... Georg Hörmann referierte zum Auftakt der Ringvorlesung über pädagogische Identität (Bilder: Photocase und Carmen Bachmeier)
Pädagogische Identität
Der Studiengang Diplom-Pädagogik wurde an der Universität Bamberg vor mehr als 30 Jahren eingerichtet. Das akademische Fach war schon damals der Gefahr ausgesetzt, mit dem Lehramtsstudium gleichgesetzt oder verwechselt zu werden. Welche Kompetenzen bringen demnach Diplom-Pädagoginnen und -Pädagogen mit, die sie von anderen Absolventen unterscheiden? Zur Beantwortung dieser Frage gründete sich seinerzeit propäd e.V. mit dem Untertitel „Verein zur Förderung des pädagogischen Theorie-Praxis-Bezugs“. Diplom-Pädagoginnen und -Pädagogen sind seitdem in hoch qualifizierte, leitende und planende Positionen in Arbeitsfeldern – etwa der Sozialpädagogik, Erwachsenen- und Weiterbildung, Ele¬mentar- und Familienpädagogik – vorgedrungen, und Pädagogik als Disziplin treibt die Erforschung von Erziehungs- und Bildungsprozessen voran. So komplex und verschieden die Arbeitsfelder sind, so hat sich trotz der Heterogenität eine gewisse Binnenidentität entwickelt. Angesichts der zu erwartenden Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge verschärft sich die Frage nach einer gemeinsamen pädagogischen Identität. Propäd e.V., der sich in Reaktion auf diese weitere Zersplitterung pädagogischer Abschlüsse und Arbeitsfelder im Juli 2007 den neuen Untertitel „Verein zur Förderung der Professionalität von Pädagoginnen und Pädagogen“ gab, organisiert hierzu eine Ringvorlesung, die sich dieser Fragestellung widmet.
Technik, Handwerk oder Kunst?
Den Einstieg machte am 24. Oktober Prof. Dr. mult. Georg Hörmann, Inhaber des Lehrstuhls Pädagogik, mit dem Vortrag: „Pädagogische Identität: Pädagogik als Kunst oder Wissenschaft bzw. Wissenschaft und Lebenskunst?“ Auf die Frage, was denn Pädagogik (griech. „paidagogike techne“) sei, Technik, Handwerk oder Kunst, machte Hörmann deutlich, dass sie nicht allein auf Erfahrung („empeiria“), Tradition oder Begabung beruhe, sondern wissensgestützt stets mit Lehrbarkeit verbunden ist. Pädagogik kann sich daher weder der Forderung nach wissenschaftlich erprobten Erziehungstechniken noch der Einübung in deren korrekte Durchführung, dem Erziehungshandwerk, entziehen. Ihr Zweck kann es aber nicht sein, nur Techniken für vorgegebene Erziehungsziele und probate Erzieher für die Gesellschaft zu liefern, sondern zu Erziehungszielen selbst kritisch Stellung zu beziehen und diese zu formulieren. Dabei hat sie jedoch keine offizielle Durchsetzungsmacht. Sie hat weder das Sanktionspotential der Justiz bei der Durchsetzung von Normen noch der Politik zu deren verbindlichen Formulierung.
Aus dieser Beschränkung auf ein Vorschlagsrecht für Erziehungsziele ergibt sich die ständige Gefährdung, zu einer Wende- oder Wechselpädagogik zu verkommen, die sich blindlings dem Zeitgeist anbiedert. Hörmann machte etwa deutlich, dass Pädagogik nicht bei der unkommentierten Darstellung empirischer Forschungsergebnisse stehen bleiben darf, sondern die gesellschaftliche Diskussion über zum Beispiel den vermeintlichen „Pisa-Schock“ kritisch begleiten muss.
Gegenüber einer soziobiologisch argumentierenden „Erziehung zu verantwortungsvollem Lügen“ illustrierte Hörmann, dass eine erziehungswissenschaftliche Forschung, die mit biowissenschaftlichen Konzepten arbeitet, auf eine solide normative Fundierung angewiesen ist, die sich nicht aus den Biowissenschaften selbst speisen kann. Das Erziehungsziel „Mut zur Ehrlichkeit“ gepaart mit „Kultivationspädagogik“ erfordert Feingefühl, Einfühlungs- und Urteilsvermögen, eben den „pädagogischen Takt als Zentralkompetenz professioneller Erzieher“. Pädagogik ist nicht Technik für Lernprobleme, sondern lehr-/lernbare Kunst für Lebensprobleme. Ohne kritische Reflexion über Ziele unterwirft sich Pädagogik unter Verleugnung ihrer Identität und relativen Autonomie entweder „wendebeflissen“ einem Zeitgeist oder leistet einer „Deprofessionalisierung“ Vorschub, wobei ureigene Aufgaben (Belehrung, Moralisierung) an andere Disziplinen wie die Justiz oder Psychotherapeutik („Transprofessionalisierung“) delegiert werden.
Weitere Termine
Die Ringvorlesung werden Prof. Dr. Claus Mühlfeld am 21. November für die Sozialpädagogik, Prof. Dr. Jost Reischmann am 5. Dezember für die Andragogik und Prof. Dr. Cordula Artelt am 16. Januar für die Empirische Bildungsforschung fortsetzen.
Die Veranstaltungen finden jeweils um 20.15 Uhr in Raum M3/232N tatt.

