Forschungsinteressen

  • Russische und polnische Literatur des 18.–21. Jahrhunderts
  • Literatur und Poetik im Kontext von Ideengeschichte, Intellectual History und Religion
  • Russische und polnische Lyrik
  • Russische Moderne
  • Theorien der Literatur und Ästhetik
  • Komparatistik und Literaturkontakte
  • Inoffizielle Kulturen (v.a. Leningrader Untergrund, Konspiration im okkupierten Warschau)
  • Emigration (v.a. Große Emigration der polnischen Romantik, russische Intelligenzija und Emigration)
  • Osteuropäischer Film
  • Ethical Criticism und Ecocriticism

Schwerpunkte


Methode: Wechselwirkungen zwischen Poetik und Epistemologie

Das methodologische Merkmal meiner Beschäftigung mit Literatur besteht in einer engen Verschränkung literaturgeschichtlicher und formal-ästhetischer Aspekte mit ideengeschichtlichen und epistemologischen Fragestellungen. Beide (disziplinären) Sphären – so meine Grundannahme – sind nicht selbsterklärend, sondern verweisen fundamental auf die je andere. Für diesen Zugang stehen exemplarisch die Monographien zu Boris Pasternaks Poetik des Lichts (2015) und zu Neuschreibungen des romantischen Aktivismus in der polnischen Literatur (2022): Während erstere ein metaphorologisches Modell philosophischen Schreibens nach der Philosophie entwickelt (Pasternak war bis zu seinem Studienabschluss prononcierter ‚Marburger‘ Neukantianer), untersucht letztere Aktualisierungen des aufständischen Erbes der polnischen Romantik, die den Aktivismus weitertradieren, indem sie ihn als poetisches Material neu modellieren. Ein anderes charakteristisches Beispiel für diesen Zugang findet sich in einer Reihe von Arbeiten, die literarische, literaturtheoretische und filmische Subjekt-Repräsentationen mit anthropologischen Personalitätsdiskursen ihrer Zeit konfrontieren. Den Grundstein hierzu legt ein Artikel zur formalistischen Theorie des ‚lyrischen Helden‘ (2018) und ihren (anti-)personalistischen Implikationen.

Askese? Strategien der Reduktion in der Literatur

Ein Leitmotiv meiner Forschung ist die Untersuchung des Verhältnisses von Ästhetik und Ethik anhand künstlerischer Asketismen, d.h. Praktiken der Reduktion an den Übergängen zwischen Leben und Werk, Biographie und Text. Ein Beitrag zur narrativen Bewertung von Askese in russischer Prosa von Gogol’ bis Tolstoj und einigen nachklassischen Texten (2020) zeigt einerseits eine machvolle, von den Autoren affirmierte asketische Tendenz, andererseits weist er einen Grundkonflikt mit der reglementierenden Dimension von Verzichtspraktiken auf. Er konzeptualisiert so das Paradox eines nicht-reglementierten, erst retrospektiv zu Bewusstsein kommenden Fastens als Strukturmoment neuerer russischen Literatur. Eine Studie zu Viktor Krivulins Geopoetik Leningrads (2022) nimmt eine Elementar-Metapher Krivulins in den Blick: die anorganische „Erde“ Leningrads nach der Blockade der Stadt (1941–1944). Die Reduktionsstrategie besteht hier in einer Entleerung, die die (Hunger-)Katastrophe der Blockade indiziert und zugleich eine radikal-spirituelle Perspektive eröffnet. Eine komparatistische Arbeit zur Aktualität des literarischen Lakonismus (2022) fasst Reduktion rhetorisch auf. Das Argument lautet, dass ein feuilletonistisches Verständnis von Lakonismus als Erzähl-‚Sound‘ in der Nachfolge Hemingways nicht nur den referentiellen und im Grunde maximalistischen Anspruch des Lakonismus (multum, sed non multa) unkenntlich macht, sondern auch dessen disruptives Potential – ästhetisch ebenso wie ethisch.

Ästhetik der Emigration

Ein starkes Interesse an den produktionsästhetischen Umständen von Literatur kommt in einer Reihe von Arbeiten zur Emigration und transitorischen Zuständen zum Ausdruck. Emigrationsdarstellungen können nicht rein motivisch-thematisch untersucht werden, sondern sie müssen in ihren medialen Inskriptionen in den Blick kommen. Ein Beitrag zu Jonas Mekas’ Experimentalkino der 1960er Jahre (2024) zeigt, wie der litauische Emigrant Mekas anhand der filmischen Dokumentation seines Alltags in New York auf ebenso melancholische wie ironische Weise die Emigration als das Nicht-Dokumentierbare greifbar macht, exzentrisch materialisiert. Eine Studie zur Erinnerungspoetik des polnischen Erzählers Zygmunt Haupt (2023), der – wie Mekas – Ende der 1940er Jahre in die USA emigrierte, rekonstruiert Haupts Beschwörung Ostgaliziens durch die Elemente. Die amerikanische Landschaft erscheint in manchen Erzählungen Haupts im Kontrast dazu als prekärer Ort, der keine freie Evokation von Details aus dem Element zulässt. Hierin erinnern seine Landschaftsschilderungen teils an jene anderer mitteleuropäischer Emigranten und Kulturkritiker wie Theodor W. Adorno oder Czesław Miłosz. Eine Studie zu dem polnischen Beat-Dichter Edward Stachura (2016) schließlich, der als Kind mit seiner Familie aus Frankreich ins sozialistische Polen zurückkehrte, handelt von Migration als transkultureller Utopie. Sie deutet an, wie eine ‚verflochtene‘ slavische Literaturwissenschaft das heute gesellschaftlich allgegenwärtige Aufeinanderprallen von Universalismen und Partikularismen philologisch beleuchten kann.