Programm zur Tagung
Staatenlose Regionalsprachen werden gewöhnlich als Minderheitensprachen aufgefasst, wobei es manchen schwerfällt, Sprachen und Dialekte zu unterschei-den. Funktional kann die Unterscheidung auf dem Konzept der Diglossie basieren. Um zu bestimmen, inwieweit eine Gemeinschaft als Sprachminderheit gel-ten kann, bieten sich die folgenden Parameter an:
• Konventionalisierter Name und Identitätsgefühl,
• Stereotype und Schibboleths: sprachliche Merkmale (oft phonetisch), die zur Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen dienen,
• Stabilität: Eine Sprache zeichnet sich im Gegensatz zum Dialekt durch ein stabileres und leichter beschreibbares System aus.
• Literatur und sprachliche Kodifizierung (Korpusplanung): die Entwicklung von Rechtschreibung, Wörterbüchern und Grammatiken,
• Politischer Status (Statusplanung): die politisch/rechtliche Anerkennung und Nutzung in Schulen oder Medien (Politolekt).
Es zeigt sich, dass am Ende politische Erwägungen (Statusplanung) eine wichtige Rolle spielen. Die Einstufung einer Gemeinschaft als Sprachminderheit bleibt so-mit mit politischen Entscheidungen und Statusfragen verknüpft
Um kollektiven Identitäten zu bestimmen, werden typischerweise Kriterien wie geteilte geschichtliche Erfahrungen, gemeinschaftliche kultische Praktiken und Überzeugungen wie auch eine gemeinsame Sprache genannt. Die Beziehung zwi-schen sprachlicher Varietät und der kollektiven Identität einer Sprechergruppe ist besonders evident. Denn in der verwendeten Sprache konstituiert sich jedes Mal ein Moment der kollektiven Übereinstimmung (oder Abgrenzung). Diese all-gemeine Erfahrung erscheint im öffentlichen Diskurs als ein Naturgesetz.
Tagung „Staatenlose Regionalsprachen zwischen Marginalisierung und Selbstbehauptung“
Mittwoch, 15.07.2026
Auf überlokaler Ebene ist sie aber Ergebnis politischen Handelns, weil sprachliche Normen nicht vorliegen, sondern aktiv geschaffen wurden. In meinem Beitrag wird die Beziehung von sprachlicher Varietät und den identitären Implikatio-nen modelliert. In der historisch-empirischen Sequenz der sprachlichen Ausbau-stufen von Genolekt, Grammolekt und Politolekt ist das entwickelte Modell ins-besondere in Bezug auf Regionalsprachen hilfreich. Es kann nicht nur zur wissen-schaftlichen Analyse von historischen wie auch gegenwärtigen Konfigurationen der Diglossie, sondern auch für sprachplanerische Prozesse der Emanzipation ganzer Sprechergruppen herangezogen werden, weil es sprachenpolitische Kau-salitäten in der geschichtlichen Identitätskonstruktion aufdeckt.
Schlagwörter: Kollektive Identität, Sprachliche Varietäten, Diglossie, Sprachaus-bau, Statusplanung.
Variety and Identity. Nation-building through language policy. Criteria such as shared historical experiences, religious practices and beliefs, as well as a common language, are typically cited as defining collective identities. The relationship between linguistic variety and the collective identity of the respective group of speakers is particularly evident since the language used al-ways constitutes an element of collective consensus (or differentiation). This generally shared experience appears in public discourse as a law of nature. At the supra-local level, however, it is the result of political action, for linguistic norms do not simply exist but have been actively created through political means. In my contribution, the relationship between linguistic variety and its implica-tions for identity is modelled. Within the historical-empirical sequence of stages of language elaboration — genolect, grammolect and politolect — the model developed is particularly useful in relation to regional languages. It can be used not only for the analysis of both historical and contemporary configurations of diglossia, but also for language planning processes aimed at the emancipation of entire groups of speakers, as it reveals the causal links between language po-licy and the historical construction of identity. Keywords: collective identity, language varieties, diglossia, language elabora-tion, status planning.
Dieser Beitrag entwirft den theoretisch-konzeptionellen Rahmen für ein systematisches, typologisches Vergleichsprojekt staatenloser Sprachen im westeuro-päischen Kulturraum. Abseits isolierter Fallstudien etabliert der Ansatz über eine übergeordnete Metaperspektive einen kriteriengeleiteten, komparativen Struk-turrahmen. Hierzu wird das konfigurationsanalytische Modell der Westeuropäi-schen Regionalsprachen (WERL) als abstrakter Prototyp eingeführt. Diese au-tochtonen Varietäten verfügen über feste Standards und fungieren für ihre Sprechergemeinschaften als primäre identitäre Kristallisationspunkte einer „staatenlosen Sprachnation“ im Dauerkonflikt mit dem Nationalstaat. Als zentra-les analytisches Bindeglied operationalisiert das Projekt die Dimension des Poli-tolekts, um die spracherhaltenden Diskurse im potenziell repressiven Umfeld ver-gleichend zu erfassen. Ziel ist eine innovative Arealtypologie staatenloser euro-päischer Sprachen im Kontext moderner Diversity & Sustainability Studies.
Schlagwörter: Typologisches Vergleichsprojekt, Westeuropäische Regionalspra-chen (WERL), Politolekt, Staatenlose Sprachen, Sprachkonflikt
‘WERL’ – Western European Regional Languages. The European configurational type of a stateless autochthonous language
This talk aims to outline the theoretical and conceptual framework for a syste-matic, typological comparative project on stateless languages within the Wes-tern and Central European cultural sphere. Moving beyond isolated case stu-dies, the approach establishes a criteria-driven, comparative structural frame-work through a higher-order meta-perspective. To this end, the configuration-analytical model of the Western European Regional Languages (WERL) is intro-duced as an abstract prototype. These autochthonous varieties possess fixed standards and serve as primary focal points of identity for their speaker com-munities, forming a ‘stateless linguistic nation’ in constant conflict with the na-tion-state.
As a central analytical link, the project operationalises the dimension of the politolect in order to comparatively analyse language-preservation discourses within a potentially repressive environment. The aim is to develop an innovative areal typology of stateless European languages in the context of modern Diver-sity & Sustainability Studies.
Keywords: Comparative typological project, Western European Regional Languages (WERL), politolect, stateless languages, language conflict
Advergenz bezeichnet die einseitige „formale oder semantische Annäherung ei-ner Varietät an eine andere“ (Mattheier 1996: 34). Entsprechende Prozesse sind im Sprach- bzw. Varietätenkontakt (auch und typischerweise in Überdachtungs-situationen von Dialekten und Standardsprachen) vielfach zu beobachten. Im his-torisch-soziolinguistischen Rückblick sind die konkreten Annäherungs- und v.a. sprachstrukturellen Ersetzungsphänomene in der Mündlichkeit oft nicht leicht zu belegen. Jedoch können die makrosoziolinguistischen, Sprachgemeinschaften als Ganzes betreffenden Prozesse, die schließlich zum language shift führen, zumin-dest ausschnittsweise in ihren Etappen und Mechanismen rekonstruiert werden. Dies wird im vorliegenden Fall anhand der okzitanischsprachigen Diasporage-meinschaften in waldensischen Sprachinseln Südwestdeutschlands gezeigt. Da-mit soll gewissermaßen von der zeitlichen und geographischen Peripherie des Okzitanischen aus ein Beitrag zum Konzept der „autochthonen staatenlosen Re-gionalsprache“ geleistet werden.
Wie in Berschin und Radatz (2005) dargestellt, ist sämtlichen Westeuropäischen Regionalsprachen (WERS) während des Mittelalters eine Phase der Diglossie ge-mein, wobei die einzelnen Regionalsprachen als Genolekte, das mittelalterliche Latein als Grammolekt fungieren (vgl. Kailuweit 1997). Mit der Entstehung des Nationalstaatgedankens zu Zeiten der Renaissance und Aufklärung wurde Spra-che nun verstärkt auch als Politolekt eingesetzt (Berschin 2006: 23; Berschin / Radatz 2015: 69). Der vorliegende Beitrag hat zum Ziel, das Konzept der Diglossie zunächst terminologisch zu fassen und anschließend zu diskutieren, inwiefern Diglossie auch für die Verwendung zeitgenössischer Varietäten und WERS eine Rolle spielt. Dies scheint vor allem mit Blick auf das europäische Französische als stark instrumentalisiertem Politolekt eine relevante Fragestellung zu sein. Wie Prohl (2019) ausführt, ging die diatopische Variation in Frankreich in den zurück-liegenden Jahrhunderten stark zurück, wohingegen die diaphasische Dimension an Relevanz gewann. In Abgrenzung zum bon usage (in der Funktion des Grammo- und Politolekts) verbreitete sich ein supra-local French (Armstrong & Pooley 2010), das in weiten Teilen Frankreichs in Alltagssituationen verwendet wird und dem Standardfranzösischen in vielen Bereichen in diglossischer Weise gegenübersteht. Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Regionalsprachen, supra-local French und bon usage beschreiben? Wie beeinflusst die spezifische Situa-tion in Frankreich die Sprachwahl mit Blick auf Regionalsprachen? Und schließ-lich: Inwiefern liefern benachbarte WERS und mit ihnen verknüpfte Ideologien Gegenentwürfe zur französischen Entwicklung?
Zahlreiche Konstellationen, in denen eine Minderheitensprache bzw. eine gesell-schaftlich-diskursiv minorisierte Sprache mit einer dominanten (National)spra-che koexistiert, kennzeichnen sich u. a. dadurch, dass implizite Konflikte oder so-gar explizite Debatten darüber enstehen, wem die Minderheitensprache denn eigentlich ‘gehört’. Diesem Themenkomplex will sich der Vortrag am konkreten Beispiel des Galicischen widmen. Dabei werden – besonders unter Bezugnahme auf sog. paleofalantes und neofalantes sowie unter Berücksichtigung eigener Vorarbeiten und solcher anderer Kolleg*innen – sowohl systemische Phäno-mene als auch gesellschaftliche Diskursdynamiken vorgestellt und diskutiert, an-hand derer sich derartige Konflikte über sprachliche ownership besonders ein-drucksvoll illustrieren lassen. Der Beitrag schließt mit der Eröffnung der Frage, inwiefern sich die angestellten Überlegungen auch auf postkoloniale Situationen in der ‘Neuen Romania’ übertragen lassen.
The aim of this paper is to shed light on the current situation of Astur-Leonese varieties (in particular Asturian in the Principality of Asturias/Spain and Miran-dese in Portugal), with a focus on their vitality, their degree of normalisation, and the effects of language contact. As “stateless languages (or varieties)” spoken in different countries, Asturian and Mirandese do not constitute a single speech community (regardless of the definition one adopts for this concept), which has allowed for the establishment of different and mutually incompatible prescrip-tive norms. Dialectal and/or normative fragmentation being considered a major obstacle to normalisation, we will also reflect on this particular—though not unique—situation, which also characterises other “stateless languages” in the Romance speaking world and beyond.
Im Fokus meines Vortrags stehen die unterschiedliche Kodifizierung des Astur- Leonesischen in Spanien (und zwar des Asturischen) und Portugal (und zwar des Mirandesischen) sowie die Faktoren – insbesondere die durch den Sprachkontakt mit den jeweiligen Amtssprachen Spanisch und Portugiesisch induzierten Diver-genzen (die „Advergenzen“) –, die zur Etablierung zweier regionaler, präskriptiver Normen geführt haben.
On the divergent codification of the Astur-Leonese language in Spain and Portu-gal
My presentation focuses on the different codification of Astur-Leonese in Spain (specifically Asturian) and Portugal (specifically Mirandese), as well as the factors – in particular, the divergences (the “advergences”) induced by language contact with the respective official languages, Spanish and Portuguese – that have led to the establishment of two regional, prescriptive norms.
Der Vortrag wird sich mit den folgenden Punkten beschäftigen:
• das spezielle Interesse am Baskischen (Michelena über Humboldts Inte-resse: “C’était un monde exotique dans un environnement familier; ce qui était tout autre se trouvait à portée de la main.” In LeSt 1973: 109);
• die baskischen Dialekte, Provinzen und Probleme der spanischen Anerken-nung Euskadis; Euskadi vs. Euskal Herria; Iparralde (Georg Kaiser) und Hegoalde (Nord und Südteil)
• das batua (Standardbaskisch)
• Institutionengeschichte und Gegenwart: politische, kulturelle, sprachli-che, schulische, universitäre Einrichtungen und Initiativen.
• die soziolinguistische Lage; “Alt-” und “Neubasken”; Initiativen der Selbst-organisation und Selbstbehauptung.
Dieser Vortrag befasst sich mit der Situation des im Südwesten Frankreichs ge-sprochenen Baskisch. Es wird dort in den historischen Provinzen des Nordbas-kenlandes (Iparralde) Labourd (Lapurdi), Nieder-Navarra (Behe-Nafaroa) und Soule (Zuberoa) gesprochen, die heute zum Département Pyrenées Atlantiques gehören. Es ist eine Varietät der ältesten in Westeuropa gesprochenen Sprache und der einzigen Sprache in der Romania, die die Romanisierung bis heute über-lebt hat. Als isolierte Sprache ist es typologisch vom Französischen und den an-deren benachbarten Sprachen vollkommen verschieden. Mit ca. 50.000-80.000 Sprechern gehört es zu den kleineren und sehr gefährdeten Regionalsprachen in Frankreich und hat ebenso wie alle anderen Regionalsprachen Frankreichs und im Unterschied zum Baskischen in Spanien keinen offiziellen Status.
1) Como es sabido, el catalán normativo contemporáneo parte de la tarea de Pompeu Fabra en el Institut d’Estudis Catalans (Normes ortogràfiques, 1913; Diccionari ortogràfic, 1917; Gramàtica catalana, 1918; Diccionari general de la llengua catalana, 1932). La publicación de estas obras y la difusión del modelo que implicaban abrió el proceso de elaboración de un estándar, que fue tomando cuerpo, con matices, en los diversos territorios. Este proceso fue gravemente afectado por la guerra civil española (1936-1939) y la dictadura franquista (1939- 1975), y tomó impulso, con ritmos diferentes en cada región, tras la instauración de la democracia y el reconocimiento parcial de los derechos lingüísticos.
2) El proyecto de investigación «El catalán antes y después de Pompeu Fabra (ss. xvii-xxi): impacto de la normativización sobre la evolución de la lengua catalana» nos ha permitido constatar en qué medida la difusión del modelo normativo fabriano ha llegado a incorporarse a los usos lingüísticos desde principios del s. xx hasta la actualidad.
3) Aquí mostraremos con datos concretos extraídos de corpus textuales informatizados en qué grado la normativización ha actuado como factor en la evolución del catalán, específicamente en el léxico. Aportaremos una tipología de casos que señalan la incorporación de palabras y el retroceso de otras, cambios semánticos y construccionales, y la difusión de materiales antiguos que habían caído en desuso durante la Edad Moderna o la generalización de otras que procedían de variedades territoriales concretas.
Los últimos datos demolingüísticos disponibles apuntan hacia una pérdida de la capacidad de atracción de la lengua catalana en todos sus territorios. Llegados a la tercera década del siglo XXI, la globalización ha surtido efectos en los ecosistemas comunicativos de las lenguas minorizadas en general y de la catalana en particular. De los diversos vértices en los que se ha sustanciado, hay un par que han tenido especial protagonismo. Uno ha sido la alteración poblacional (y lingüístico-cultural) que ha propiciado una movilidad extraordinaria. El otro, la emergencia de ecologías digitales que privilegian a las lenguas mayoritarias y hegemónicas. La lengua catalana, pues, no ha permanecido ajena a los efectos negativos que el nuevo contexto comunicativo ha propiciado. Eso sí, la devastación presenta distintos grados en función de los territorios que conforman la catalanofonía.
Mi intervención abordará un sucinto análisis del estado de las grandes variables sociolingüísticas que definen dicha capacidad de atracción: por un lado, el decalaje entre la lengua inicial y la lengua de identificación y, por otro, el estado de la transmisión lingüística intergeneracional. Se centrará, sobre todo, en dos territorios, Cataluña y el País Valenciano (Comunidad Valenciana), con lugares comunes y dinámicas divergentes.
The northernmost part of the territory where mainland Catalan is spoken as an autochthonous language has become, through the coincidences of European pol-itics in the 17th century, a province of France. Contrary to other peripheral areas of the traditionally Catalan-speaking territory, the belonging of Rosselló to the linguistic and cultural Catalan sphere has not been contested neither in the past nor in recent times. However, it shares with these other peripheral areas a pro-cess of ongoing weakening of the autochthonous tongue in favor of the state language French, resulting in structural advergence phenomena and generalized bilingualism associated with restricted language use, or entire loss of the regional language among significant groups of the locally-rooted population. Within the WERS/WERL continuum, Catalan in Northern Catalonia can be situated between ‘heartland-spoken’ and ‘emblematic’ examples, with the latter attribute being better suited for the current situation. In my talk, I will discuss this emblematic status through examples from cultural practices and artefacts.
Die Relationen zwischen okzitanischer Sprache und Kultur und Frauen mit Okzitanisch als Erstsprache und_oder Frauen aus_mit militanter Position sind seit den 1970er weiter erforscht worden, jedoch nicht in Selbstverständlichkeit in die Geschichte der occitan afars eingeschrieben.So möchte ich einen Forschungsfaden wieder aufnehmen, den ich im vergangenen Jahrhundert begonnen habe zu spinnen, einen doppelt gedrehten Faden aus dichter teilnehmender Beobachtung und Analyse in vogelperspektivischer Distanz, was zeitliche und geographische Nähe betrifft. * Die Reflexionen von 2026 gehen von der Frage aus: inwieweit ist es in dem gewählten Zeitraum von offener gesell-schaftlicher Diversifikation durch soziale Bewegungen wie des sogenannten Zweiten Feminismus ein Atout oder ein Handicap in einer WERL und für sie in politisch_kultureller Affirmation zu agieren.* Es wird einzelnen Experimenten im Languedoc und Limousin nachgegangen.
Dem der Tagung zugrunde liegenden WERL-Konzept folgend sind beide sorbi-schen Sprachen als historische WERL mit einem allgemein akzeptierten Grammo-lekt, der die Funktion einer Nationalsprache übernimmt, zu klassifizieren. Ausge-hend vom Obersorbischen beleuchtet der Vortrag in historischer Perspektive zentrale Meilensteine der Herausbildung einer einheitlichen Schriftsprache, ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Rolle von Religion und Konfession als Di-mension der Sprachinstitutionalisierung, die mitunter nicht adäquat beachtet werden.
Abschließend wird die Situation des Sorbischen im ersten Drittel des 21. Jahrhun-derts in den Blick genommen. Im Spannungsfeld zwischen symbolischem Sprach-gebrauch, Alltags- und Amtssprache werden aktuelle Herausforderungen disku-tiert, insbesondere im Hinblick auf die intergenerationelle und institutionalisierte Sprachweitergabe.
Der Vortrag untersucht die rechtlichen und politischen Unsicherheiten rund um die angestrebte Kooffizialität des Korsischen. Er zeigt, wie die Auslegung von Ar-tikel 2 der französischen Verfassung Spannungen zwischen regionaler Sprach-identität und nationaler Einheit erzeugt. Im Zentrum steht die Frage, ob rechtli-che Ambiguität vielleicht sogar in stärkerem Maße als Motor glottopolitischer So-lidarität wirkt als eine von Paris genehmigte Kooffizialität es könnte. Der Beitrag kombiniert diskurs- und machttheoretische Ansätze (Foucault und Laclau) mit mehrskaligen Analysen auf EU-, Staats- und Regionalebene. Datengrundlage sind Gesetzestexte, politische Manifeste, X-Posts mit Kommentaren sowie soziolingu-istische Erhebungen. Es soll gezeigt werden, inwiefern die Debatte um die Koofi-zialität dazu dienen kann, Korsisch in eine Typologie der WERS einzuordnen
Das Sardische, die historische Regionalsprache Sardiniens, wurde bereits im 12. Jahrhundert als Verwaltungssprache verwendet. Es verfügt daher über eine lang-jährige Überlieferung als Schriftsprache. Dennoch hat seine starke Fragmentie-rung in dialektale Varietäten, die üblicherweise in das nördliche Logudoresische, das südliche Campidanesische und das zentrale Nuoresische unterteilt werden, die Versuche, geeignete Rahmenbedingungen für eine standardisierte Orthogra-phie zu schaffen, erheblich erschwert – ganz zu schweigen von einer Referenz-grammatik oder einem Referenzwörterbuch. Wie andere Regionalsprachen ist auch das Sardische stark von struktureller, funktionaler und soziolinguistischer Italianisierung betroffen, da dies die offizielle Sprache der Republik ist – ungeach-tet der nationalen und regionalen Gesetzgebung, die den Status des Sardischen anerkennt. Ziel unseres Vortrags ist es, die historische Situation des Sardischen zu beschreiben, die im Laufe der Jahrhunderte unternommenen Bemühungen der Grammatikschreibung sowie die unternommenen Versuche, eine Lösung für eine gemeinsame Rechtschreibung zu finden, zu illustrieren und aufzuzeigen, wie der Sardischunterricht im heutigen mehrsprachigen Kontext gefördert wird.
Francoprovençal is one of the least studied Romance languages (recognized at the scientific level since Ascoli 1874). Most Romance scholars ignore basic lin-guistic and sociolinguistic facts regarding this highly endangered language spoken in eastern France, western Switzerland, and northern Italy. The talk is focusing on the situation in the Aosta Valley in northern Italy where the varieties are still spo-ken on a daily basis and learned by some children. The Autonomous Region is highly multilingual with Italian and French as official languages and Francopro-vençal, Walser German (Highest Alemannic), and Piedmontese (Gallo-Italian) spoken in different parts of the Aosta Valley. Francoprovençal and Walser Ger-man are protected by the Italian Law n. 482/1999 “Norme in materia di tutela delle minoranze linguistiche storiche” (“Law governing the protection of histori-cal linguistic minorities”).
Efforts to save the language include activities in kindergarten and at school (e.g. assembling linguistic and cultural material for a participation at the yearly Con-cours Cerlogne; www.patoisvda.org/concours-cerlogne-vallee-d-aoste/) and adult evening classes (École Populaire de Patois; www.patois-vda.org/ecole-populaire-patois/).
Bis in die 1960er Jahre war das Friaulische sehr lebendig, wurde von der großen Mehrheit der Bevölkerung außerhalb der Städte gesprochen. Friaulisch wurde als Sprache und nicht als Dialekt betrachtet. Dann begann die Substitution durch das Italienische und es erstanden kleine, sehr kämpferische Vereine und eine natio-nalistische Partei. Diese Bewegung wurde aber schnell bedeutungslos. 1996 wurde das erste, schwache Regionalgesetz zum Schutz des Friaulischen verab-schiedet, das die offizielle Rechtschreibung und Morphologie festlegte. 1999 folgte das noch schwächere Staatsgesetz. Die Präsenz der Sprache ist heute in Medien und Schulen minimal, es existiert kein privater Verein zur deren Förde-rung und die Zahl der Aktivisten ist sehr gering. Überraschenderweise gibt es aber immer noch relativ viele junge Sprecher (s. die Umfrage von 2023/2024)
Der Beitrag untersucht das Ladinische der Dolomiten im Spannungsfeld von Mar-ginalisierung und Selbstbehauptung anhand neuerer soziolinguistischer und perzeptionsdialektologischer Daten (u. a. CLAM 2021; Melchior 2023; Colcuc 2025). Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich Marginalisierung und Selbstbe-hauptung in Sprachpraktiken, institutioneller Verankerung sowie öffentlicher und wissenschaftlicher Sichtbarkeit manifestieren. Das WERS-Modell nach Ber-schin/Radatz (2005) dient hier als systematischer Vergleichsrahmen. Im Kontext des Ladinischen gelten Marginalisierung und Selbstbehauptung nicht (nur) als aufeinanderfolgende Stadien, sondern als gleichzeitig wirksame Dynamiken, die sich je nach Raum- und Sprachkonstellation unterschiedlich ausprägen. Ihre ver-gleichende Beschreibung kann offene Forschungsfragen und Ansatzpunkte für empirisch fundierte sprachplanerische Überlegungen sichtbar machen.
Das Nordfriesische ist eine der durch die europäische Sprachencharta geschützte und den schleswig-holsteinischen Handlungsplan Sprachenpolitik geförderte Minderheitensprachen Deutschlands. Sie wird als autochthoner Kulturschatz wertgeschätzt, sieht sich aber weiterhin schwindenden Sprecher*innenzahlen ausgesetzt. Ausgehend von dem WERL Konzept werden in diesem Vortrag sozio-linguistische Problemlagen erläutert, die einer vergleichenden Analyse verschie-dener Sprachen dienlich sein können. Hierbei werden im Besonderen folgende Thematiken angesprochen
Sprachideologien in top-down Sprachenpolitik
Sprachpurismus und Normautoritäten innerhalb einer Sprachgemein-schaft
Rolle von Bildungsinstitutionen in der Förderung außerschulischen Sprach-gebrauchs
Plattdeutsch erfüllt die Kernkriterien einer WERL in besonderem Maße: autoch-thon, kodifiziert und staatenlos. Gleichzeitig nimmt es unter den westeuropäi-schen Regionalsprachen eine Sonderstellung ein, denn es ist –anders als etwa Baskisch oder Walisisch- keine Sprache einer kompakten regionalen Gemein-schaft, sondern eine globale Diasporasprache mit Sprechern auf mehreren Kon-tinenten. Der Vortrag skizziert zunächst die historische Entwicklung vom Altsäch-sischen über die niederdeutsche Hansesprache bis zum Rückzug vor dem vorrü-ckenden Hochdeutschen. Im Hauptteil werden die heutigen Erscheinungsformen des Niederdeutschen vergleichend betrachtet: das norddeutsche Plattdeutsch, das mennonitische Plautdietsch in Lateinamerika und Nordamerika sowie das Po-merano in Brasilien als anerkannte Minderheitensprache. Ein besonderes Augen-merk gilt dabei dem Phänomen der Stabilisierung durch Sprachkontakt: Entleh-nung und strukturelle Restrukturierung durch Russisch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch haben in den Diasporavarianten nicht zum Sprachtod geführt, son-dern zur Konservierung und Weiterentwicklung der Sprache beigetragen, ein Be-fund, der
With roughly 2,000 languages, Africa is characterized by a great degree of linguis-tic diversity. Most of these languages share the key characteristics that Radatz and Berschin identify for Western European Regional Languages (WERLs): they are indigenous to their respective regions, constitute distinct linguistic systems, and lack official language status. Like WERLs, they often coexist in diglossic set-tings with Romance languages and are not always fully standardized or codified. The major differences are that they are not European and that they did not ex-perience the medieval period of widespread diglossia with Latin that shaped the development of many WERLs. Nevertheless, the similarities clearly outweigh the differences, making a comparison between WERLS and African Regional Lan-guages (ARLs) in contact with Romance languages particularly promising. This presentation examines the main types of ARLs and highlights both the common-alities and the distinctive features that emerge from a comparative perspective
Fortlaufend aktualisierte Zeitplan
15.07.26 – MITTWOCH
14.15 h
Begrüßung
Orga
14.30 h
Dialekt, Sprache, Minderheitensprache, Regionalsprache: Kriterien der Abgrenzung
Martin Haase
15.00 h
Varietät und Identität: Nation-building durch Sprachpolitik
Benno Berschin
15.30 h
WERS - Westeuropäische Regionalsprachen. Der europäische Konfigurationstyp einer staatenlosen autochthonen Sprache
Hans-Ingo Radatz
16.00 h
Kaffeepause
Tagungshaus
16.30 h
Advergenz: historisch soziolinguistisch gespiegelt
Matthias Heinz
17.00 h
Diglossie und Sprachwahl
Tanja Prohl
17.45 h
Apéritif
Hilfskräfte
19.00 h
Abendbrot
Tagungshaus
16.07.26 – DONNERSTAG
09.00 h
Sprachliche ownership: Gedanken vom galicischen Westrand der Iberoromania
David Gerards
09.35 h
Two and a half standards for two languages within one single linguistic area? Comparative perspectives on the current state of Astur-Leonese
Bernhard Pöll
10.10 h
Zur divergierenden Kodifizierung des Astur-Leonesischen in Spanien und Portugal
Aurelia Merlan
10.45 h
Kaffeepause
Tagungshaus
11.10 h
Baskisch (Euskera) in Spanien: Status, Stellung, Selbst- und Fremdverständnis
Bernhard Hurch
11.45 h
Das Baskisch in Frankreich
Georg Kaiser
12.30 h
Mittagessen
14.00 h
La difusión del modelo lingüístico normativo en catalán: la norma como factor de cambio lingüístico
Josep Martines
14.35 h
La vitalidad contemporánea de la lengua catalana: una valoración entre luces y sombras
Miquel-Àngel Pradilla
15.10 h
Kaffeepause
15.35 h
The position of Northern Catalonia in the uniWERS
Claus Pusch
16.10 h
La parole re_naissante: femmes d’òc Corps_langue_empowerment Blick zurück ins segle XX * Analyse und Ausblick
Ulrike Brummert
16.45 h
Besichtigungsprogramm
Pater Werner/Organist Hagel
19.00 h
Abendbrot
Tagungshaus
17.07.26 – FREITAG
09.00 h
Das Sorbische in der Lausitz: Zwischen Assimilation und Aufbruch
Lubina Mahling
09.35 h
Down by law? Kooffizialität des Korsischen
Rolf Kailuweit
10.10 h
Sardisch: Historischer Hintergrund, Grammatikschreibung, Standardisierung
Eva Remberger/Rosangela Lai
10.45 h
Kaffeepause
Tagungshaus
11.10 h
Francoprovençal in the Aosta Valley: Vitality and Status
Marc-Olivier Hinzelin
11.45 h
Friaulisches: Schwaches Interesse, schwache Schutzmaßnahmen und doch lebendig?
Davide Turello
12.30 h
Mittagessen
Tagungshaus
14.00 h
Zur soziolinguistischen Gegenwartslage des Ladinischen zwischen Marginalisierung und Selbstbehauptung
Beatrice Colcuc
14.35 h
Sprachenpolitik und Nordfriesisch
Nils Langer
15.10 h
Kaffeepause
Tagungshaus
15.35 h
Plattdeutsch als Weltsprache: Von der Hansesprache zur globalen Diasporasprache
Joachim Steffen
16.10 h
From Western European to African Regional Languages: A Cross-Linguistic Comparison
U. Reutner
16.45 h
Tagungsende
Orga.
19.00 h
Festlicher Abschluss im Goldenen Hirschen
Radatz
Diese Veranstaltung wurde von folgenden Institutionen unterstützt:

