Die erste Tagung des Projektteams fand – passend zum Thema – in den historischen Gemäuern der Wiener Hofburg statt. Sie bildete über mehrere Jahrhunderte das Zentrum das Habsburger Reichs (Fotos: privat)

Im November 2013 fand das erste Projekttreffen in Wien statt - mit Wissenschaftlern aus Bamberg, Olmütz und Wien (v.l. Bettina Morcinek, Hilde Haider-Pregler, Helmut Glück, Marie Krappmann, Karsten Rinas, Veronika Opletalová und Hans Haider (nicht im Bild))

Wissenschaft & Praxis

Erkundungen einer historischen Mischsprache

Bamberger Linguisten forschen zum Böhmakeln

Um etwa 1850 wanderten zahlreiche Böhmen in Wien ein. Die deutsche Sprachen lernten sie durch Hörensagen: Hier und da schnappten sie ein paar Wörter und Wendungen auf, Wortschatzlücken füllten sie durch ihren eigenen Dialekt. Es entstand das Böhmakeln. Helmut Glück initiierte ein Forschungsprojekt zu dieser historischen Mischsprache.

Wien wurde durch Migration zur Metropole. In der Spätzeit des Habsburger Reiches verschlug es zahlreiche Zuwanderer aus den Kronländern in die Haupt- und Residenzstadt. Bereits im Jahr 1900 stammten 24,5 Prozent der Bewohner Wiens aus Böhmen und Mähren. Bis gegen Ende des Ersten Weltkriegs zog die Stadt zahlreiche weitere Einwanderer an. Darunter Dienstmädchen, die in den großbürgerlichen Wiener Haushalten tätig sein wollten, Köchinnen sowie Arbeiter in den neuentstehenden Industrien – nicht wenige davon böhmischer Herkunft und tschechischer Muttersprache.

Lernen durch Hörensagen

„Die böhmischen Einwanderer musste sich im deutschsprachigen Wien irgendwie zurechtfinden“, erklärt Prof. Dr. Helmut Glück, Professor für Deutsche Sprachwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache. An Deutsch führte also kein Weg vorbei. Auf der Straße hörten sie die Plaudereien ihrer österreichisch-wienerischen Nachbarn, ihre Dienstherren erteilten ihre Anweisungen in deutscher Sprache. So erlernten die tschechischem Einwanderer die deutsche Sprache in der Gestalt des Wienerischen durch das Hörensagen.

Wortschatzlücken wurden dabei mit Wörtern aus eigener Sprache gefüllt. Auch den Satzbau entlehnten sie bisweilen dem Tschechischen. In phonologischer Hinsicht unterscheidet sich die neue Mischsprache ebenfalls vom Deutschen: Gerundete Vokale wie ö oder ü wurden entrundet. Aus „möchte“ wurde „mecht“, aus „Küche“ „Kiche“. Die so entstandene Sprechart trägt die Bezeichnung Böhmakeln. Seit Herbst 2013 sind Glück und Projektmitarbeiterin Dr. Bettina Morcinek der Mischsprache auf der Spur.

Neuentdecktes Forschungsgebiet

Beim Böhmakeln handelt es sich um ein neues Forschungsgebiet für die Linguistik. „Es gibt dazu noch keine systematischen sprachwissenschaftlichen Untersuchungen“, betont Glück. Anfang des Jahres 2013 stellte er einen Antrag auf Förderung des Projekts an den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Dieser unterstützt Vorhaben zur deutschen Kultur und Geschichte im östlichen Europa. Die Zusage kam prompt. Auf deutscher Seite forschen Glück und Morcinek. Auch zwei tschechische Mitstreiter umfasst die Förderungszusage, nämlich die beiden Germanisten PD Dr. Karsten Rinas und Veronika Opletalová der Palacký-Universität Olmütz.

Seit Jahren steht Glück in engen Kontakt mit dem Lehrstuhl für Germanistik der Palacký-Universität Olmütz; er wurde 2011 mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. 2001 und 2002 fanden erste gemeinsame Projekte statt. Sie widmeten sich dem Tschechenbild in der deutschsprachigen Literatur und den Lehrmitteln für den Erwerb des Deutschen für Tschechen von den frühesten Belegen bis 1918. Für die Erkundungen zum Böhmakeln hat sich Glück zudem Unterstützung zweier befreundeter Wiener Fachleute geholt. Professor Dr. Hans Haider sowie Prof. Dr. Hilde Haider-Pregler stehen dem Projektteam mit Rat und Tat zur Seite.

Schwierige Materiallage

„Die tschechisch-deutsche Mischsprache ist historisch“, betont Morcinek. Das heißt: In der Form, wie Glück und Morcinek sie untersuchen, wird sie nicht mehr gesprochen. „Im Moment sind wir noch damit beschäftigt, die Materiallage zu verbessern“, erklärt sie. Das Projektteam durchstöbert Archive und liest sich quer durch die deutsch- und tschechischsprachige Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Erste vielversprechende Textbelege hat es bereits gefunden: Einige Wiener Volksdichter gebrauchten das Böhmakeln in ihren Stücken, um bestimmte Figuren als Tschechen zu charakterisieren.

Beim ersten Projekttreffen in der Wiener Hofburg im November 2013 analysierten die Forscher daher eine Szene aus dem Stück „Eisenbahnheirathen“ (1843) des Wiener Volksdichters Nestroy. Das zweite Projekttreffen ist Anfang April angesetzt. Glück und Morcinek werden ihren Partner in Bamberg willkommen heißen. Das dritte und letzte Treffen ist für Juli geplant, dann in Olmütz.

Auf der Suche nach Text- und Hörbelegen

Neben Textbeispielen sind die Forscher auch auf der Suche nach Hörbelegen in alten Filmen und Tonaufnahmen. „Das Böhmakeln wurde oft von österreichischen Kabarettisten imitiert“, erklärt Glück. Auf der Bühne spielte die tschechisch-deutsche Mischsprache eine große Rolle, zumeist kam ihr die Funktion zu, den Böhmen als Witzfigur zu karikieren. Allerdings geschah dies stets in spöttisch-zärtlicher Manier. Schließlich erfüllten die Böhmen im Wien des frühen 20. Jahrhunderts in vielen Bereichen der neu entstehenden Industrien wichtige Aufgaben.

Am Ende des Projekts möchten Glück und sein Team eine Textsammlung mit Kommentaren herausgeben. Eventuell gibt es eine CD, die Tonbeispiele versammelt, obendrein. „Wir hoffen, mit dem Forschungsprojekt erste Ansätze zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Böhmakeln zu liefern“, so Glück.

Hinweis

Diesen Text verfasste Andrea Lösel für die Pressestelle der Universität Bamberg. Er steht Journalistinnen und Journalisten zur freien Verfügung.

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