Für ihr Werk über Emily Dickinson und Walt Whitman hat Christine Gerhardt den CHOICE-Preis erhalten.

- Vera Katzenberger

Demut gegenüber der Umwelt im 19. Jahrhundert

Amerikanistik-Professorin Christine Gerhardt gewinnt CHOICE Award

Literaturwissenschaftliches Neuland betritt die Bamberger Professorin für Amerikanistik, Prof. Dr. Christine Gerhardt, mit ihrem Werk A Place for Humility – Whitman, Dickinson and the Natural World. In ihrem Buch widmet sie sich Emily Dickinson und Walt Whitman, die zu den einflussreichsten Lyrikerinnen und Lyrikern des 19. Jahrhunderts zählen. Dafür würdigte sie die in den USA führende akademische Rezensionszeitschrift für wissenschaftliche Publikationen CHOICE im Frühjahr mit dem renommierten gleichnamigen Preis, dem CHOICE-Award Best Academic Publication 2015.

Das Besondere an dem Award ist die hohe Selektivität: Rund 25.000 Titel werden für Rezensionen bei CHOICE eingereicht. Lediglich 6.500 werden zur Rezension angenommen. Ausgezeichnet werden letztlich nur drei Prozent der eingereichten Titel. Damit setzt sich Gerhardt gegen zahlreiche andere Forscherinnen und Forscher durch. Der Preis wird verliehen für wissenschaftlich herausragende Publikationen, die neue und wichtige Erkenntnisse für das jeweilige Fach erbringen. So heißt es in der CHOICE-Rezension, dass Gerhardt eine neue und innovative Perspektive auf die bedeutendste Lyrikerin und den bedeutendsten Lyriker des 19. Jahrhunderts bietet.

Erst ein einziges Mal waren Whitman und Dickinson zuvor miteinander in einer Monographie verglichen worden. „Walt Whitman und Emily Dickson werden traditionell als sehr unterschiedliche Dichter wahrgenommen – das gilt für Form und Inhalt“, sagt Gerhardt. In ihrem Buch weist sie neben den vielen Unterschieden vor allem auf bisher nicht diskutierte Gemeinsamkeiten zwischen dem US-amerikanischen Lyriker und der Lyrikerin hin.

Untersuchungen aus Perspektive der ökologischen Literaturkritik

In ihrem Buch nähert sich Gerhardt den Gedichten von Whitman und Dickinson aus der Perspektive der so genannten ökologischen Literatur- und Kulturkritik – einer der neuesten und aktuell produktivsten Ansätze der Literatur- und Kulturwissenschaft. „Mir ist es gelungen zu zeigen, dass das Schreiben über die Natur bei Whitman und Dickinson nicht nur einen rein symbolischen Charakter hat, sondern eng im Zusammenhang mit dem sich zur damaligen Zeit entwickelnden modernen Umweltbewusstsein und den Umweltwissenschaften steht,“ sagt Gerhardt.

In diesem Zusammenhang entwickelte die Amerikanistin das zentrale Konzept der Demut gegenüber der Umwelt. Demut galt zu Lebzeiten der beiden Dichter als Begriff mit religiöser und geschlechtsspezifischer Bedeutung. In den Gedichten von Whitman und Dickinson erhalte die Haltung jedoch eine starke umweltethische Komponente. „Im Schreiben über die Natur drücken beide eine demütige Haltung gegenüber der Umwelt aus. Die beiden Dichter messen auch den scheinbar unbedeutendsten Phänomenen der Natur große Bedeutung bei und deuten an, dass Natur nicht allein dem Nutzen der Menschen dient. Und sie schreiben so über die Welt, dass darin das Bewusstsein mitschwingt, dass man die Natur letzten Endes nie ganz erfassen kann—nicht durch Religion, nicht durch die Wissenschaften, und vielleicht nicht einmal in der Lyrik.“