christlichen Glauben zufolge Gott selber in Jesus Christus Mensch geworden ist und sich über die spektakuläre und durchaus als anstößig wahrgenommene Menschlichkeit Jesu erkenn- und identifizierbar gemacht hat. Theologie muss deshalb gerade dieser Menschwerdung Gottes entsprechen, wenn sie eine angemessene Rede von Gott etablieren will. Dafür zeugen nach Bründl die Kreuzes-Christologie des Paulus ebenso wie die christologische Nummer 22 der Pastoralkonstitution »Gaudium et spes«, welche die Offenbarung in Jesus Christus als Offenbarung des wahren Menschen bestimmt.

Thomas Weißer machte die ethische Dimension der Rede von der deutlich. Seine These: In aktuellen Debatten spiele weniger die Unterscheidung zwischen einer angemessenen und einer unangemessenen Rede von Gott eine Rolle, vielmehr würden moralische Bewertungen in den Vordergrund gestellt. Vor diesem Hintergrund müsse Blasphemie als kommunikativer Akt (Gereon Vogel) verstanden werden, der als soziale und damit moralische Praxis zu verstehen sei. Dass das sogenannte zweite Gebot des Dekalogs als Ausgangspunkt des jüdisch-christlichen Verständnisses von Blasphemie gilt, unterstützt diese These. Denn auch hier steht ein kommunikativer Akt, die missbräuchliche Rede Gottes, im Mittelpunkt, die in einen Normenkatalog, den Dekalog, eingebunden ist. Mit einem Blick in die Geschichte der Moraltheologie konnte Weißer zeigen, dass hier lange Zeit vor allem eine individualethische Interpretation der Blasphemie vorherrschte. Blasphemie wurde im Kontext der Tugenden und Tugendpflichten thematisiert und als „haltungsbedingte Pflichtverfehlung bzw. habituelle Sünde klassifiziert. Erst im Rahmen der Neuausrichtung der Theologischen Ethik nach dem zweiten Vatikanischen Konzil verschwindet die Blasphemie aus dem Fokus ethischer Reflexion. Ein Problem der moraltheologischen Reflexion machte Weißer darin aus, dass durch die Fixierung auf die haltungsethische Frage der Lästerung Gottes und die sündentheologisch aufgeladene Verurteilung der Blasphemie die die struktur- und institutionenethischen Aspekte der Blasphemie ausgeblendet werden. Schon historisch aber wurde Blasphemie als politisches Delikt ausgelegt, das destabilisierend für Gesellschaft und Autoritäten wirkt und deshalb auch von staatlicher Seite aus verfolgt wurde. In der Gegenwart hat sich – in den meisten Ländern der Erde – das Bild gewandelt. Blasphemie bzw. der Blasphemievorwurf, so Weißer, sind heute als Hinweise darauf zu lesen, dass grundsätzlich um ein sozialverträgliches Zusammenleben in einer Gesellschaft gerungen wird, die u.a. durch eine Pluralität moralischer Überzeugungen gekennzeichnet ist. Sie wird Blasphemie zum Testfall des Miteinanders unterschiedlicher Kulturen, Religionen, Ethnien und Lebensformen. Dass die Blasphemie damit Glaubenden wie Nicht-Glaubenden wie der Gesellschaft zumutet, eine ‚soziale‘ Haltungsethik, ein Ethos des Umgangs mit moralischer Pluralität einzuüben könnte die Chance sein, die das Ringen um Blasphemie heute bereithält.

Konstantin Lindner schließlich erörterte praktisch-theologische Dimensionen des Themas. Er stellte erste Ergebnisse einer qualitativ-empirischen Studie unter Schüler/innen der 9. bis 11. Jahrgangsstufen an bayerischen Gymnasien vor. Die Probandinnen/-en waren dabei aufgefordert, zu Martin Kippenbergers Bild »Zuerst die Füße« (1990), das einen gekreuzigten grünen Frosch zeigt, und zum Cover des Satiremagazins Titanic (7/2012), das einen beschmutzen Papst vorstellt, ihre Eindrücke und Bewertungen zu notieren: Sollte es verboten werden, das jeweilige Bild zu veröffentlichen? Wenn ja, warum – wenn nein, warum nicht! Aus der Auswertung gemäß der qualitativen Inhaltsanalyse (nach Mayring) konnte Lindner erste Befunde präsentieren. So zeigt sich, dass Heranwachsende nach wie vor das Phänomen Blasphemie einordnen können. Gleichwohl nimmt mit zunehmendem Alter die Tendenz ab, Werke, die als blasphemisch eingeschätzt werden können, durch Verbot dem öffentlichen Diskurs zu entziehen. Vielmehr zeige sich, dass die Probanden/-innen differenzierungsfähig sind: Sie unterscheiden zwischen Gotteslästerung und Personenbeleidigung. So werden z.B. im bei Verbotsbegründungen hinsichtlich des Kippenberger-Bildes vornehmlich die Kontexte Gläubige, Jesus und christlicher Glaube allgemein angeführt, die es zu schützen gelte. Beim Titanic-Cover dagegen werden – sofern gefordert – Verbotsforderungen mit der Beleidigung einer Person begründet. Als interessant erweisen sich auch die Begründungen, warum die Darstellungen nicht verboten werden sollten. Hier werden zum einen Freiheits-Kategorien benannt: Freiheit der Kunst, Meinungsfreiheit, Kirchenkritik. Auch sehen die Probanden in von anderen als blasphemisch geschmähten Ausdrucksformen produktives Potential: sie könnten den christlichen Glauben voranbringen, sensibler für den christlichen Umgang mit anderen Religionsäußerungen machen, zeigten, dass »jeder sein eigenes Bild von Jesus hat«. Letztlich erweisen diese ersten Auswertungsergebnisse zum Kontext Blasphemie mehr: Religion ist weiterhin Thema für Heranwachsende; es muss zwischen Blasphemie und »neuer-Atheismus-Debatte« differenziert werden; der Blasphemie-Diskurs erweist sich zudem als religiositätsproduktiv, insofern Betrachter/innen herausgefordert werden, ihren Glauben zu reflektieren.

In der abschließenden, anregenden Diskussion zeigte sich noch einmal deutlich, dass Blasphemie Thema des theologischen Diskurses ist – aber auch immer wieder heftige Reaktionen provoziert. Die fünf Abende im Rahmen des »Theologischen Forums« im Wintersemester 2013/14 konnten Licht und vor allem Differenzierung in diese immer wieder emotional geführte Auseinandersetzung bringen.