Rainer Schreg ist seit Januar 2018 Inhaber des Lehrstuhls für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit.

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Mehr als alte Töpfe ausgraben

Rainer Schreg übernimmt Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit

Archäologinnen und Archäologen graben nicht nur alte Gegenstände aus. Die Funde lassen Rückschlüsse auf die Vergangenheit zu, die auch die Gegenwart betreffen. Dieses Selbstverständnis möchte Prof. Dr. Rainer Schreg der Öffentlichkeit vermitteln. Am 1. Januar 2018 hat er den Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit von Prof. Dr. Ingolf Ericsson übernommen. Der gebürtige Göppinger will beispielsweise erforschen, ob extreme Wetterverhältnisse dazu geführt haben, dass fränkische Dörfer im Mittelalter aufgegeben werden mussten.

Worin besteht Ihr Selbstverständnis als Professor?

Ich möchte vor allem akademischer Lehrer sein, der den Studierenden nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch die Faszination des Faches; ein Lehrer, der dazu motiviert, eigene Fragen zu entwickeln und Erkenntniswege zu finden – und auch immer wieder selbstkritisch zu fragen, was und warum wir denn ausgraben. Erst damit können die Studierenden eine Professionalität entwickeln, die sie fit macht für das Berufsleben nach dem Studium.

Als Inhaber des Lehrstuhls für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, des ersten Lehrstuhls für dieses auch heute noch kleine Fach, sehe ich auch die Aufgabe, dieses inhaltlich zu profilieren und der Öffentlichkeit zu vermitteln. Denn noch immer – oder nach zahlreichen Ausgrabungen der Mittelalter- und Neuzeitarchäologie vielleicht eher: wieder – taucht die Frage auf, wofür man archäologische Ausgrabungen zu Zeiten brauche, zu denen üppig schriftliche Quellen vorliegen. Deshalb sind wir in der Pflicht zu zeigen, dass wir als Archäologen nicht nur banale, sonden wirklich wertvolle Erkenntnisse über vergangene Zeiten, über uns und unsere moderne Gesellschaft zu Tage fördern.

Haben Sie ein besonders wichtiges / schönes / spannendes Forschungsprojekt, das Sie gerne kurz vorstellen möchten?

Nicht nur eines. Aber ein Forschungsthema, das mich schon lange umtreibt und das ich sicher auch von Bamberg aus weiter betreiben werde, ist das der mittelalterlichen Dorfgenese und ihrer sozial- und umwelthistorischen Dimension. Grabungen in Südwestdeutschland und Südbayern haben gezeigt, dass sich die typische Siedlungsform des Dorfes erst im Hoch- und Spätmittelalter gebildet hat. Die meist um die Kirche konzentrierten Dörfer lösten sehr viel lockerere Siedlungsgefüge ab, in denen die Höfe häufiger verlegt wurden. Hier gilt es, diese Veränderungen genauer zu verstehen, da sie einen ganz zentralen Wandel der mittelalterlichen Gesellschaft darstellen – mit Auswirkungen bis heute.

Ein plausibles Szenarium ist, dass die Einführung der Dreizelgenwirtschaft bei der Entstehung dieser Siedlungsgefüge eine zentrale Rolle spielt: Das gesamte Ackerland einer Dorfgemeinschaft wurde in drei sogenannte Zelgen aufgeteilt, das sind große Felder. Die Bauern bestellten eine Zelge mit Winterfrucht wie Weizen, die zweite mit Sommerfrucht wie Hafer und die dritte lag brach. Die Nutzung rotierte jährlich. Der agrarhistorischen Forschung gilt dies bis heute als der große landwirtschaftliche Fortschritt des Mittelalters, denn erst mit dieser Ertragssteigerung sei das Bevölkerungswachstum möglich geworden. Archäologische Befunde legen aber nahe, dass vielleicht das Gegenteil der Fall war und Dorfgenese und Dreizelgenwirtschaft zu einer ökologischen Katastrophe geführt haben, die letztlich auch die Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts mit ihren Millionen von Toten umfasst.

Vermutlich haben die Veränderungen der Kulturlandschaft durch das Ausräumen von Hecken und die Entstehung großer Ackerflächen dazu geführt, dass der Klimawandel des 14. Jahrhunderts, die beginnende Abkühlung zur kleinen Eiszeit die bäuerlichen Gemeinschaften hart getroffen hat. Viele Siedlungen wurden aufgegeben. Durch die Umgestaltung der Landschaft wurde beispielsweise die Bodenerosion bei den Extremwettern des 14. Jahrhunderts zum Problem. Auch im Umfeld von Bamberg gibt es Zeugnisse von Extremwetterereignissen, die im 14. Jahrhundert tiefe Schluchten gerissen und zur Aufgabe ganzer Dörfer geführt haben.

Was sind die wichtigsten Ziele als Lehrender bzw. Forschender in Ihren kommenden Jahren an der Universität Bamberg?

Als erstes gilt es natürlich, hier an der Uni gut zu starten, sich in den neuen Aufgaben zurechtzufinden und ein gutes Team und Kooperationen aufzubauen. Dazu gehört auch, die Region kennenzulernen, um für die Forschungen am Lehrstuhl geeignete Ansatzpunkte zu finden. Diese sollen auch regional verankert sein, etwa mit der schon lange aufgeschobenen Auswertung der Grabungen im Bamberger Dom oder mit experimentalarchäologischen Forschungen am Geschichtspark Bärnau-Tachov und dem dort im Aufbau befindlichen ArchaeoCentrum. Um die Studierenden auch an die immer wichtiger werdenden naturwissenschaftlichen Methoden in der Archäologie heranzuführen, würde ich gerne ein Projekt etablieren, das mittels Keramikanalysen und mithilfe der experimentellen Archäologie die Frage nach veränderten Produktions- und Vertriebsweisen dieses Alltagsgutes vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit nachverfolgt. Im internationalen Kontext denke ich beispielsweise an Forschungen zu ländlichen Kirchen im südlichen Serbien, die derzeit von Verfall und Zerstörung bedroht sind, aber eine wichtige Quelle für die Siedlungsgeschichte auf dem Balkan darstellen.

Ein ganz wichtiges Ziel ist es für mich bei all dem, die besonderen Kompetenzen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit und die speziellen Qualifikationen der Absolventinnen und Absolventen herauszustellen. Zum Beispiel vermittelt das Studium Kenntnisse, um die archäologischen Befunde mit den Schriftquellen und noch stehender Bausubstanz zu verknüpfen. Das muss daher in der Lehre eine zentrale Rolle spielen und auch nach außen kommuniziert werden. Dafür möchte ich einen Wissenschaftsblog aufbauen, der gleichermaßen der Forschung wie der Lehre dient. Ich kann da auf Erfahrungen mit meinem schon seit einigen Jahren laufenden Blog Archaeologik zurückgreifen, der 2015 als Wissenschaftsblog des Jahres ausgezeichnet wurde.

Weitere Informationen zu den Arbeitsschwerpunkten von Rainer Schreg sowie zu seiner Biographie finden Sie hier.