Dirigent Wilhelm Schmidts präsentierte beim Konzert zum Semesterbeginn ein bemerkenswertes Programm.

Das Kammerorchester der Universität Bamberg nutzte bewusst den besonderen Klang der AULA.

Die Streicher sorgten ebenfalls für weitere klangvolle Momente.

Solist Nimrod Guez bei einem Solopart, der zu einem Glanzpunkt des Abends wurde.

Kultur & Sport

Reminiszenzen – Erinnerungen

Konzert des Kammerorchesters zum Semesterbeginn

Zum Auftakt des Wintersemesters 2018/2019 präsentierte das Kammerorchester der Universität Bamberg zusammen mit dem Violisten Nimrod Guez unter der Leitung von Wilhelm Schmidts am ersten Novembersonntag in der AULA ein bemerkenswertes Programm. Es bestand aus einer Auswahl von fünf Werken des 20. Jahrhunderts mit dem thematischen Zusammenhang der Reminiszenz, also der Erinnerung, Assoziation oder Hommage.

Vergangenes, in seiner Einstimmigkeit gewissermaßen Archaisches, wenngleich ohne explizite musikalische oder thematische Bezüge wussten die Ausführenden mit dem einleitenden Prélude à l’unisson aus George Enescus Suite d’Orchestre op. 9 zu suggerieren -  mit einem durchgehenden, beeindruckend sauberen Unisono der Streicher, das in weichen Phrasierungen Anklänge an osteuropäische Volksweisen mit einer freien Tonalität in der Melodieführung verband. Mit anschwellender Intensität mündete der ohne Harmoniestimmen dennoch vielfarbig musizierte Gesang der Instrumente in ein von einem wirkungsvoll aufgebauten Paukenwirbel getragenes Crescendo, das gleichermaßen sanft wieder zurückgenommen wurde, bis die Musik in einem Nichts verschwand, das noch so sehr zur Musik gehörend schien, dass der Applaus erst mit einiger Verzögerung einsetzte.

Dynamisch, zart, spannungsvoll – so verschieden waren die Klangwirkungen

Zwei weitere Werke des Abends folgten ebenfalls diesem dynamischen Schema der allmählichen Steigerung auf einen Höhepunkt zu, gefolgt von einem allmählichen Abklingen: Arvo Pärts Cantus in Memory of Benjamin Britten und die Béla Bartók gewidmete Musique funèbre des polnischen Komponisten Witold Lutosławski. Doch wie verschieden waren die Klangwirkungen, die Wilhelm Schmidts mit dem Orchester aus den Partituren herausarbeitete! Da waren Arvo Pärts unaufhörlich absteigende Linien in Sekund-, Terz- und Quartklängen, sich zunehmend in diatonischen Clustern des natürlichen a-Molls verdichtend, den wiegenden Dreiertakt fast einhüllend, dynamisch sich vom dreifachen Piano bis zum dreifachen Forte steigernd; dazu der stetige Puls einer Glocke, deren letzter zarter Anschlag sich aus dem spannungsvoll ausdirigierten, tiefen a-Moll-Schlussakkord des Orchesters stimmungsvoll herauslöste.

In Witold Lutosławskis zwölftöniger Trauermusik dagegen entwickelte das Orchester die Bewegung aus den tiefen Streichern heraus und in mehreren „Anläufen“, die gleichmäßige Bewegung der Halben Noten mit scharfen Akzenten strukturierend, bis hin zum schmerzhaften Aufschrei, dem im „Epilog“ eher eine Rückkehr zum Anfang als ein offener Ausklang folgte, inklusive der Reminiszenz eines Bach‘schen „Zwölfton“-Themas aus dem Wohltemperierten Klavier, die zum Schluss noch deutlicher vernehmbar war.

Spannung zwischen stiller Trauer und bewegter Klage

Zwischen Arvo Pärt und Witold Lutosławski und damit im Zentrum des Programms stand Paul Hindemiths Trauermusik, die nicht nur im Hinblick auf den innerhalb von einem Tag anlässlich des Todes George V. von England komponierten Geniestreichs Paul Hindemiths, sondern auch auf die Ausführung des Soloparts durch den international renommierten Bratschisten Nimrod Guez zu einem Glanzpunkt des Abends wurde. In der Spannung zwischen stiller Trauer und bewegter Klage war der Klang einer Viola zu hören, den man gerne noch mit Nimrod Guez’ Interpretation von Paul Hindemiths Schwanendreher weitergenossen hätte, der in jenem Londoner Januarkonzert von 1936 eigentlich auf dem Programm stand.

Mit Ralph Vaughn Williams’ Fantasia on a Theme by Thomas Tallis folgte zum Schluss das für das Orchester und seinen Leiter vielleicht herausforderndste Werk des Abends, sowohl von dessen Umfang als auch seiner Aufteilung in zwei Orchester her, deren eines mit deutlichem Abstand im hinteren Teil des Chors Stellung bezog. Ein daraus resultierender, besonders räumlicher Sound breitete sich bereits mit dem ersten Akkord überraschend hörbar im ehemaligen Dominikanerbau aus, dessen Akustik Wilhelm Schmidts und das Orchester auch schon in den vorangehenden Werken des Programms gut auszunutzen wussten. Während der „Fantasia“ wurden noch einige weitere Effekte herausgearbeitet, zum einen in der dynamischen Durchlässigkeit von den tiefen hin zu den hohen Streichern, sodann aber auch in den gut hörbaren Abstufungen etwa zwischen den Violinen und den Bratschen in ihrem Wechsel von Melodie- und Begleitstimme, und natürlich in den (Echo-)Effekten zwischen den Orchestern. Ein zusätzliches Highlight war der beredte und gut abgestimmte Dialog der Solo-Streicher, bevor sich das beziehungsweise die Orchester mit einem volltönenden Finale vom begeisterten Publikum in der voll besetzten AULA verabschiedete.

Ein kurzes Video des Konzerts finden Sie auf der Facebook-Seite der Universität.