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Gut besucht war die Bamberger Hegelwoche 2018.

Laut Christian Illies erfasst Menschen eine regelrechte „Angstlust“.

Alexander Demandt führte verschiedene Faktoren auf, die zum Untergang des Römischen Reiches führten.

Den Untergang der DDR thematisierte Barbara Zehnpfennig.

Wie die Zukunft Europas aussehen könnte, überlegte David Engels.

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Alles hat ein Ende – auch Europa?

29. Bamberger Hegelwoche über „Untergänge“

„Wenn Sie einen Tiger übersehen, war’s das.“ Mit diesem Beispiel erklärte Prof. Dr. Christian Illies, warum die Faszination an Untergängen in der Natur des Menschen liegt: Man muss die Gefahr rechtzeitig erkennen, um zu überleben. Christian Illies, Philosophieprofessor an der Universität Bamberg, organisierte und moderierte die 29. Bamberger Hegelwoche. Vom 19. bis zum 21. Juni 2018 führte er das Publikum in der gut gefüllten AULA durch drei Abende zum Thema „Untergänge – Warum Reiche vergehen“.

Wie Christian Illies in seiner Einleitung ausführte, könnten Menschen die Gefahr nicht nur erkennen: „Den Menschen packt eine regelrechte Angstlust.“ Der drohende Untergang motiviere zum Handeln. Dementsprechend wurde die diesjährige Hegelwoche bestimmt von zwei Leitfragen: „Was ist die Logik, die Ursache von menschengemachten Untergängen? Und was können wir daraus für die Gegenwart lernen?“ An den ersten beiden Abenden ging es um den Untergang des Römischen Reiches und den Untergang des Ostblocks, am dritten Abend um die aktuelle (Krisen-)Situation in Europa. Verbindendes Element der drei Themen war – wie sollte es anders sein – die Philosophie Hegels.

So ging das Römische Reich unter

Althistoriker Prof. Dr. em. Alexander Demandt von der Freien Universität Berlin zeigte am 19. Juni, ganz im Sinne Hegels, dass die Deutung von Untergängen von der eigenen Perspektive abhänge - außer Hegels eigene Deutung, die dieser für „absolut“ hielt, weil sie sich all dessen bewusst ist. In der Renaissance hieß es beispielsweise, dass das üppig blühende Römische Reich versunken sei und das finstere Mittelalter folgte. Diese Erzählung galt als Lehrstück für die damalige Zeit gemäß dem Motto: „Wenn wir so handeln wie die Römer, dann droht uns das gleiche Schicksal.“ Hegel hingegen wendete sich gegen eine moralisierende Geschichtsbetrachtung, weil die blutige Weltgeschichte der Preis für den Fortschritt der Freiheit sei. Er war überzeugt davon, dass Menschen sich weiterentwickelten und sah mit seiner Philosophie die griechische Kultur als Jugend, das Römische Reich als Mannesalter und seine eigene Zeit um 1820 als das Ziel der Geschichte. Es musste also alles so kommen, um dieses Ziel zu erreichen.

Nach dieser Gegenüberstellung zeigte Alexander Demandt, weshalb das Römische Reich wirklich untergegangen war. Er sprach von über 200 Verfallsfaktoren, die Historiker entdeckt hätten. Alexander Demandt teilte die Verfallstheorien in innere und äußere ein. Innere Ursachen seien zum Beispiel der herrschende Gegensatz von armen Bauern und reichen Grundherren, die erschöpften Böden, der Bevölkerungsrückgang oder auch das eigenmächtige Militär. Äußere Ursachen seien gewesen, dass die Germanen massenhaft ins Römische Reich einwanderten und dass die germanischen Söldner Kriegstaktiken von den Römern erlernten. So konnten die Germanen schließlich ins Römische Reich eindringen und es in viele Einzelländer auflösen. Im Gegensatz zu Hegel, der nicht der Meinung war, man könne aus der Geschichte lernen, schlussfolgerte Alexander Demandt: „Wenn wir überhaupt lernen, dann aus der Geschichte – vielleicht nicht, was wir tun sollten, aber zumindest, was wir lassen und bedenken sollten.“

Viele Jahrhunderte später ging der Ostblock unter

Am 20. Juni sprach Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig von der Universität Passau über einen Untergang, der viele Jahrhunderte später stattfand: den Untergang des Ostblocks. Sie berief sich in ihrem Vortrag vor allem auf Hegels Dialektik und zeigte am Beispiel des Ostblocks, wie etwas an inneren Widersprüchen zugrunde gehen kann und neue Phänomene entstehen lässt. Das Leben in der DDR war geprägt von starkem Druck auf die Bevölkerung, unter anderem durch Bespitzelung und Ausschaltung andersdenkender Menschen. Barbara Zehnpfennig erläuterte, dass der äußere Zwang irgendwann die innere Veränderung der Bevölkerung bewirken sollte.

Diese Idee basiert auf Marx‘ Theorie, dass Produktionsverhältnisse das Sein und Bewusstsein der Menschen bestimmten. Laut dieser Theorie passt sich die menschliche Vernunft den äußeren Gegebenheiten an. Dass dies nicht so ist, bewies Barbara Zehnpfennig anhand des Untergangs der DDR: „Was den Menschen fehlte, waren Freiheit und Wohlstand.“ Ein Großteil der Bevölkerung ließ sich nicht umerziehen und wollte sich nicht an das System anpassen. „Die seelisch-geistigen Kräfte leisteten Widerstand – Menschen sind also nicht nur System-geführt.“

Krisen in Europa

Zum Abschluss der Hegelwoche am 21. Juni verglich Althistoriker Prof. Dr. David Engels von der Universität Brüssel die Europäische Union mit dem Römischen Reich und griff damit das Thema des ersten Abends auf. Wie Hegel suchte er nach der Logik von Abläufen, nach der allgemeinen Struktur von werdenden, sich verändernden und untergehenden Reichen. David Engels diagnostizierte der EU eine tiefe Krise, eine Kulturkrise, und führte eine ganze Liste an Krisenfaktoren auf: Staatsschulden, Arbeitslosigkeit, Immigration, Überalterung und mehr. Schon am ersten Abend hatte Walter Schweinsberg, Geschäftsführer der Mediengruppe Oberfranken, zur Eröffnung der Hegelwoche ebenfalls Krisen aufgezählt und geschlussfolgert: „Wir müssen auf große Herausforderungen Antworten finden.“ Die Mediengruppe Oberfranken und die Stadt Bamberg waren neben der Universität Bamberg die Veranstalter der Hegelwoche.

Nachdem David Engels am letzten Abend die Krisen in Europa aufgeführt hatte, fragte er: „Wie entschärft man die Situation ohne eine Explosion?“ Auf der Suche nach einer Antwort blickte er in die Vergangenheit, in der schon viele Hochkulturen zugrunde gingen. Als Beispiel zog er den Untergang des Römischen Reiches heran. Mithilfe von vielen Einzelfaktoren zeigte er Parallelen zwischen der damaligen und der heutigen Situation – seien es Migration, Bevölkerungsschwund, Globalisierung oder Elitendemokratie. Schon damals hatten Populisten Erfolg, die eine neue Politik forderten – wie auch heute die nationalistischen Parteien.

Wie geht es weiter mit Europa?

Gerade wegen dieser Parallelen prognostizierte David Engels, dass die inneren und äußeren Krisen der EU wie im Römischen Reich zu immer größeren Unruhen führen könnten. Am Ende der Entwicklung sei der Wunsch nach einer ordnenden Hand so stark, dass die Menschen der Demokratie einen autoritären Staat vorziehen würden. „Leider halte ich diese Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten für sehr wahrscheinlich“, sagte David Engels, auch wenn ihm seine eigene Prognose nicht behagte: „Ich bin der erste, der hofft, dass ich nicht recht habe.“

Ein sehr kulturpessimistischer Schluss der Hegelwoche?

In der anschließenden Podiumsdiskussion jedenfalls argumentierten Alexander Demandt und Barbara Zehnpfennig, dass die EU und das Römische Reich aus verschiedenen Gründen nicht eins zu eins vergleichbar wären und es die Hoffnung auf einen anderen Ausgang gäbe. An diese Diskussion knüpfte David Engels auch im Seminar am nächsten Tag an. Erstmals waren dieses Jahr die Referentin und die beiden Referenten der Hegelwoche jeweils am Morgen nach ihrem Vortrag in einem Seminar zu Gast.
In ein positives Licht hatte Christian Illies das Thema „Untergänge“ bereits am ersten Abend gerückt: „Wir sollten uns von Untergängen im doppelten Sinne ansprechen lassen. Wir sollten sie verstehen und uns dazu motivieren lassen, das richtige zu tun.“ Es bleibt also noch Hoffnung für Europa.