Albert Gier (Mi.) versteht sich als Netzwerker und Vernetzer.

Die Zuhörerinnen und Zuhörer lauschten Giers Ausführungen zum Schwanengesang der Sirenen.

- Ivana Peric

Nach Osten strebend, den Blick gen Westen gerichtet

Abschiedsvorlesung von Romanist Albert Gier

Nach fast 60 Semestern und gut über 200 Lehrveranstaltungen geht der dienstälteste Professor der Universität Bamberg in den Ruhestand. Eines wurde bei seiner Abschiedsvorlesung klar: seine wissenschaftliche Tätigkeit ist damit nicht beendet.

In Aachen geboren, in Bonn promoviert und in Heidelberg habilitiert, zog es den Librettoforscher Prof. Dr. Albert Gier in wissenschaftlicher Hinsicht immer weiter Richtung Osten, bis nach Bamberg. Sein Blick war dabei stets nach Westen gerichtet, nämlich auf die romanischen Länder, vor allem auf Frankreich. Seit dem Wintersemester 1988/1989 lehrt, forscht und publiziert Prof. Dr. Albert Gier an der Universität Bamberg als Professor für Romanische Literaturwissenschaft. Die Liberettoforschung, die Texte von Opern nicht aus musikwissenschaftlicher, sondern aus literaturwissenschaftlicher Sicht analysiert, ist sein Steckenpferd.

Seit den 1970er Jahren beschäftigt er sich mit diesem Forschungsgegenstand. Die Vorstellung seiner Arbeiten beim Berliner Romanistentag 1983 erfahren einen derartig großen Anklang und eine so starke Nachfrage, dass ihm eine Weiterbeschäftigung mit dieser Forschungsdisziplin unumgänglich scheint. 1998 publiziert er das erste große Grundlagenwerk zur Geschichte und Theorie der musikoliterarischen Gattung, sein opus magnum. „Albert Gier gilt heute als einer der führenden internationalen Experten der Librettologie“, erklärt Prof. Dr. Markus Behmer, Dekan der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften dem Publikum bei der Abschiedsvorlesung des Romanisten am 12. Juli.

Leidenschaftlicher Librettoforscher

Albert Gier trug maßgeblich dazu bei, die Librettologie als eigenständige Disziplin zu etablieren. 1994 gründete er das Dokumentationszentrum für Librettoforschung, das Sammlungen von Primär- und Sekundärliteratur zu dem gesamten Gebiet der Libretto-, Opern- und Operettenforschung mit unterschiedlichen Epochen- und Länderschwerpunkten umfasst. 1994 bis 2014 veröffentlichte er die Mitteilungen des Dokumentationszentrums mit umfangreichem Rezensionsteil. „Als ich mit der Redaktion der Mitteilungen begann, habe ich mir ausgerechnet, dass ich bis zum Ruhestand 25 Ausgaben fertigbekommen könnte. 25 – das ist eine runde Zahl, der Inhalt einer Standard-Zigarrenkiste“, erzählt er. Das Dokumentationszentrum zieht nun nach Innsbruck ins Archiv für Textmusikforschung, die Mitteilungen werden als Online-Publikation fortgeführt.

Sein Engagement reicht aber weit über den wissenschaftlichen Bereich hinaus. Durch Beratung bei Editions- und Aufführungsvorhaben trägt er dazu bei, die Perspektive einer textbezogenen Opernforschung zu popularisieren. Seit Ende 1996 gehört er überdies dem Wissenschaftlichen Beirat der Rossini Gesellschaft e.V. an, von 2009 bis 2015 war er Vorsitzender der neugegründeten Deutschen Sullivan Gesellschaft.

Den Austausch mit Dramaturgen und Regisseuren als Ergänzung zur Forschungsarbeit sieht Albert Gier als notwendig an. „Anfang Juni habe ich beim Programmheft für die Carmen-Inszenierung in Frankfurt mitgewirkt“, erzählt er und gibt sich selbst schmunzelnd den Beinamen „Libretto-Onkel“. Mit Engagements wie in Frankfurt will er seine Forschungsergebnisse mit der praktischen Theaterarbeit verbinden. Seine Sensibilität und das Gefühl für den Umgang mit Sprache möchte er an seine Studierenden weitergeben. „Die Genauigkeit ist eine Qualität der Philologie und mittels beispielweise der Analyse barocker Dichtung hoffe ich, den kritischen Geist meiner Studierenden zu wecken“, erklärt der Romanist. Beim Lesen solcher Texte erfahre man erst Widerstand, man müsse ein Rätsel entschlüsseln, um den Sinn zu verstehen.

Transdisziplinärer Netzwerker

Durch den interdisziplinären Ansatz der Librettoforschung findet das Forschungsgebiet auch Resonanz bei Theater- und Musikwissenschaftlern. So baute Albert Gier über die Jahre hinweg ein weites Netzwerk aus Kontakten zu verschiedenen Einrichtungen wie dem Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth auf und kooperiert europaweit mit Universitäten wie Bologna. Mit der Université Francois-Rabelais in Tours leitete er sogar eine Kooperationsvereinbarung ein, nämlich den ERASMUS-Austausch.

Die Teilnahme an und Organisation interdisziplinärer Tagungen festigen das Netzwerk. „Welches Buch man auch immer kennt, er hat es schon gelesen; an welchem europäischen Spielort man auch sein mag, er war schon da“, beschreibt Prof. Dr. Ingrid Bennewitz, Lehrstuhl für Deutsche Philologie des Mittelalters die Umtriebigkeit ihres Kollegen. Gemeinsam mit dem Librettoforscher organisierte sie die Bamberger Tagung Der arme Heinrich Hartmanns von Aue und seine moderne Rezeption 2015. „Albert Gier ist einer der großen Universalgelehrten unserer Zeit“, ergänzt sie.

Kein Ende in Sicht

6 Bücher, 39 Aufsätze, 10 Lexikonartikel sowie 322 Buchbesprechungen und kürzere Texte allein in der Zeitschrift für Romanische Philologie verzeichnete Albert Gier bereits auf seiner Publikationsliste, als er sich 1987 für die Professur der romanischen Literaturwissenschaft an der Universität Bamberg bewarb. Seine in Bamberg ungebrochene wissenschaftliche Tätigkeit, die 4 weitere Bücher, 10 Sammelbände, die er allein oder mit Kollegen herausgegeben hat, 180 wissenschaftliche Aufsätze, 150 Beiträge in Programmheften, Zeitungen und 30 Rundfunksendungen zu literarischen und musikalischen Themen umfasst, möchte er auch als Pensionist nicht aufgeben. „Es wird ein weiteres umfassendes Grundlagenbuch zum Libretto seit 1900, analog dem von 1998 erscheinen“, erzählt der Romanist von seinen Plänen. „Ich möchte auch meine Altgriechisch-Kenntnisse aufpolieren, unter anderem für Studien über Musiktheater der Frühzeit“, erzählt er.