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Von Dr. Martin Lunkenbein

Hinein ins volle Menschenleben

Das Lehramt an Mittelschulen stellt die Lehrkraft vor besondere Herausforderungen, die sich von denen anderer Lehrämter in einigen Punkten unterscheiden: Die wesentlichen Ziele bestehen in der Vermittlung einer alltags- und berufsorientierten sowie lebensnahen Allgemeinbildung. Daneben soll das anschaulich-logische Denken gefördert werden, um Erkenntnisse systematisch aufzubauen. Im Fokus stehen daher vor allem lebensnahe Lernsituationen und praktisches Handeln – eine Herausforderung auch für die Lehrkräfte.

Jonathan aus der sechsten Klasse einer Mittelschule schreibt das Protokoll der Klassenversammlung: „Ich fand gut: ... gute agmusfähre, alle lernen mit“. Die Textstelle verdeutlicht nicht nur die Lese-Rechtschreibschwäche des Schülers, sondern auch die Bedürfnisse einer 6. Jahrgangsstufe. Diese werden alle 14 Tage in einem Klassenrat geäußert, der basis-demokratischen Versammlung einer Klasse. Angedeutet wird hier auch die Herausforderung, die auf eine Mittelschullehrkraft, im Besonderen auf die Klassenlehrkraft, zukommt: Neben dem Unterrichten steht das Erziehen und die Herstellung eines förderlichen Klassenklimas im Zentrum der wichtigsten Aufgaben einer Lehrkraft an Mittelschulen. Darüber hinaus sind noch Innovieren, Beurteilen, Beraten und Organisieren als weitere Aufgaben zu nennen, die die Tätigkeit einer Mittelschullehrkraft kennzeichnen.

Lebensnah und praktisch lernen

Als Fortführung der Hauptschulinitiative wurde 2008/09 das Konzept der Mittelschule in Bayern eingeführt. In dessen Folge sind alle Hauptschulen zu Mittelschulen umgewidmet. Sie bieten die Möglichkeit, einen mittleren Schulabschluss zu erwerben und stellen ein Ganztagsangebot bereit.

Die hauptsächlichen Ziele der Mittelschule bestehen wie weiter oben bereits angedeutet in der Vermittlung einer alltags- und berufsorientierten sowie lebensnahen Allgemeinbildung. Daneben soll das anschaulich-logische Denken gefördert werden, um Erkenntnisse systematisch aufzubauen. Im Fokus stehen lebensnahe Lernsituationen und praktisches Handeln. Damit wird bereits deutlich, dass die Mittelschule, etwa im Gegensatz zum Gymnasium mit seiner vertieften Allgemeinbildung und der Förderung abstrakten Denkens, andere Ziele verfolgt. Diese Ziele verändern den Unterricht in der Mittelschule. Stark abstrahierende Inhalte und Methoden werden durch anschauliche, handlungsorientierte Arbeitsmittel und Arbeitswege ersetzt.

Besondere Rolle der Lehrkraft

Obwohl der Anteil der Mittelschülerinnen und Mittelschülern an bayerischen Schulen von einem Drittel auf ein Viertel oder ein Fünftel zurückzugehen scheint, ist ungeachtet politischer Entwicklungen damit zu rechnen, dass auch in Zukunft Schülerinnen und Schüler, die momentan an Mittelschulen unterrichtet werden, weiterhin ein zu unterrichtendes Schülerklientel bilden. Dabei gilt der Umgang mit Jugendlichen als Herausforderung. Dies trifft auf alle Schularten zu, doch gerade die Schülerinnen und Schüler der Mittelschule werden im der öffentlichen Wahrnehmung stigmatisiert. Übersehen wird dabei vielfach die hervorragende pädagogische Arbeit der Lehrkräfte und das positive Arbeitsklima an Mittelschulen zum Wohle der anvertrauten Schülerinnen und Schüler.

Die Besonderheit der Mittelschule im Vergleich zu anderen Sekundarschulformen liegt in der Rolle der Klassenlehrkraft. Diese ist für mehrere Fächer zuständig und bekleidet neben der Rolle als  Wissensvermittlerin auch die Rollen als Sozialarbeiterin, Richterin, Polizistin, etc. Dabei nimmt der Anteil an weiblichen Lehrkräften zu. Unabhängig vom Geschlecht ist davon auszugehen, dass ‚gute‘ Hauptschullehrkräfte über verschiedene Kompetenzen verfügen müssen:

  • Sie sollten Sach- und Fachkompetenz haben, um damit etwa den Lebensweltbezug zu stärken.
  • Sie sollten Ich- und Sozialkompetenz mitbringen, um als Vorbild in Form von sozialem Verhalten
    und Verantwortungsübernahme zu einer Förderung dieser Kompetenzen bei den Schülerinnen
    und Schülern beizutragen.
  • Sie sollten Methodenkompetenz besitzen, um mit einem sicheren Einsatz von Methoden zur Selbsttätigkeit anzuleiten.

Gezielter Kompetenzaufbau

Der Aufbau dieser Kompetenzen wird in der Lehramtsausbildung an der Otto-Friedrich-Universität gefördert. Das Studium für das Lehramt an Hauptschulen gliedert sich in

  • die Praktika,
  • das erziehungswissenschaftliche Studium,
  • das Studium der Didaktiken,
  • einer Fächergruppe einschließlich der fachwissenschaftlichen Grundlagen,
  • das Studium eines Unterrichtsfaches.

Im Rahmen der I. Phase der Lehrerbildung sind mehrere Praktika zur Verknüpfung von Theorie und Praxis abzuleisten: Ein Orientierungspraktikum im Umfang von 3 – 4 Wochen (möglichst vor Beginn des Studiums), sowie drei schulische Praktika und ein Betriebspraktikum während des Studiums. Das erziehungswissenschaftliche Studium soll die angehenden Lehrkräfte auf ihre Aufgaben in Erziehung und im Unterricht vorbereiten. In den Berufswissenschaften müssen die Fächer Psychologie, Schulpädagogik und Allgemeine Pädagogik absolviert werden. Hinzu kommen Veranstaltungen im Bereich Theologie/Philosophie und gegebenenfalls Gesellschaftswissenschaften.

Während des Studiums der Didaktiken einer Fächergruppe der Mittelschule sollen die Studierenden lernen, Inhalte und Methoden der Fachwissenschaften im Hinblick auf den Lehrplan auszuwählen, Fragen der Unterrichtsdurchführung zu klären und erste praktische Erfahrungen zu überdenken. Diesem Ziel dient das Studium von drei zu wählenden Didaktikfächern und dem Fach Mittelschulpädagogik und -didaktik. Des Weiteren ist im Rahmen des Studiums zur Vorbereitung auf die I. Staatsprüfung für das Lehramt an Mittelschulen ein Unterrichtsfach (fachwissenschaftliche Grundlagen und Fachdidaktik) auszuwählen. Als Ersatz für das Unterrichtsfach kann auch das Erweiterungsfach Psychologie mit schulpsychologischem Schwerpunkt gewählt werden. Dieses Fach kann in Bayern nur in Bamberg, Eichstätt und München studiert werden und ist zulassungsbeschränkt.

Stärken und Schwächen der Kinder kennen

Trotz der nominellen Beschränkung auf vier studierte Fächer und der intensiven Vorbereitung in diesen Fächern und in den Erziehungswissenschaften auf den späteren Unterricht an einer Mittelschule führt das System der Klassenlehrkraft oft dazu, dass auch andere als die studierten Fächer unterrichtet werden müssen. Hier wird neben dem didaktischen und methodischen Geschick auch Flexibilität und die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen erwartet, um die Herausforderungen eines Berufes zu bewältigen, der nicht als bloßer Job anzusehen ist.

Ziel der Ausbildung ist es, Lehrkompetenzen zu erwerben, damit Schülerinnen und Schüler in einer guten Atmosphäre effektiv lernen und sich persönlich weiterentwickeln. Ausgangspunkt sind dabei die individuellen Schwächen und Stärken jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin und ein adäquater Umgang damit.