Professor Daniel Drewski im Hauptgebäude der Feki

Studierende ermuntern, eigene Fragestellungen zu entwickeln – das will der neue Juniorprofessor Daniel Drewski.

- Hannah Fischer

Daniel Drewski ist jetzt Juniorprofessor für Soziologie Europas und der Globalisierung

In seiner Forschung beschäftigt er sich zum Beispiel mit der Europäischen Integration.

Von der Hauptstadt Berlin in die Welterbestadt Bamberg zieht es Prof. Dr. Daniel Drewski zum Wintersemester 2021/22. Hier ist er nun Juniorprofessor für Soziologie Europas und der Globalisierung. Daneben arbeitet er in einem Exzellenzcluster an der Freien Universität mit. Wozu er dort forscht und womit er sich künftig in Bamberg beschäftigen wird, erzählt er im Interview. 

Was hat Sie nach Bamberg geführt?

Daniel Drewski: Ich habe in Berlin an der Humboldt Universität im Fach Soziologie promoviert und sowohl gleichzeitig als auch danach an der Freien Universität Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter in unterschiedlichen Projekten gearbeitet. Zuletzt habe ich als Postdoc im Exzellenzcluster Contestations of the Liberal Script mitgewirkt. Inhaltlich geht es in dem Cluster um Herausforderungen der liberalen Demokratie weltweit. Die Juniorprofessur ist für mich jetzt der nächste Karriereschritt und die Inhalte der Stelle – also Europasoziologie und Globalisierung – passen perfekt zu meinen Forschungsschwerpunkten. Ich lebe mich jetzt langsam in Bamberg ein. Bisher gefällt es mir sehr gut und ich freue mich, dass ich so nette Kolleginnen und Kollegen in der Fachgruppe Soziologie habe. 

Wo liegen Ihre Forschungsschwerpunkte?

Der übergeordnete Schwerpunkt ist Europasoziologie und Globalisierung. In einem Teilgebiet, mit dem ich mich momentan beschäftige, geht es um den Prozess der Europäischen Integration. Letztlich steht hier die Frage im Raum, ob die Mitgliedstaaten der Europäischen Union nicht nur politisch und wirtschaftlich zusammenwachsen, sondern ob man auch ein soziales Zusammenwachsen der Gesellschaften beobachten kann. Wie läuft dieser Prozess ab? Und welche Konflikte entstehen dabei? Man hört viel darüber, dass die Europäische Union in der Krise sei. Stichworte sind hier zum Beispiel der Brexit, Konflikte um Migrations- und Flüchtlingspolitik sowie Entwicklungen rund um die Rechtsstaatlichkeit in Polen und anderen Ländern. Das Interessante an der Europasoziologie ist, dass wir bei diesen Prozessen sozusagen ein bisschen hinter die Kulissen schauen: Welche gesellschaftlichen Prozesse finden jenseits der politischen Entwicklungen statt? Dann kann man nämlich beispielsweise erkennen, dass es mit der Europäischen Integration besser aussieht als man gemeinhin denkt. Die Bevölkerung hat sich daran gewöhnt, ein Teil Europas zu sein, die Bürgerinnen und Bürger fühlen sich ihren Nachbarländern verbunden, es gibt regen sozialen Austausch. 

Zu welchem Thema forschen Sie innerhalb des Exzellenzclusters?

Innerhalb des Exzellenzclusters arbeite ich zusammen mit Kolleginnen und Kollegen an einem Projekt über Diskurse zu Migration und Asyl. Hier schaue ich mir insbesondere politische Debatten um die Aufnahme von Flüchtlingen in verschiedenen Ländern an. Wir beobachten in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten einen starken Anstieg der Zahl der Menschen, die auf der Flucht sind vor Vertreibung und Menschenrechtsverletzungen. Wenn wir die Länder der Welt vergleichen, dann ist die Aufnahmebereitschaft unterschiedlich ausgeprägt – die einen nehmen sehr viele Geflüchtete auf und andere nur wenige. Uns interessiert im Projekt, warum das so ist. Um das herauszufinden, schauen wir uns die politischen Debatten in ganz unterschiedlichen Ländern der Welt genauer an. Gerade sind wir noch in der empirischen Erhebungsphase der Daten. Es läuft aber darauf hinaus, dass die nationalen Identitätskonstruktionen der Gesellschaften eine bedeutende Rolle spielen. Also welche Vorstellung sie davon haben, wer sie selbst sind und welche Vorstellung sie wiederum haben, wer die Leute sind, die zu ihnen kommen. Dabei sind die nationale Geschichte, kollektive Selbstverständnisse und kollektive Erinnerungen zentral. Neben weiteren Faktoren tragen diese Punkte zu einer unterschiedlich ausgeprägten Aufnahmebereitschaft bei. 

Wie geht es für Sie an der Universität Bamberg in der Forschung weiter?

Zunächst einmal ist das Ziel, das Forschungsprojekt zu Debatten um die Aufnahme geflüchteter Personen weiterzuführen. Das läuft noch eine Weile. Längerfristig interessiert mich die Frage, wie man eigentlich über soziale Ungleichheiten im globalen Rahmen nachdenkt. Soziale Ungleichheit ist ein Kernthema der Soziologie. Aber sie fokussiert sich dabei sehr häufig auf die Ebene des Nationalstaats. Wenn wir die globale Brille aufsetzen, dann stellen wir fest, dass die Ungleichheiten zwischen Ländern auf der globalen Ebene deutlich größer sind als innerhalb eines Landes. Das ist meiner Meinung nach ein Thema, das die Soziologie bislang noch wenig behandelt hat. 

Geben Sie bereits im Wintersemester 2021/22 Seminare an der Universität Bamberg?

Ja, es geht gleich los. Die Seminare schließen inhaltlich direkt an meine Forschungsthemen an. Im Bachelor gebe ich eine Einführung in die Europasoziologie. Hier behandeln wir unterschiedliche aktuelle Themen. Zum Bespiel: Fühlen sich die Bürgerinnen und Bürger der EU zugehörig? Welche neuen Konfliktlinien entstehen im Rahmen der Europäischen Integration? Welche kollektiven Erinnerungen gibt es in Europa und inwiefern führt das zu Konflikten in der EU? Im Master biete ich ein Seminar zu Globalisierung, sozialen Ungleichheiten und transnationaler Klassenbildung an. Also genau zu der Frage: Wie verändert Globalisierung die Ungleichheit in Ländern? Und führen Globalisierungsprozesse unter Umständen zu einer Art transnationalen sozialen Klasse? 

Was möchten Sie den Studierenden dabei vermitteln?

Auf der inhaltlichen Ebene geht es mir vor allem darum zu vermitteln, dass man heute eine Gesellschaft nicht mehr nur als nationalstaatliche Gesellschaft begreifen kann. Vieles, was das Leben der Menschen prägt, ist nicht abhängig vom einzelnen Nationalstaat, sondern von globalen Bedingungen. Das ist die Kernbotschaft, die ich weitergeben möchte. Didaktisch ist es mir wichtig die Studierenden dazu zu ermuntern ihre eigenen Fragestellungen zu entwickeln und ihnen das geeignete theoretische und methodische Werkzeug zu liefern, um diese Fragen beantworten zu können. Ich sehe meine Rolle nicht nur darin, Lernstoff zu vermitteln. Ich will die Studierenden auch anregen, mit dem Gelernten etwas anzufangen. 

Vielen Dank für das Interview!