Hat die Adoleszenz überwunden: Seit dem Sommersemester 2005 erscheint das "rezensöhnchen" im neuen Layout. (Bild: Alsheimer)

Torben Quasdorf sieht das "rezensöhnchen" als Übungsfeld für Nachwuchsrezensenten. (Bild: Alsheimer)

Stefan Neuhaus war Mitglied der Gründungsredaktion. (Bild: Neuhaus)

Hat den Reformkurs des "rezensöhnchens" in den letzten vier Semestern voranbgetrieben: Germanistik-Studentin Katharina Kress.(Bild: Alsheimer)

Der Bamberger Romancier Thomas Kastura hat im "rezensöhnchen" erste Schreiberfahrungen gesammelt. (Bild: Kastura)

Die aktuelle Redaktion bei der Sichtung der Verlagsprogramme. (Bild: Pressestelle)

- Caroline Alsheimer

„Aus den Kinderschuhen gewachsen“

Die Bamberger Zeitschrift für Literaturkritik "rezensöhnchen" erscheint in neuem Layout

"Wer kennt nicht das Gefühl, hilflos vor den mit abertausenden von Büchern angefüllten Regalen einer Buchhandlung zu stehen, ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, welches der vielen Bücher ganz persönlich prima Lesestoff bietet?" - So heißt es im Vorwort der ersten "rezensöhnchen"-Ausgabe. Das Problem der oft schwierigen Buchauswahl wurde von der Redaktion richtig erkannt. Ziel der damals zehn Studierenden aus den Anfangssemestern der Bamberger Germanistik war es, Rezensionen zu veröffentlichen und „aus dem unübersichtlich großen Berg von jährlichen Neuerscheinungen ein paar herauszufiltern“.

Seit seiner ersten Redaktion wurde das "rezensöhnchen" von Studentengeneration zu Studentengeneration weiter getragen. Das Ziel der Blattmacher ist bis heute gleich geblieben: „Am rezensöhnchen können sich Studierende üben, dem Lesepublikum bietet die Zeitschrift im Dschungel der Bücher Orientierung“, erklärt der Germanistik-Student Torben Quasdorf, der sich seit seinem vierten Semester in der Redaktion des "rezensöhnchens" engagiert.

An die Namensfindung zum "rezensöhnchen" erinnert sich Stefan Neuhaus, der heute in Innsbruck am Institut für deutsche Sprache, Literatur und Literaturkritik an der Leopold-Franzens-Universität lehrt. Neuhaus gehörte zu den Gründungsmitgliedern: „Wir haben uns damals - als Erstsemester - in einem Lokal am Katzenberg getroffen. Es gab viele Namensvorschläge, diesen machte eine Mitstudentin. Die anderen waren nicht so begeistert wie ich und ich bin sicher mit daran schuld, dass dieser Name genommen wurde. Ich mag solche Wortspiele, andere mögen sie nicht.“ Immer noch wird der Name der Rezensionszeitschrift kontrovers diskutiert. „Der Name 'rezensöhnchen' ist aber bekannt und etabliert, es wäre schwierig, das 'rezensöhnchen' neu zu benennen“, erklärt Torben Quasdorf. Über die Jahre wurde der Name beibehalten, geändert haben sich das Erscheinungsbild und der Inhalt der Rezensionszeitschrift.

Neuerungen zum 18. Geburtstag

Das mit einem Diminutiv versehene "rezensöhnchen" wächst, bildlich gesprochen, zu einem Rezensohn heran. Die Redaktion hat sich in der 36. Ausgabe gemeinschaftlich vom DinA5-Format verabschiedet. „Das neue Heft ist 17x24 Zentimeter groß, dicker als üblich und fällt mehr auf.“ Katharina Kress gehört seit vier Semestern zum festen Kern der "rezensöhnchen"-Redaktion und ist verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes. Zusammen mit Torben Quasdorf und anderen hat sie die Umgestaltung des "rezensöhnchens" vorangetrieben. Die 26jährige freut sich über die Veränderungen im Layout. „Seit dem Sommersemester erscheint das rezensöhnchen im leserfreundlichen Flattersatz und wurde durch Grauabstufung in der graphischen Darstellung verbessert.“

Torben Quasdorf hat den Schwerpunkt Philosophie, der die Rezensionszeitschrift auflockern soll, angeregt und betreut: „Wir haben den Germanisten Oliver Jahraus für die 36. Ausgabe als Schwerpunkt-Autor gewinnen können. Zudem haben sich Studierende bereit erklärt, eine Neuerscheinung aus dem Fach Philosophie vorzustellen.“ Für die kommende Ausgabe haben sich die rund 30 Mitglieder der aktuellen Redaktion auf einen Schwerpunkt zum Thema Kinderbuch geeinigt.

Auch der Bamberger Romancier Thomas Kastura, der heute hauptberuflich als freier Autor und Journalist publiziert, betreute das "rezensöhnchen". „Ich stand kurz vor dem Vordiplom, als ich bei Ausgabe 8 die Betreuung übernahm“, erinnert sich der Autor. „Damals wurde das Layout noch geklebt, als Word besser wurde, haben wir dann fast alles am PC gemacht.“ Kastura erinnert sich an die technische Entwicklung der Rezensionszeitschrift so genau wie an ein Interview mit Hellmut Krausser und einen sehr guten Kontakt zur FAZ. „Die Arbeit hat Spaß gemacht, denn so etwas wie das Bamberger 'rezensöhnchen' gab es in anderen Städten noch nicht. Zudem bekamen wir von den Autoren, die unsere Rezensionen erhielten, ein gutes Feedback.“ Eine weitere Besonderheit ist Kastura im Gedächtnis geblieben: „Es gab aus Autoritätsskepsis keinen Chefredakteur.“ Das ist noch heute so. Torben Quasdorf und Katharina Kress bestätigen die starke Diskussionskultur des "rezensöhnchens", in der sich jeder der Kritik anderer stellen muss und sich nur das stärkste Argument durchsetzt. „Einen festen Chef gibt es in der Redaktion nicht, die Aufgaben werden nach Interesse und Fähigkeiten verteilt."

Schritte zur Professionalisierung

Aus der Taufe gehoben wurde das Bamberger "rezensöhnchen" im Wintersemester 1987/88 von der Literaturwissenschaftlerin Heide Hollmer. Während eines Seminars zur Einführung in die Neue Deutsche Literaturwissenschaft ergriff sie die Initiative zum Aufbau einer Rezensionszeitschrift: „Als der Diplomstudiengang Germanistik neu eingerichtet wurde, gab es nur wenige Möglichkeiten für Studierende, Erfahrungen in der Praxis zu sammeln“, erinnert sich die Literaturwissenschaftlerin. Heide Hollmer ermutigte die Studierenden, eine eigene Rezensionszeitschrift zu gründen. „Die Studenten haben den ersten Schritt zu ihrer Professionalisierung gewagt; sie haben die Zeitschrift selbstständig geplant und Werbung akquiriert. Anfangs haben sie mir auch Texte zur Korrektur vorgelegt.“ Die Germanistik-Dozentin, die bereits in den Verlagen dtv und Beck gearbeitet hatte, stand den Rezensenten im verlagsfernen Bamberg mit wertvollen Tipps aus der Praxis zur Seite und war in der Zeit 1987 bis 1989 Ansprechpartnerin der "rezensöhnchen"-Redaktion.

Kuchenverkauf und Werbeeinnahmen decken Ausgaben

Weil das "rezensöhnchen" unabhängig von der Universität erstellt wird, erfolgt die Rückfinanzierung zu einem großen Teil durch Werbung. Thomas Kastura erinnert sich an das finanzielle Nullsummenspiel. „Wir sind in jedem neuen Semester zur Bamberger Sparkasse gegangen und haben uns 1000 Mark vorstrecken lassen. Wegen der fehlenden Kontobewegungen war das immer wieder ein Abenteuer.“ Auch heute muss eines der Redaktionsmitglieder zur Vorfinanzierung des "rezensöhnchens" regelmäßig das eigene Konto überziehen. „Irgendwie klappt es aber, dass die Werbeeinnahmen die Ausgaben decken.“ Katharina Kress kümmert sich um die Sicherung der Finanzierung. Für diesen Zweck hat sie eine Kuchenverkauf-Aktion ins Leben gerufen „100 Euro kommen da schnell zusammen.“ Die Germanistik-Studentin hat sich zusammen mit anderen eine weitere Regelung ausgedacht: Wer künftig eine Rezension schreibt, der soll auch versuchen, eine Anzeige zu verkaufen. Vielleicht kann das finanzielle Risiko auf diese Weise etwas gemindert werden.

Das "rezensöhnchen" erscheint halbjährlich, zum Sommer- und Wintersemester mit einer Auflage zwischen 800 und 1000 Exemplaren. Die von Studierenden in Eigeninitiative erstellte, von der Universität unabhängige Rezensionszeitung gehört zu den Perlen der Bamberger Literaturszene.