Werner Scheltjens

Werner Scheltjens stellt sich und seine Forschungsschwerpunkte vor: Diese liegen im Bereich der Digitalen Geschichtswissenschaften.

- Hannah Fischer

Werner Scheltjens hat bayernweit die erste Professur für Digitale Geschichtswissenschaften inne

Im Interview erzählt der Professor der Universität Bamberg, was das Besondere an seinem Fachgebiet ist.

Als erste bayerische Hochschule hat die Universität Bamberg eine Professur für Digitale Geschichtswissenschaften besetzt. Prof. Dr. Werner Scheltjens nahm den Ruf an die Universität an und hat seit Januar 2021 die Professur inne. Die Universität Bamberg lässt mit der Besetzung Angewandte Informatik und Geisteswissenschaften noch enger zusammenrücken. Die Digitalisierung soll an der Universität Bamberg nämlich strategisch nicht nur im Bereich der Informatik eine Rolle spielen, sondern auch in Fächern, in denen man diesen Aspekt traditionell eher weniger verortet. In der Fakultät Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik (WIAI) gibt es in Bamberg bereits einen Lehrstuhl für Angewandte Informatik in den Kultur-, Geschichts- und Geowissenschaften. Die Professur für Digitale Geschichtswissenschaften stellt nun das Gegenstück dazu in der Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften (GuK) dar. Werner Scheltjens, der ursprünglich aus der Nähe von Antwerpen in Belgien stammt, erzählt im Interview unter anderem, wo seine Forschungsinteressen liegen, wie er die Digitalisierung in den Geisteswissenschaften wahrnimmt und wie er die Bamberger Bevölkerung in ein Forschungsprojekt einbeziehen möchte.

Wo liegen kurz zusammengefasst Ihre Forschungsinteressen?

Werner Scheltjens: Bereits seit mehr als 15 Jahren beschäftige ich mich mit der Handels- und Transportgeschichte in der vorindustriellen Zeit. Dazu habe ich auch meine Dissertation und meine Habilitationsschrift geschrieben. Außerdem beschäftige ich mich mit historischen Maßen und Gewichten. Bisher ging es in der Forschung hauptsächlich um die Erschließung der Maßeinheiten und ihren Äquivalenten in der heutigen Zeit. Mit digitalen Methoden können zusätzlich Zusammenhänge zwischen den Maßen und beispielsweise Traditionen der damaligen Zeit erforscht werden. Neuerdings nehme ich auch die Wissenschaftsgeschichte der digitalen Geschichtswissenschaften in den Blick, die ihre Anfänge etwa Ende der 1940er Jahre hat.

Hat Ihre Forschung auch einen lokalen Bezug zu Bamberg oder Oberfranken?

Ja, denn ich möchte mein Vorwissen zur Handels- und Transportgeschichte dafür nutzen, um ein Forschungsprojekt über das Rhein-Main-Gebiet in der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert anzugehen. Hier gibt es viele Quellen zur Schifffahrt, dem Holzhandel und vielem mehr, die noch weitgehend ungenutzt sind und die man auch nicht ohne digitale Methoden erschließen kann. Einige Methoden werde ich aus einem niederländischen Projekt übernehmen, an dem ich immer noch beteiligt bin. In dem Projekt geht es um die Erforschung des dänischen Sundzollregisters. Der Sundzoll war ein Schiffszoll, den nichtdänische Schiffe bei der Durchfahrt durch bestimmte dänische Gewässer bis 1857 bezahlen mussten. Das Register musste digitalisiert und elektronische Datenbanken erstellt werden. Dabei wurde auch die Bevölkerung mit einbezogen.

Inwiefern wurde die Bevölkerung in das Forschungsprojekt einbezogen und ist das auch etwas, was Sie sich für Bamberg vorstellen könnten?

In der ersten Phase hat die Digitalisierung der Register eine soziale Werkstatt übernommen. In der zweiten Phase wurden Freiwillige gesucht, die eine kleine Ausbildung bekommen haben und dann Scans der Quellen abrufen konnten, um die Informationen daraus in eine Datenbank einzupflegen. Das ist zwar einerseits sehr zeitaufwändig. Andererseits bin ich aber überzeugt davon, dass man auch lokal Interesse für historische Forschung wecken und einen sehr direkten Bezug zur Öffentlichkeit etablieren kann, wenn man die Bevölkerung dazu einlädt, sich an der Forschung zu beteiligen. Bamberg eignet sich meiner Meinung sehr gut für diese Art der Bürgerbeteiligung.

Was war Ihr erster Eindruck von der Stadt und Universität Bamberg?

Die Stadt gefällt mir sehr gut. Sie erinnert mich an die belgische Stadt Löwen, wo ich Osteuropäische Sprachen und Kulturen studiert habe. Man sieht sofort, dass die Uni die Stadt mitprägt. Besonders ansprechend finde ich, dass es sich nicht um eine Campus-Uni handelt, sondern, dass die Universität auf viele kleine Gebäude in der Stadt verteilt ist. Außerdem gefällt mir, dass Bamberg so hügelig ist. Zum Dom, in dessen Nähe auch mein Büro liegt, geht es steil nach oben. In den Städten, in denen ich bisher gelebt habe, wie zum Beispiel Groningen in den Niederlanden oder Leipzig, ist alles sehr flach.

Wie schätzen Sie die Bedeutung des digitalen Aspekts in den Geisteswissenschaften ein?

Die Geisteswissenschaften werden in Zukunft immer mehr mit digitalen Quellen arbeiten müssen, die auch zunehmend digital entstanden sind. So könnten zum Beispiel Twitter-Datenbanken in die historische Forschung eingebunden werden. Demnach stellt das Digitale einen wesentlichen Bestandteil der zukünftigen Forschung dar und die Bedeutung wird jeden Tag größer. Diese Forschung muss jetzt methodisch vorbereitet werden. Für neue wissenschaftliche Ergebnisse würde ich die Bedeutung jedoch aktuell noch nicht überschätzen, denn das Gebiet ist noch recht neu, weshalb der Schwerpunkt der Forschung auf dem Entdecken liegt und eben noch kaum standardisierte Methoden eingesetzt werden können. Im Fach Digital Humanities, das bereits an mehreren Hochschulen angeboten wird, ist das Digitale schon sehr gut etabliert. Die Methoden in den digitalen Geschichtswissenschaften überschneiden sich teilweise mit dem, was in den Digital Humanities üblich ist. Oftmals stellen sich aber auch andere Fragen und man arbeitet mit anderen Untersuchungsmethoden. Somit können die digitalen Geschichtswissenschaften eine Erweiterung zu den Digital Humanities darstellen.

Wo sehen Sie dabei Ihre Rolle?

Ich möchte die Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit den Digital Humanities betonen, um so ein eigenes Profil für die Digitalen Geschichtswissenschaften herauszubilden, das letztendlich zum Ziel hat, den Einsatz digitaler Methoden für die historische Forschung leichter zu machen. Ich setze dabei sehr stark auf das Zugänglichmachen von neuen Techniken und binde das auch in die Lehre ein.

Worin besteht Ihr Selbstverständnis als Professor?

Als Lehrender ist mir die Interaktion mit den Studierenden sehr wichtig. Ich möchte sie für ein noch sehr neues Fachgebiet begeistern und sie anleiten, selbstständig neue Ideen zu entwickeln und Inhalte kritisch zu hinterfragen. Als Forscher bin ich einer der wenigen Glücklichen, die die digitale Geschichte nach außen vertreten können. Ich möchte bereits geleistete Erfolge im Bereich der digitalen Methoden würdigen und erweitern. Im Zentrum steht dabei die Etablierung des Fachgebietes – nicht zuletzt als Teil eines geschichtswissenschaftlichen Studiums.

Welche Lehrveranstaltungen werden Sie anbieten?

Mir ist es ein Anliegen, dass sich die Studierenden mit der Digitalisierung und ihren Auswirkungen auf Gesellschaft und Wissenschaft auseinandersetzen. Denn das ist wichtig für die historische Forschung und für den Geschichtsunterricht an Schulen. Es wird eine einleitende Vorlesung über Geschichtswissenschaften im Zeichen der digitalen Transformation geben. Außerdem plane ich ein praxisorientiertes Seminar, bei dem wir einen Bilderatlas für Kaufleute und Fabrikanten aus dem Jahr 1840 digital erfassen und erforschen werden. Das Ergebnis können wir nutzen, um über Herausforderungen in der digitalen Textedition nachzudenken. Vielleicht kann das Projekt in ein paar Semestern sogar veröffentlicht werden.

Vielen Dank für das Interview!