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Rund 1200 Besucherinnen und Besucher füllten die Konzerthalle anlässlich der Bamberger Erstaufführung von Robert Schumanns "Szenen aus Goethes Faust".

Albrecht Pöhl

Bariton Albrecht Pöhl übernahm die Rolle des Faust.

Die Solistinnen und Solisten boten ein "kompromisslos professionelles" Stimmniveau.

Dirigent Wilhelm Schmidts leitete das Konzert ebenso souverän wie sichtlich inspirierend ...

... und freute sich über den tosenden Applaus des Publikums.

Eine musikalische Pioniertat für die Region

Mit Robert Schumanns „Szenen aus Goethes Faust“ war eine großformatige Erstaufführung unter der Leitung von Wilhelm Schmidts zu erleben.

Wer seit Jahren regelmäßig zu einer Veranstaltung pilgert, die unter der fast verharmlosenden Bezeichnung „Semesterschlusskonzert“ firmiert, weiß längst, dass hier kein nettes studentisches Vorspielen auf dem Programm steht, sondern großkalibrige oratorische Werke zur Aufführung gelangen. Und das in der stets fast oder ganz ausverkauften Bamberger Konzerthalle, denn die beiden Universitätsaulen reichen bei weitem nicht mehr, um dem verdientermaßen gestiegenen Interesse gerecht zu werden.

Verdientermaßen deshalb, weil das „Semesterschlusskonzert“ seit dem Beginn der Interpretation umfassender Oratorien unter der Ägide Michael Goldbachs zu einem markanten Höhepunkt in Bambergs Kulturleben geworden ist. Darüber hinaus ist es zunehmend gelungen, auch außeruniversitäre Mitwirkende zu gewinnen, was natürlich die Steigerung des musikalischen Niveaus ermöglicht und die Bandbreite des Repertoires erweitert.

Wilhelm Schmidts, der aktuelle künstlerische Gesamtleiter der Bamberger Universitätsmusik, wagte sich jetzt an ein besonders ambitioniertes Projekt: die regionale Erstaufführung von Robert Schumanns „Szenen aus Goethes Faust“. Das 1848 in Dresden uraufgeführte Werk wird seltener präsentiert als das kurz zuvor entstandene symphonische Chorwerk „Das Paradies und die Peri“, was einerseits an der reichlich abendfüllenden Länge liegen mag, andererseits daran, dass schon der Titel fragmentarisch wirkt, obwohl dieses „Faust“-Oratorium als abgeschlossen gelten kann.

Freilich wird nicht der ganze Stoff von Goethes Meisterwerk vertont, sondern das Erlösungsphantasma des Protagonisten und damit der Schluss von Faust II in den Fokus gerückt. Das Werk besteht aus drei „Abtheilungen“, beginnend mit der Gartenszene. Es folgen aus Faust I Gretchens Mater-Dolorosa-Anbetung und die Szene im Dom. Im zweiten Teil sind wir bereits bei Faust II angelangt mit den Szenen „Sonnenaufgang“, „Mitternacht“ und „Fausts Tod“. Der dritte Teil ist durchkomponiert und dem Schluss des Schauspiels gewidmet, also Fausts Verklärung.

Gleich die ersten Soli zu Beginn des Oratoriums – im Duett zwischen Faust (Albrecht Pöhl, Bariton) und Gretchen (Silke Evers, Sopran) – deuteten an, welches Niveau in den vokalen Partien dieser Bamberger Erstaufführung angestrebt wurden: kompromisslos professionell! Nach der eindringlichen Darstellung der Gretchenszene vor der Mater Dolorosa trat mit Alban Lenzen ein kerniger „Böser Geist“ in der Domszene auf den Plan, dem bald der groß besetzte Chor mit Einwürfen aus dem „Dies irae“ entgegentritt. Diese Sequenz hat Schumann geschickt verwoben mit den Drohungen des Geistes und den angstbeschwerten Reaktionen Gretchens.

Dass in der Sonnenaufgangsszene der zweiten Abteilung besonders exquisite Vokalkunst zu erwarten war, deutete schon der Blick auf die Besetzungsliste an. Mit Martin Platz als Ariel wurde ein Sänger engagiert, den man mit Recht als Startenor der Nürnberger Staatsoper bezeichnen darf. Welch leichte Höhe, welch schönes Timbre! In der folgenden großen Chorszene konnte der Universitätschor nicht nur seine Verlässlichkeit in den Einsätzen und intonatorische Sicherheit unter Beweis stellen, sondern auch durch vorbildliche Textverständlichkeit überzeugen.

Den sich anschließenden Faust-Monolog gestaltete Albrecht Pöhl mit markanter, aber im Piano auch samtener Stimme. Dann wird es Mitternacht und die allegorischen „grauen Geschwister“ namens Mangel, Schuld, Not und Sorge treten auf dem Hintergrund geradezu schemenhafter Musik auf. Doch Faust versteht sie nicht, lediglich die Sorge vermag zu ihm vorzudringen und ihm die nahende Erblindung zu verkünden. Das hätte die mit einer schönen Sopranstimme ausgestattete Mirella Hagen gerne auch gestisch etwas andeuten können – ein wenig Halbszenerie darf doch auch in einer rein konzertanten Aufführung sein!

Nach Fausts „Verweile doch, du bist so schön“ und seinem Tod unter den Lemuren beschließt Mephistos verächtlicher Kommentar diesen Abschnitt. Die Lemuren wurden vom Chor hörbar mit einem keck klingenden Unterton als fremdartige Wesen identifiziert – oder wollte nur der Rezensent das so hören? Alban Lenzen gibt den Meister Mephisto fast eine Spur zu schön und hätte das fatale Wortspiel von „Grab“ und „Graben“ gerne eine Spur hinterlistiger gestalten dürfen, erzeugt es doch ein für Faust schicksalhaftes Missverständnis.

Im dritten Teil, „Fausts Verklärung“, sind zunächst milde Töne angesagt, und das beherzigt sich der Chor eingangs mit seiner warmen Timbrierung. Dann darf man sich auf Martin Platz als „Pater Ecstaticus“ freuen, dem die anderen Anachoreten wie „Pater Profundus“ (Alban Lenzen) und „Pater Seraphicus“ (Albrecht Pöhl) folgen. Wenn der Engelschor von Rettung singt und Faust in höhere Regionen entschwebt, lässt Schumann recht robuste Töne anschlagen, obwohl man doch eher elysische Harfenklänge erwartet hätte.

Das um Katharina Flierl (Mezzosopran) und Christine Mittermair (Alt) ergänzte Frauenterzett beteiligt sich als „Die seligen Knaben“ am Wechselspiel zwischen „Jüngeren Engeln“ und den „Vollendeteren Engeln“, bevor Faust reif ist für die Aufnahme in die höchste Verklärungsstufe und dort als „Doctor Marianus“ waltet. Schumann begrüßt diese letzte Sphäre der Heiligenwelt mit einer hymnischen Musik, doch die Büßerin Gretchen alias „Una Poenitentium“ wartet noch auf die Trostspenderin „Mater Gloriosa“, bevor der „Chorus Mysticus“ vom „Vergänglichen“ und „Ewig-Weiblichen“, das uns hinanzieht, singen darf.

Wer dieser denkwürdigen Aufführung beiwohnte, durfte sich auch „hinangezogen“ fühlen, und das nicht nur weil es eine Ersttat war. Wilhelm Schmidts leitete das Ganze ebenso souverän wie sichtlich inspirierend. Sein Chor scheint für alle denkbaren Aufgaben geeignet, das Universitätsorchester trotz hohen Laienanteils auch für komplexere Partituren gewappnet. Ein Sonderlob muss dem sehr aufwendig und höchst anspruchsvoll aufgemachten Programmheft gelten: vorbildlich! Bambergs Universitätsmusik hat mit diesem großen Projekt ein markantes Ausrufezeichen gesetzt.

Hinweis: Diesen Text verfasste Martin Köhl.