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Joachim Kügler und Johanna Stiebert erforschen gemeinsam die Bibel in Afrika.

Wissenschaft & Praxis

Zwischen Judaistik und Lady Gaga

Friedrich Wilhelm Bessel-Forschungspreisträgerin Johanna Stiebert ist zu Gast

Die Bibel scheint für viele in der heutigen Zeit als verstaubtes, nicht mehr aktuelles Werk in Vergessenheit zu geraten. Doch klassische biblische Symbole wie Adam und Eva, Paradiesgarten oder Dornenkrone lassen sich nicht nur in Musikvideos von Künstlerinnen und Künstlern wie Lady Gaga, Michael Jackson oder Kanye West finden, auch in der Werbung werden sie verwendet und machen deutlich, wie verankert diese Symbole in den Köpfen der Menschen sind. Prof. Dr. Johanna Stiebert von der englischen University of Leeds ist seit August 2017 Gastwissenschaftlerin an der Universität Bamberg und beschäftigt sich in ihren Fachbereichen der Religionswissenschaft und Judaistik mit eben diesen Symbolen.

Doch ihr Forschungsspektrum rund um die Hebräische Bibel geht noch viel weiter: Für ihre Analysen zieht sie das Alte Testament und die Schriften vom Toten Meer heran und liest zwischen den Zeilen dieser alten jüdischen Texte, was sie über den sozialen Kontext der damaligen Zeit aussagen, aber auch, was sie für die Welt von heute bedeuten. „Die Texte sind schon so alt und haben dennoch nichts von ihrem Wert eingebüßt. Sie sind nicht nur historisch interessant, sondern haben auch in unserem Alltagskontext weiterhin Bedeutung“, erklärt Johanna Stiebert.

Heute noch relevante positive Aspekte seien dabei unter anderem Schutz und Fürsorge für die Verletzlichsten der Gesellschaft wie Waisen und Witwen, beispielsweise beschrieben im zweiten Buch Mose (22.22-23). Aber auch auf gegenwärtige Phänomene wie häusliche Gewalt oder sogenannte rape cultures, soziale Gesellschaften, in denen Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt verbreitet sind und weitgehend geduldet werden, lassen sich in der Bibel bereits Hinweise finden. Zum Beispiel im ersten Buch Mose (34) oder im zweiten Buch Samuel (11 und 13). Johanna Stiebert forscht insbesondere dazu, welchen Aufschluss die Bibelstellen darüber geben, wie die Gesellschaft zum Zeitpunkt der Entstehung der Bibeltexte mit der beschriebenen Gewalt umging. „Ich finde es bemerkenswert, wie besorgniserregend leicht sie bereits damals heruntergespielt und einfach akzeptiert wurde“, fasst Johanna Stiebert ihre Erkenntnisse zusammen.

Die Bedeutung der Bibel in Afrika

Des Weiteren interessiert Johanna Stiebert, wie die Bibel aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Kulturen gelesen und interpretiert wird, und welche Bedeutung sie dort hat. Hier konzentriert sie sich vor allem auf die englischsprachigen afrikanischen Länder wie Botswana, Ghana oder Südafrika, in denen der christliche Glaube stark vertreten ist. Einem historischen Überblick über die Bibelwissenschaften seit der Unabhängigkeit ausgewählter afrikanischer Länder von ihrer britischen Kolonialmacht wird sie sich im Rahmen ihres einjährigen Forschungsaufenthaltes an der Universität Bamberg widmen.

Zu Gast ist sie am Lehrstuhl für Neutestamentliche Wissenschaften von Prof. Dr. Joachim Kügler, den sie durch seine internationale Forschungsreihe Bible in Africa Studies kennenlernte und mit dessen Unterstützung sie sich auf den vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Friedrich Wilhelm Bessel-Forschungspreis bewarb. Dieser wurde ihr im Oktober 2016 von der Alexander von Humboldt-Stiftung, bei der sie auch Stipendiatin ist, verliehen. Er ist mit 45.000 Euro dotiert und richtet sich an exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Ausland, die durch ihre Arbeiten bereits internationale Anerkennung gefunden haben. „Es ist toll, eine der wichtigsten Bibel-in-Afrika-Forscherinnen hier in Bamberg zu haben, und ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit zu den Themen ‚Bibel‘, ‚Gender‘ und ‚Afrika‘“, erklärt Kügler.

Spannende Erkenntnisse im Austausch mit Studierenden

Die Bibelwissenschaftlerin mit deutschen und neuseeländischen Wurzeln verbrachte ihre frühe Kindheit in Hamburg. Sie studierte zunächst Hebräisch und Englisch an der neuseeländischen University of Otago, bevor es sie für ihren Master in Alttestamentlichen Wissenschaften nach Cambridge in England zog. Sie promovierte 1998 in Hebräischer Bibelwissenschaft an der University of Glasgow in Schottland und hat seitdem in England, Botswana, Indien, Wales und den USA gelehrt und geforscht. Während ihres Aufenthaltes in Bamberg freut sie sich besonders auf den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen sowie den Studierenden: „Ich bin sehr gespannt auf die neuen Blickwinkel und Meinungen zu den biblischen Texten, mit denen ich mich selbst schon so lange befasse, und erhoffe mir spannende Erkenntnisse darüber, wie sie hier gelesen und gedeutet werden“, so Johanna Stiebert. Beispielsweise befasst sie sich seit Oktober gemeinsam mit Joachim Kügler und seinen Doktorandinnen und Doktoranden in einem Seminar mit Problemen und Neuansätzen aktueller Bibelwissenschaft.