Seit Jahrtausenden unverändert: Die lateinische Sprache ist unsterblich.

Markus Schauer sieht im Lateinischen heute einen wertvollen Experimentierraum und eine neutrale Diskussionsarena für unterschiedliche Kulturen - beispielsweise als Brückenfach in der Schule.

Lange blieb Latein die Wissenschaftssprache Europas und ist dort bis heute präsent: zum Beispiel in den typischen lateinischen Bezeichnungen des Klassifierungssystems der Pflanzen, das auf Carl von Linné zurückgeht.

Kulturelle Werte transportieren, jahrtausendealtes Gedankengut vermitteln und kommunikative Brücken bauen - Latein steht in einer Reihe mit Weltsprachen wie beispielsweise dem Chinesischen.

Wie Latein heute noch Brücken baut und Türen öffnet

Altphilologe Markus Schauer über die Einflüsse einer gar nicht toten Sprache

Sie taucht in Werbesprüchen und Lebensmottos für Tattoos auf oder liefert Ideen für die Namensgebung von Fantasy-Charakteren: Die vermeintlich verstaubte lateinische Sprache zeigt sich in unserem Alltag in den verschiedensten Lebensformen. Und auch in der Wissenschaft spielt sie eine wichtige Rolle und beschäftigt Prof. Dr. Markus Schauer, Inhaber des Lehrstuhls für Klassische Philologie mit Schwerpunkt Latinistik an der Universität Bamberg, auch deshalb, weil sie der Schlüssel zu unserer europäischen Vergangenheit ist.

„Eine lebendige Sprache ist dem steten Sprachwandel unterworfen und stirbt unzählige Tode, Latein hingegen blieb als erstarrte Kunstsprache im Kern unverändert, ist zeitlos und damit in gewisser Weise unsterblich“, erklärt Markus Schauer. Als Sprache der Gelehrten, Diplomaten und Adeligen war sie jahrhundertelang nur den Eliten vorbehalten und stand für eine Art „geistiges Europa“.

Zugriff auf die geistige Vielfalt Europas

Erst spät etablierten sich eigene Nationalsprachen in Europa und so war Latein das, was Englisch heute ist – und blieb für fast 2000 Jahre die europäischste aller Sprachen. Auch tausende Jahre alte Texte sind dadurch noch heute lesbar und erlauben Zugriff auf enormes Kultur- und Gedankengut, denn im gleichbleibenden Medium Latein bleibt die geistige Vielfalt der Geschichte Europas zugänglich. Dabei stammt nur ein kleiner Teil aus der eigentlichen römischen Antike. Die Anzahl der nachantiken Werke, wie Archivalien oder wissenschaftliche und literarische Texte, übersteigt die antiken Schriften um das zehntausendfache. Bis ins frühe 19. Jahrhundert wurde immer noch ein beträchtlicher Teil auf Latein verfasst und beispielsweise auch Goethe verwandte sie für seine Doktorarbeit. Selbst an Universitäten war es die klassische Lehrsprache bis erst im 17. Jahrhundert an der Universität Halle die erste Vorlesung auf Deutsch gehalten wurde.

Latein als Brückenfach

Doch die lateinische Sprache öffnet nicht nur Türen zu europäischen Wurzeln und dem erhaltenen Gedankengut, sie kann auch heute noch dem Austausch und der interkulturellen Verständigung dienen. Nach Englisch und Französisch ist Latein die Fremdsprache Nummer drei an deutschen Schulen und bietet gerade im Bereich Migration einen interessanten Ansatz: Latein könnte als sogenanntes Brückenfach einen Experimentierraum für Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Nationalitäten öffnen. Markus Schauer ist der Ansicht, dass Sprache nicht nur Grammatik und Rhetorik vermittelt, sondern auch damalige Werte, Weltbilder und anregende Ansichten zu allen großen Fragen der Menschheit, die auch heute noch aktuell sein können. „Latein ist für alle zunächst gleich schwer und gleich weit weg. Die gemeinsame fremde Sprache kann deshalb zur neutralen Diskussionsarena werden, in der sich über Blickwinkel und Kulturunterschiede ausgetauscht werden kann, ohne selbst zu sehr emotional involviert zu sein“, so Markus Schauer. Behandeln die Schülerinnen und Schüler beispielsweise antike Rollenbilder, so lässt sich darüber ein Anknüpfungspunkt finden, wie es in den jeweiligen Herkunftsländern bezüglich dieses Aspektes aussieht.

Sprache vermittelt Kultur

Auch über Redewendungen, Metaphern und Sprichwörter, die aus dem Lateinischen übernommen wurden und in vielen, vor allem europäischen Sprachen, dasselbe bedeuten, lassen sich Denkweisen und kulturelle Inhalte vermitteln. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, so erklärt der Philologe, kann beispielsweise auf eine Fabel von Äsop, die bei Aristoteles überliefert ist, zurückverfolgt werden: Ein Mann verkauft seinen Mantel, weil er, nachdem er eine einzelne Schwalbe gesehen hat, davon ausgeht, dass der Sommer naht. Fortan muss er frieren, denn es bleibt kalt und die zu früh zurückgekehrte Schwalbe erfriert. Im Englischen heißt es „One swallow doesn’t make a summer“ und auch im Französischen, Italienischen oder sogar im Arabischen ist eine Übersetzung zu finden.

Durch dieses ursprünglich lateinische Sprichwort lässt sich so über die Grenzen hinweg etwas Verbindendes verspüren. Die lateinische Sprache transportiert damit kulturelle Werte, diente und dient noch immer der grenzüberschreitenden Kommunikation und ermöglicht den Zugriff auf jahrtausendealtes Gedankengut. Sie kann deshalb in die Reihe der klassischen Sprachen wie Altgriechisch, Sanskrit oder klassisches Chinesisch eingeordnet werden. Weltsprachen, die sich ihre Identität bewahrt haben und selbst Identität stiften.

Schauers Hommage an eine totgesagte quicklebendige Weltsprache gibt es in der Ausgabe des Forschungsmagazins uni.vers der Universität Bamberg aus dem Sommersemester 2017: www.uni-bamberg.de/univers-forschung