Nachruf auf Prof. em. Dr. Elisabeth von Erdmann


Mit großer Bestürzung nimmt das Institut für Slavistik Abschied von Prof. em. Dr. Elisabeth von Erdmann, die am Freitag, 30. Januar 2026, völlig unerwartet und überraschend für alle im Alter von 69 Jahren verstorben ist.

Elisabeth von Erdmann wurde am 5. November 1956 in Frankfurt am Main geboren. Sie studierte Slawische Philologie, Osteuropäische Geschichte und Philosophie in Bonn, Freiburg im Breisgau und Zagreb. 1986 wurde sie in Freiburg promoviert, 1994 habilitierte sie sich an der Universität Bamberg. Nachdem sie ab 1996 eine Professur an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg innehatte, war sie von 2005 bis 2022 Inhaberin des Lehrstuhls für Slavische Literaturwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Anlässlich ihrer Emeritierung wurde als Motto für die ihr gewidmete Festschrift das Symbol der Perlenkette gewählt. Elisabeth von Erdmann hat es verstanden, im wissenschaftlichen Ozean immer wieder Perlen zu entdecken, hervorzuholen und zum Glänzen zu bringen. Im Laufe ihres Gelehrtenlebens kamen immer neue dazu. Jede Perle steht für Erkenntnis, Verantwortung und Hingabe an die Wissenschaft.

Die Forschungsschwerpunkte von Elisabeth von Erdmann lagen auf der russischen, ukrainischen und kroatischen Literatur- und Kulturgeschichte. In ihren Arbeiten verband sie literaturwissenschaftliche Fragestellungen mit philosophischen, theologischen und kulturhistorischen Perspektiven. Ein besonderes Interesse galt der Poetik einzelner Autorinnen und Autoren sowie literarischer Strömungen. Zu ihren bedeutenden Publikationen zählen Studien zu Anna Achmatova, zu dem ukrainischen Philosophen Hryhorij Skovoroda sowie zahlreiche Arbeiten zur kroatischen Literatur- und Sprachgeschichte.

Ein herausragender Schwerpunkt ihres wissenschaftlichen Wirkens war die Kroatistik, die Elisabeth von Erdmann in Deutschland nachhaltig gefördert und sichtbar gemacht hat. Bereits 1988 begründete sie die Schriftenreihe „Quellen und Beiträge zur kroatischen Kulturgeschichte“, die zentrale Texte der kroatischen Geistes- und Literaturgeschichte in wissenschaftlich kommentierten Neueditionen zugänglich machte. Die Reihe trug maßgeblich zur Etablierung der Kroatien-Forschung im deutschsprachigen Raum bei. 1997 veröffentlichte sie in Zagreb eine Auswahl von Texten Bartol Kašićs (Izabrana štiva) und leistete damit einen wichtigen Beitrag zur internationalen Rezeption kroatischer Literatur.

Von 2007 bis 2018 war Elisabeth von Erdmann die erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kroatistik, deren Gründung sie entscheidend mitgestaltete. Unter ihrer Leitung entwickelte sich die Gesellschaft zu einem Forum für wissenschaftlichen Austausch, Nachwuchsförderung und kulturelle Vermittlung. Getragen von ihrem Verständnis der kroatischen Kultur als Teil der europäischen Kultur, setzte sie sich konsequent für das Leitprinzip einer „Einheit in der Vielfalt“ ein. In diesem Sinne initiierte und organisierte sie zahlreiche wissenschaftliche Tagungen, literarische Veranstaltungen und interdisziplinäre Projekte, darunter Symposien zur kroatischen Literatur im europäischen Kontext sowie Beiträge auf Fachkongressen.

Für ihre wissenschaftlichen und kulturvermittelnden Leistungen wurde Elisabeth von Erdmann vielfach geehrt, unter anderem mit dem Kroatischen Kulturpreis (INA-Preis) zur Förderung der kroatischen Kultur in der Welt im Jahr 2000. Seit 1998 war sie korrespondierendes Mitglied der Kroatischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Zu Ehren von Elisabeth von Erdmann wurde am Tag ihres Ablebens am Gebäude der Kroatischen Akademie der Wissenschaften und Künste eine schwarze Trauerflagge gehisst.

Ihr Wirken ging weit über institutionelle Aufgaben hinaus. Elisabeth von Erdmann war eine Wissenschaftlerin, die nicht nur Strukturen geschaffen, sondern Menschen ermutigt, verbunden und begleitet hat. Sie hat Räume für Denken, Austausch und Zusammenarbeit eröffnet und Themen aufgegriffen, die ohne ihre Stimme und ihre Beharrlichkeit in dieser Form nicht gehört worden wären.

Mit Elisabeth von Erdmann verliert die Slavistik eine herausragende Wissenschaftlerin, die Kroatistik eine engagierte Förderin und die Universität Bamberg eine hochgeschätzte Kollegin, Lehrerin und inspirierende akademische Persönlichkeit. Ihr wissenschaftliches Werk, ihr institutioneller Einsatz und ihre Lehrtätigkeit werden weit über Bamberg hinaus nachwirken und viele von uns weiterhin inspirieren.

Viele von uns haben Elisabeth von Erdmann als eine Lehrerin erlebt, die hohe Maßstäbe setzte und zugleich förderte, die forderte und Vertrauen schenkte. Sie lehrte mit Ernsthaftigkeit und Tiefe, aber auch mit Offenheit, Herzlichkeit, Humor und intellektueller Neugier.

Die Perlenkette ihres Lebens und Wirkens schließt sich nun: reich, vielgestaltig und von bleibender Schönheit. Wir sind dankbar für all die Spuren, die Elisabeth von Erdmann hinterlassen hat, und werden ihr Andenken in Respekt, Verbundenheit und großer Wertschätzung bewahren. Ihren Kindern und ihrer Familie gilt unser tiefstes Mitgefühl.

Bamberg, 2. Februar 2026

Institut für Slavistik