Dr. Sarah Becker vom Lehrstuhl für Empirische Bildungsforschung hat im Sommersemester ausschließlich Online-Kurse durchgeführt.

Wilhelm Schmidts aus der Bamberger Musikpädagogik und Musikdidaktik war einer der ersten Dozierenden, die wieder Präsenzveranstaltungen durchführen konnten.

- Hannah Fischer

„Das Sommersemester war eine Chance, die Digitalisierung an Hochschulen voranzubringen“

Zwei Lehrende der Universität Bamberg berichten von ihren Erfahrungen im Sommersemester 2020.

Dr. Sarah Becker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Empirische Bildungsforschung. Sie hat im Sommersemester 2020 ihre Lehrveranstaltungen im Online-Format durchgeführt. Wilhelm Schmidts ist seit 2014 Lehrkraft für besondere Aufgaben am Lehrstuhl für Musikpädagogik und Musikdidaktik. Er war einer der ersten Dozierenden, die wieder Präsenzveranstaltungen durchführen durften. Im Interview erzählen die beiden, wie sie das Sommersemester wahrgenommen haben, welchen Mehraufwand sie im Vergleich zu einem „normalen“ Semester hatten und was sie an Erkenntnissen mit ins Wintersemester nehmen.


Wie viele Lehrveranstaltungen haben Sie im Sommersemester 2020 gegeben und wie haben Sie diese umgesetzt?
Becker: Ich hatte im Sommersemester zwei Seminare. Am Lehrstuhl haben wir global entschieden, dass wir die ursprünglich geplanten Seminarinhalte komplett ändern müssen. Normalerweise gibt es im Psychologie-Grundlagenmodul für erziehungswissenschaftliche Studierende eine Grundlagenvorlesung über zwei Semester und zwei Vertiefungsseminare, die inhaltlich breit gefächert sind und einen höheren Praxisanteil haben. Das wäre online nicht möglich gewesen. Deshalb wurden alle Seminare online als Begleitkurse zur Vorlesung angeboten. Nach der Vorlesung konnten jeweils Fragen schriftlich beantwortet werden, die dann in den Online-Seminaren besprochen, diskutiert und vertieft wurden.

Schmidts: Ich hatte neben zwei praxisbezogenen Veranstaltungen vier musikalische Ensembles der Uni zu betreuen: Uniorchester, Unichor, Kammerorchester und Kammerchor. Als noch keine Präsenzveranstaltungen möglich waren, habe ich auf Online-Formate zurückgegriffen. In den meisten musikpraktischen Bereichen waren Online-Alternativen für die musikalische Gruppenarbeit aber nicht praktikabel und konnten den Präsenzunterricht auf keinen Fall ersetzen. Die Präsenzveranstaltungen haben wir dann ab Anfang Juni im Irmler Musiksaal mit je maximal 15 Personen wieder aufgenommen. Wenn man bedenkt, dass wir unter normalen Bedingungen in diesem Saal mit teilweise 200 Personen proben, ist das schon sehr wenig.

Haben die Lehrveranstaltungen für Sie in diesem Semester Mehraufwand bedeutet?
Becker: Im Vergleich zu den letzten Jahren habe ich pro Woche etwa einen Tag mehr für die Lehre aufwenden müssen. Das individuelle schriftliche Feedback auf die bearbeiteten Aufgaben der Studierenden war mit einem hohen Zeitaufwand verbunden. An vielen Punkten brauchte es im Online-Seminar mehr Struktur, Kreativität und methodische Vielfalt, um die Studierenden abzuholen und einzubinden. Vieles mache ich sonst intuitiv und spontan im Seminarraum.

Schmidts: Wir haben am Lehrstuhl für Musikpädagogik eine sehr spezielle Situation, die kaum vergleichbar ist mit anderen Fächern. Der Mehraufwand war sehr groß. Im Vorfeld mussten Hygienekonzepte erstellt und Anträge für die Praxisveranstaltungen gestellt werden. Das haben wir bereits Ende Mai gemacht. Die Bewilligung der Anträge erfolgte aber sehr schnell, sodass wir Anfang Juni mit den Präsenzveranstaltungen starten konnten. Hier sind wir allen Entscheidungsträgerinnen und -trägern sehr dankbar. Da an jeder Präsenzveranstaltung nur 15 Personen teilnehmen konnten, war es bei den musikalischen Ensembles eine Herausforderung, den Ablauf zu so organisieren, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mitwirken können. Statt einmal in der Woche zwei Stunden, mussten wir gestaffelt in den Kleingruppen je eine Stunde proben. Insgesamt waren das dann etwa vier bis fünf Stunden, bis alle Gruppen geprobt hatten.

Wie haben Studierende das Angebot angenommen?
Becker: Natürlich gab es Herausforderungen. Eine vorwurfsvolle Stimmung habe ich aber nicht wahrgenommen – eher Dankbarkeit, dass das Semester überhaupt stattfinden konnte. Bedenken hatte ich zunächst bei den Aufgaben, die die Studierenden eigenständig und freiwillig lösen sollten. Die meisten haben das Angebot aber genutzt und ich habe die positive Rückmeldung bekommen, dass sich die Studierenden dadurch sehr gut auf die Klausur zur Vorlesung vorbereitet fühlen. Und tatsächlich haben über die Online-Kurse auch Diskussionen stattgefunden, obwohl die Hemmung natürlich größer ist, sich zu melden. Besonders positiv wurden auch kreative Elemente wie zum Beispiel Umfragen, Kleingruppenphasen oder gemeinsam erstellte Mindmaps bewertet.

Schmidts: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Ensembles, die übrigens nicht nur Studierende sind, haben das Angebot sehr gut angenommen. Das zeigt mir, dass sie die Mitwirkung nicht als verzichtbares Hobby, sondern als wichtigen Bestandteil des Studiums oder der Freizeit sehen. Und das macht mir wiederum Hoffnung für die Zukunft.

Was fanden Sie am Sommersemester negativ?
Becker: Das leidige Thema der abgeschalteten Kameras. Leider hatte die Mehrzahl der Studierenden die Kamera ausgeschaltet. Deshalb fehlte mir das direkte Feedback, wenn ich eine Frage gestellt habe: Antworten die Teilnehmenden nicht, weil sie die Antwort nicht wissen? Weil sie die Frage nicht verstanden haben? Weil sie keine Lust haben oder vielleicht gerade duschen sind? Bei Präsenzveranstaltung kann man die Stimmung im Kurs viel besser wahrnehmen und darauf reagieren. Außerdem fand ich es schade, dass ich die Studierenden nicht richtig kennenlernen konnte. Häufig ergeben sich so zum Beispiel Kontakte für Hiwi-Jobs oder Abschlussarbeiten.

Schmidts: Normalerweise präsentieren wir die Ergebnisse unserer Probenarbeit in mehreren öffentlichen Konzerten im Rahmen der Reihe „Musik in der Universität“. Dieses Semester mussten alle Konzerte entfallen, weshalb eine wichtige Motivation für die Beteiligten gefehlt hat. Wir haben aber für den 9. November ein Semestereröffnungskonzert mit Unichor und Uniorchester in der Konzerthalle als Ersatz geplant, das hoffentlich stattfinden kann.

Hatte dieses besondere Semester auch positive Aspekte?
Becker: Die Bereitstellung der Software hat sehr schnell und gut geklappt. Die Umstellung meiner Veranstaltungen war zwar zeitaufwändig, aber erstaunlicherweise hat alles recht reibungslos funktioniert. Ich hatte den Eindruck, dass die Online-Kurse für manche Studierende – zum Beispiel mit Kind –  sogar gut waren.

Schmidts: Die Lösungen wurden aus der Not geboren. Aber das Arbeiten in Kleingruppen hatte tatsächlich positive Aspekte. Man konnte viel besser auf individuelle Fragen eingehen. Außerdem war die Eigenverantwortung jedes Einzelnen viel stärker gefordert. Sehr positiv sehe ich, dass Präsenzveranstaltungen so schnell ermöglicht wurden – die Universität Bamberg war beispielsweise die erste Universität in Bayern, welche die Wiederaufnahme der Probenarbeit musikalischer Ensembles ermöglicht hat. Man spricht schon von einem „Bamberger Weg“ der vorsichtigen Öffnung, von dem wir enorm profitiert haben.

Welches Resümee würden Sie ziehen?
Becker: Ich glaube, dass das Sommersemester eine unglaubliche Chance war, die Digitalisierung an Hochschulen voranzubringen. Das hätte ohne die Corona-Pandemie sicherlich wesentlich länger gedauert. Wir wurden sozusagen ins kalte Wasser gestoßen und mussten einfach handeln ohne viel Zeit zum Nachdenken zu haben. Das tut einer Institution wie der Universität meiner Meinung nach gut. Ich persönlich habe viel gelernt und werde davon profitieren. Dennoch ist eine Uni ohne Präsenz nicht die Idee einer Universität. Deshalb würde ich mir die Online-Lehre nicht als dauerhaftes Konzept aussuchen.

Schmidts: Wir werden aus der Zeit alle methodisch und didaktisch gestärkt herausgehen. Man musste jede Lehrveranstaltung neu überdenken, jede Lehreinheit genau überprüfen und dazu auch neues Unterrichtsmaterial erstellen, auf das man aber in Zukunft zurückgreifen kann. Das hat zwar einen zeitlichen Mehraufwand bedeutet, aber auch eine methodische und didaktische Bereicherung.

Welche Erkenntnisse oder Hoffnungen nehmen Sie mit ins Wintersemester?
Becker: Im Wintersemester werde ich zwar nicht mehr an der Universität Bamberg arbeiten, aber trotzdem in einem anderen Kontext mit der Vermittlung von Inhalten beschäftigt sein. Dafür nehme ich auf jeden Fall viele neue Methoden und Tools aus dem Sommersemester 2020 mit. Die Haupterkenntnis ist für mich, dass man als Dozierender motiviert sein und sich immer wieder auf neue Methoden und die Studierenden einlassen muss. Das gilt jedoch nicht nur für Online-Veranstaltungen, sondern generell für die Lehre an der Universität.

Schmidts: Ich wünsche mir, dass der „Bamberger Weg“ weitergegangen werden kann. Dass alle Beteiligten im Sommersemester mit großer Begeisterung mitgearbeitet haben, macht mir auch Mut. Und vor allem hoffe ich, dass im Wintersemester wieder mehr „analoge“ Begegnungen in der Universität stattfinden können, zum Beispiel auch im Rahmen unserer Konzerte.