Wie würden die Bahn-Beschäftigten wohl auf einen Störfall im Bahnhof Bamberg reagieren?

Netzleitzentrale der DB Netz AG in Frankfurt am Main

Hier laufen die Fäden zusammen: Rücken an Rücken koordinieren die Bahn-Beschäftigten in der Netzleitzentrale in Frankfurt den Schienenverkehr in ganz Deutschland.

Netzleitzentrale der DB Netz AG in Frankfurt am Main

An bis zu zehn Monitoren gleichzeitig verfolgen die Bahn-Beschäftigten in der Netzleitzentrale in Frankfurt den Schienenverkehr in ganz Deutschland.

Lasse Gerrits macht Forschung zu komplexen Netzwerken auch in einer von ihm herausgegebenen wissenschaftlichen Zeitschrift zugänglich.

- Andreas Kraft

„Die Bahn braucht dringend eine bessere Infrastruktur“

Politologe Lasse Gerrits erforscht das Störungsmanagement der Deutschen Bahn

Jeder kennt es: Der Zug kommt wieder mal zu spät, der Wagen, in dem der reservierte Sitzplatz sein sollte, fehlt ausgerechnet heute und zu allem Überfluss ist es im Zug wahlweise viel zu kalt oder viel zu warm. Doch am Schluss kommt man doch immer irgendwie an. Mal mit zwanzig Minuten Verspätung, mal mit einer Stunde, ziemlich oft aber auf die Minute pünktlich. „Das deutsche Schienennetz ist äußerst komplex. Da grenzt es schon an ein Wunder, dass es überhaupt funktioniert“, sagt Dr. Lasse Gerrits, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bamberg. „Dass die Bahn es dennoch schafft, meistens pünktlich zu sein, ist eine enorme Leistung.“

Er untersucht derzeit in einem europaweiten Forschungsprojekt das Störungsmanagement der Bahn-Beschäftigten in Deutschland, Schweden, Belgien, Dänemark, Österreich und den Niederlanden. Er konzentriert sich dabei weniger auf die Hardware, sondern vor allem auf die sozialen Aspekte, auf die Beziehungen zwischen dem Personal in Fahrdienst, Stellwerk und Zugdisposition, die alle in einem sozialen Netzwerk zusammenarbeiten, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Wie kommunizieren sie? Wie lösen sie Probleme? Wie sind die persönlichen Beziehungen? Und was passiert, wenn ein Störfall den normalen Betriebsablauf durcheinanderbringt?

Das Projekt untersucht damit erstmals systematisch und länderübergreifend, welche Lösungen im Störungsmanagement unter welchen Bedingungen funktionieren. Mithilfe von Netzwerkanalysen, die sichtbar machen, wer wann mit wem in Verbindung steht und was kommuniziert wird, untersucht der Wissenschaftler auch, in welchen Punkten sich die Verfahren in den jeweiligen Ländern unterscheiden und was sich gegebenenfalls verbessern ließe. Das Gesamtprojekt läuft über fünf Jahre und wird von der niederländischen Bahngesellschaft ProRail und der niederländischen Forschungsgesellschaft NWO mit 600.000 Euro unterstützt. Für seine Forschung in Deutschland ermöglicht ihm die Deutsche Bahn den Zugang zu den entsprechenden Steuerungszentralen und den Beschäftigten dort.

Erste Ergebnisse des Projekts zeigen, wie unterschiedlich die Strukturen des Bahnverkehrs in den untersuchten Ländern sind

Obwohl Gerrits mit seiner Forschung für Deutschland kürzlich erst begonnen hat, kann er beispielsweise bei den Strukturen des Bahnverkehrs schon grundlegende Unterschiede zu den Nachbarländern auf den Punkt bringen: Die Abläufe sind in Deutschland viel hierarchischer organisiert als etwa in den Niederlanden oder in Dänemark. Zudem ist für bestimmte Meldungen eine feste Form vorgeschrieben: Vorfälle, an denen Personen beteiligt sind, müssen schriftlich dokumentiert werden. Die Beschäftigten müssen ein Formular ausfüllen, es eigenhändig unterschreiben und dann an ihre Vorgesetzten faxen. „In Dänemark telefonieren die Zuständigen einfach miteinander und lösen das“, sagt Gerrits.

Ob diese Bürokratisierung ein Nachteil ist, kann Gerrits zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Es könnte sogar das Gegenteil der Fall sein: „Der Zugverkehr in Deutschland ist hochkomplex. Das Netz ist ja riesig.“ Zudem liegt es in der Mitte Europas, viele Züge fahren durch Deutschland, etwa auf dem Weg von den Niederlanden nach Polen. „Insgesamt sind in Deutschland Züge von über 400 Eisenbahngesellschaften unterwegs. Das gibt es nirgendwo sonst.“ Eher informelle Lösungswege, wie sie in Dänemark praktiziert werden, seien also möglicherweise gar nicht machbar.

Investitionen ins Schienennetz sind nötig

Neben den sozialen Aspekten rückt bei Gerrits Analysen aber auch die Technik an sich in den Blick. Hierbei sind für Gerrits die zum Teil veralteten Anlagen der Deutschen Bahn besonders auffällig. „Die Bahn braucht dringend eine bessere Infrastruktur“, sagt der Politikwissenschaftler. So lassen sich beispielsweise in den Niederlanden alle Weichen zentral von Computern steuern. In Deutschland sind dagegen noch einige Weichen in Betrieb, die nur von Hand umgestellt werden können. Das System Schienenverkehr werde dadurch noch komplexer und lasse sich schwerer steuern. „Dort muss immer jemand zu der Weiche hinkommen und von Hand kurbeln“, sagt Gerrits. Doch für ein technisches Update fehlt der Bahn schlicht das Geld. „Hier ist eindeutig die Politik gefordert. Sie müsste dringend in das Schienennetz investieren“, rät Gerrits.

Das politikwissenschaftliche Konzept, mit dessen Hilfe Gerrits das Störungsmanagement analysiert, bezeichnet die Wissenschaft als Governance: Während früher der König seinen Untergebenen einfach Anweisungen gab, ist das Regierungshandeln in modernen Bürokratien viel komplexer. Staatsbedienstete auf zahlreichen Ebenen arbeiten dabei zusammen und werden auch von der Politik beeinflusst. Dabei entstehen Netzwerke zwischen zahlreichen Beteiligten – etwa beim Ausbau einer Bahnstrecke: Hier müssen sich Bahn, DB-Netz, die Regierungsparteien in Berlin, aber auch Verwaltung, Politik und die Bevölkerung vor Ort darüber verständigen, wie die neue Bahnstrecke im Detail gebaut werden soll.

Auch im Bahnverkehr lässt sich Governance beobachten. Für den Politikwissenschaftler ist dieser Fall besonders interessant, weil es hier im Aushandlungsprozess immer wieder zu Störungen kommt. Er kann dann untersuchen, wie das Netzwerk auf solche Störungen reagiert. Wie robust es ist, wann es zusammenbricht und vom Chaos abgelöst wird, aber auch, wie lange es braucht, um wieder normal zu funktionieren. In seinem Forschungsprojekt will Gerrits mehr über diese sogenannten Tipping Points herausfinden, um so die politische Theorie zu komplexen Netzwerken weiterentwickeln zu können.

Netzwerke sind große Frage unserer Zeit: Antworten finden sich in wissenschaftlicher Zeitschrift der Universität Bamberg

„Wir alle sind heute vielfach vernetzt“, sagt Gerrits. „Im Beruf, aber auch privat.“ Durch moderne Kommunikationsmittel wie Telefon, E-Mail und Internet sind nahezu alle weltweit jederzeit erreichbar. Dabei werden die Netzwerke immer komplexer, und es entstehen mehr und mehr Abhängigkeiten, die unser Leben beeinflussen. „Wie solche Netzwerke funktionieren ist daher eine der großen Fragen unserer Zeit“, sagt Gerrits. „Im Störungsmanagement der Bahn finden sich hierfür besonders prägnante Beispiele.“

Als Chef-Redakteur und Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift Complexity, Governance & Networksverbindet der Bamberger Professor weltweit Forscherinnen und Forscher, die sich mit komplexen Netzwerken beschäftigten, und schafft eine Plattform, über die sie sich austauschen können. Die Zeitschrift will aber auch eine Brücke in die Praxis sein und Führungskräften in Verwaltung, Politik und Management einen Einblick geben, wie Netzwerke funktionieren. Alle Aufsätze sind als Open Access Publikationen sowohl für Forschende und Studierende als auch für alle Interessierten frei zugänglich. Herausgegeben wird die Zeitschrift vom Verlag der Universität Bamberg, der University of Bamberg Press.