Von den Zuschauern und Teilnehmern hielten insgesamt 15 Personen bis zum Morgen durch.

Detelf Goller initiierte und organisierte die Veranstaltung.

Die Studierenden Jakob Stößlein, Anna Ernesti, Yvonne Spindler und Alexander Pelz (v.l.n.r) haben sich mit der Walther-Reinmar-Fehde beschäftigt.

Gabriele Knappe zeigte die Aufführungshinweise im "Cuckoo Song".

Von unerfüllter Liebe: „Ez tuot vil wê“

Universität und Theater Bamberg kooperieren beim Minnesangmarathon

Wie ähnlich Minnesang modernen Popsongs sein kann, hat das Publikum bei der Langen Nacht der Liebe am 10. Mai 2019 erfahren. Rund 25 Vortragende, Studierende und Lehrende der Universität Bamberg präsentierten in der Treffbar des ETA Hoffmann Theaters Minnesang: Sie sangen, lasen und interpretierten mittelalterliche Dichtkunst – von 18 Uhr abends bis 7.30 Uhr morgens. Schon zweimal haben die Universität und das Theater bei ähnlichen Projekten kooperiert. In langen Nächten wurden jeweils das Nibelungenlied und Parzival am Stück vorgetragen. Letzteres dauerte 23 Stunden.

Was ist dagegen schon ein 13-stündiger Minnesangmarathon? Das mögen sich die immerhin 15 Personen gedacht haben, die bis zum Ende durchgehalten haben, also „bis der Morgendrache seine Klauen durch die Fensterläden geschlagen hat“, wie es im Programm hieß. Unter den erfolgreichen Marathonläufern befand sich der Germanist Dr. Detlef Goller, Initiator und Moderator der Veranstaltung. Zu Beginn verglich er Minnesang mit modernen Songs: Die Zeile „Ez tuot vil wê“ von Heinrich von Morungen klinge etwa wie „Loving can hurt“ von Ed Sheeran. Seit Jahrhunderten hätten Sänger nach Antworten auf die Frage „Kann mir jemand sagen, was Liebe ist?“ gesucht.

Minnesang als Sprachkunst und Gesellschaftsspiel

Dass es auch deutliche Unterschiede im Vergleich zur heutigen Gesellschaft gab, zeigte der Deutschlehrer Dr. Ulrich Steckelberg: „In der höfischen Gesellschaft des Mittelalters konnte die Liebe nicht ausgelebt werden. Man heiratete aus politischen Gründen.“ Der Minnesang war sowohl Sprachkunst als auch Gesellschaftsspiel. Der Minnesänger – häufig ein Ritter oder Lehnsherr – pries die Schönheit einer Dame, die seine Gefühle nicht erwiderte. Seine Rolle war die des treuen und beständig klagenden Dieners. Diesen Standard überspitzte der fahrende Sänger Walther von der Vogelweide: „Er jammerte nicht, sondern drohte: Wenn seine Dame ihn nicht erhören will, dann besingt er sie eben nicht mehr“, berichtete Steckelberg.

Walther von der Vogelweide stichelte in seinen Texten nicht nur gegen die Angebetete, sondern auch gegen Reinmar, den Alten. In der Forschungsliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts wurden die gegenseitigen Sticheleien zur Walther-Reinmar-Fehde hochstilisiert. Vier Studierende der Interdisziplinären Mittelalterstudien griffen die Idee der streitenden Sänger beim Minnesangmarathon auf, um in einer Art „Battle-Rap“ einzelne Texte gegenüberzustellen. Viel Übung war nicht nötig: „Wir können mittelhochdeutsche Texte problemlos lesen und verstehen, weil wir uns zum Teil seit 2011 damit beschäftigen“, erklärte Studentin Yvonne Spindler. Sie hätten sich zur Vorbereitung vor allem einen Überblick zur aktuellen Forschungslage verschafft.

Mittelalter verknüpft mit Forschungsansätzen

Alle Beteiligten hatten sich zur Aufgabe gemacht, auf Forschungserkenntnisse einzugehen. So sangen die Birds of one feather, Anglistinnen und Anglisten der Universität Bamberg, den Kanon Cuckoo Song. Zusätzlich interpretierte die sprachliche Betreuerin Prof. Dr. Gabriele Knappe eine Handschrift mit Originalnoten aus dem 13. Jahrhundert, die Aufführungshinweise enthielten, zum Beispiel eingezeichnete Pausen. Dadurch wüsste man ungefähr, wie das Lied vorgetragen wurde – was die Sänger auch in die Tat umsetzten. Und Detlef Goller räumte mit Vorurteilen auf: Das wie selbstverständlich als Mann interpretierte „Ich“ im Minnesang könnte manchmal auch eine Frau sein. Goller gelang es beim Minnesangmarathon wieder, lebendige Eindrücke des Mittelalters mit aktuellen Forschungsansätzen aus dem Zentrum für Mittelalterstudien zu verknüpfen.

Zugleich ist die Veranstaltung ein Beispiel für die Kooperation zwischen Universität und Theater, die seit 2015 auch eine Vereinbarung regelt. Die Zusammenarbeit umfasst unter anderem Proben- und Vorstellungsbesuche durch Seminargruppen, die Einbindung von Studierenden als „Theaterscouts“ oder gegenseitige Unterstützung in der Öffentlichkeitsarbeit. So auch bei der Langen Nacht der Liebe: Die Otto-Friedrich-Universität und das ETA Hoffmann Theater bewarben die Veranstaltung gemeinsam.