Forschungsprojekt des Quartals

„Sind einige gleicher als andere? Experimentelle Evidenz zu Gruppenidentität und Einkommensungleichheit“

Projektleitung: Prof. Dr. Christian Proaño

Förderer: FNK, Hans-Böckler Stiftung

Inhalte und Ziele

Die dramatische Zunahme der ökonomischen Ungleichheit auf der ganzen Welt in den letzten Jahrzehnten ist zu einem zentralen Thema in der aktuellen politischen Debatte geworden. Gleichzeitig haben strukturelle, geopolitische und wirtschaftliche Verschiebungen zu noch ausgeprägteren Migrationsbewegungen nicht nur in die Europäische Union und die Vereinigten Staaten, sondern auch in andere Teile der Welt geführt. Es wurde argumentiert, dass beide Entwicklungen zur zunehmenden Polarisierung der Politik und zum Aufstieg extremer Parteien beigetragen haben (siehe z. B. Inglehart und Norris, 2016 und Alesina et al., 2019), aber es ist schwierig, ihre einzelnen Auswirkungen zu entflechten. Dies liegt daran, dass sich beide Phänomene oft gegenseitig beeinflusst haben und gleichzeitig aufgetreten sind.

Ein wichtiges Beispiel für den Einfluss beider Entwicklungen ist der Brexit. Nach der EU-Erweiterung 2004 kam es zu einem deutlichen Anstieg der Zuwanderung von Bürgern der neuen Mitgliedsländer, die sich auf der Suche nach Arbeitsplätzen in Großbritannien niederließen (Sumption und Vargas-Silva, 2020). Dies führte zu einer politischen Gegenreaktion in der britischen Politik, die nach der Wirtschaftskrise 2008 und der darauffolgenden Rezession im Brexit-Referendum gipfelte, welches das "Leave"-Lager schließlich mit knappem Vorsprung gewann. Eine weitere Folge dieses politischen Handgemenges und des knappen Sieges beim Referendum war eine zunehmende Polarisierung in Bezug auf die politische Distanz zwischen Pro- und Anti-EU-Wählern sowie zwischen Schottland und anderen britischen Gliedstaaten. Die Umfragen zeigten, dass die Einwanderung das wichtigste Argument für die Leavers war (Fisher und Renwick, 2018), aber ihre spezifische Motivation bleibt unklar: War es eine schlichte Abneigung gegen die "Ausländer" oder eher eine ökonomische Angst, dass sie der einheimischen Bevölkerung Arbeitsplätze wegnehmen und die ohnehin schon strapazierten sozialen Sicherheitsprogramme unter Druck setzen würden, wie von Fetzer (2019) diskutiert? Eine ähnliche Frage lässt sich in Bezug auf die Trump-Wähler und ihre Einstellung gegenüber lateinamerikanischen Migranten bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 stellen oder in Bezug auf einige EU-Bürger, die sich lautstark gegen den Zustrom von Flüchtlingen vor allem aus dem Syrienkrieg im Jahr 2015 äußern.

Methode

In der aktuellen Debatte über die Wahrnehmung und Akzeptanz von Zuwanderern spielen nicht nur die Veränderungen der Gesellschaft und der sozialen Identität eine wichtige Rolle, sondern auch die Verschiebungen in der Einkommensverteilung, die durch die Ankunft von Zuwanderern entstehen. In diesem Forschungsprojekt (Lustenhouwer et al. 2021) entwerfen wir ein Laborexperiment, um die Auswirkungen von Gruppenidentität auf die sozialen Präferenzen der Teilnehmer von denen des relativen wirtschaftlichen Status und damit von den Gründen für wirtschaftliche Ungleichheit zu trennen. Außerdem versuchen wir herauszufinden, welche der beiden eine größere Rolle in den Köpfen der Laborteilnehmer spielt. Weiterhin interessiert uns, wie die Einstellungen aufgrund dieser Faktoren stärker polarisieren. Unseres Wissens nach gibt es keine experimentelle Studie, die sich mit der Frage beschäftigt, ob politische Polarisierung und Abneigung gegen Umverteilung hauptsächlich durch Faktoren getrieben werden, die mit dem relativen ökonomischen Status zusammenhängen, oder eher mit sozialer Identität und Gruppenbildung.

In unserem Laborexperiment erheben wir in einer kontrollierten Umgebung Meinungen und Präferenzen für verschiedene politische Systeme. Wir konzentrieren uns auf ein Setting aus Arbeitsmarkt und Arbeitslosenversicherung, das sowohl politisch relevant als auch für unsere Probanden vertraut ist. In jedem Treatment untersuchen wir einen Pool von 28 Probanden, die wir zwei verschiedenen Typen zuordnen, die wir als "Einheimische" (20 Probanden) bzw. "Migranten" (8 Probanden) interpretieren. Wir verwenden diese politisch aufgeladenen Begriffe jedoch nicht gegenüber den Probanden im Experiment und verlassen uns stattdessen auf das neutralere Farb-Framing Grün und Lila.

Der wichtigste Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen ist, dass die Einheimischen (neben ihrer offensichtlichen Mehrheit) ein politisches Privileg genießen, indem sie ein exklusives Stimmrecht über die Art des sozialen Sicherheitsnetzes haben, das implementiert wird.

Ergebnisse

Unsere experimentellen Ergebnisse lassen sich durch die folgenden vier Erkenntnisse zusammenfassen. Erstens waren die Probanden in allen Behandlungen zumindest bis zu einem gewissen Grad durch die Aussicht auf ein höheres erwartetes persönliches Nettoeinkommen motiviert: Je höher die Beschäftigungschance, desto weniger wahrscheinlich war es, dass sie für eine Voll- oder Teilversicherung stimmten. Gleichzeitig wählten Probanden mit geringen Beschäftigungschancen eher eine Teilversicherung (statt einer Vollversicherung), wenn diese Versicherung höhere Leistungen bei einer niedrigeren Steuerbelastung bedeuten würde. Zweitens neigten Probanden aus den Ungleichheits-Treatments (mit einer günstigeren Ex-ante-Verteilung der Beschäftigungschancen) dazu, sich im Durchschnitt weniger egoistisch zu verhalten. Kombiniert man das erste und das zweite Ergebnis, so wurde das egoistischste Verhalten von Probanden gezeigt, die ex ante mit einer schlechteren Einkommensverteilung konfrontiert waren, aber das Glück hatten, die besten Beschäftigungschancen zu erhalten. Drittens - und im Gegensatz zum populären politischen Diskurs - führte die Enthüllung der Farbzugehörigkeit dazu, dass die einheimischen Probanden mit Mitgefühl gegenüber den Migranten reagierten, was sich in höheren Abstimmungsraten für das volle Versicherungssystem zeigt. Viertens war die Wahlheterogenität (d.h. die Wahlpolarisierung) höher, wenn die Gruppenidentitäten offengelegt wurden (in einer Weise, die den Migranten zugutekam) und wenn die einheimische Einkommensverteilung an die der Migranten angeglichen wurde (in einer Weise, die zum Nachteil der letzteren Bevölkerung war). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unser Experiment auf eine komplexe Beziehung zwischen dem Wahlverhalten, der Einkommensverteilung und der Gruppenidentität - und damit auch der Migration - hindeutet. Es scheint, dass der relative ökonomische Status widersprüchliche "durchschnittliche" und "marginale" Effekte hat: Subjekte neigen dazu, inklusiver zu sein, wenn sie ex ante eine privilegiertere relative Einkommensposition genießen (in Bezug auf die Bandbreite der Beschäftigungschancen, aus denen sie auswählen), aber sobald sie eine ex post Position erreichen, die angesichts ihrer ex ante Verteilung besser ist, werden sie egoistischer. Die Gruppenidentität hingegen führt tendenziell zu mehr Polarisierung, allerdings in einer Weise, die die Migranten besserstellen kann.

Gesellschaftliche Relevanz und Nutzungsmöglichkeiten der Ergebnisse

Unsere Ergebnisse bestätigen einige populäre Annahmen über die Einstellung zu Sozialversicherungen und Migration, widersprechen aber anderen. Das persönlich erwartete Einkommen war ein wichtiger treibender Faktor für unsere Probanden, die dazu neigten, umso selbstbewusster zu sein, je höher die Ex-ante-Beschäftigungschance war, die sie in der Stichprobe hatten. Die Offenbarung der Gruppenidentitäten, entgegen einer populären Annahme (Dahlberg et al., 2012 und Tabellini, 2020), hat tatsächlich Mitgefühl der einheimischen Bevölkerung gegenüber den Migranten hervorgerufen, in Übereinstimmung mit Alesina und Giuliano (2011). Allerdings waren Probanden mit einer schlechteren Ex-ante-Einkommensverteilung (also der Verteilung der Beschäftigungschancen) auch egoistischer, unabhängig von den tatsächlichen Beschäftigungschancen. Diese beiden Effekte führten ebenfalls zu einer stärkeren Polarisierung, allerdings mit gegensätzlichen Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Migranten. Eine zynische Interpretation dieser Ergebnisse ist, dass im Gegensatz zu dem, was viele einheimische Politiker behaupten, viele unserer Probanden tatsächlich bereit waren, Einwanderer zu akzeptieren und sie in das soziale Sicherheitsnetz einzubeziehen, aber nur, wenn die letztere Gruppe sichtbar ärmer bleiben würde.

Weitere Forschungen sollten diese Frage im Detail untersuchen, insbesondere das Ausmaß, in dem unsere Ergebnisse von dem Probandenpool und Deutschland (mit seiner besonderen jüngeren Geschichte) als ihrem Wohnsitzland abhängen. Ein weiteres wichtiges Thema, das außerhalb des Interessensbereichs unserer Forschung lag, ist die Rolle von Reputation und "Lock-in"-Dynamik in Gruppen mit konstanter Probandenzusammensetzung. Wir glauben, dass weitere Forschung zu diesen Themen zu weiteren wichtigen Erkenntnissen führen kann.

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