Bob Dylan bei einem Konzert in der Massey Hall in Toronto/Kanada am 18. April 1980 (Quelle: Jean-Luc (originally posted to Flickr as Bob Dylan)/Wikimedia/CC BY-SA 2.0)

Literaturnobelpreis für Bob Dylan

Eine Einschätzung und Würdigung der Amerikanistin Christine Gerhardt und des Kulturwissenschaftlers Pascal Fischer

Die Schwedische Akademie in Stockholm begeht Neuland. Der diesjährige Literaturnobelpreis geht erstmals nicht an einen Schriftsteller, sondern an den Singer-Songwriter Bob Dylan. Was auf den ersten Blick als Überraschung anmutet, kommt für Kenner des Liedermachers nicht von ungefähr.

Schon seit vielen Jahren sind seine Person und sein Werk Gegenstand universitärer Forschung und Lehre. In der amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaft gilt er als Ausnahmekünstler, der wie kaum ein anderer einen reichen Fundus unterschiedlicher literarischer Stile, Gattungen und Vorlagen geöffnet und für originelle Schöpfungen nutzbar gemacht hat. „Ob er das Genre der Volksballade wiederbelebt, sich bei den französischen Symbolisten bedient oder die Tradition der Beat Generation fortführt, immer erschafft Dylan etwas sehr Eigenes, das sich oft nur schwer gängigen Kategorien zuordnen lässt“, erklärt Dr. Pascal Fischer, Professor für Anglistische und Amerikanische Kulturwissenschaft an der Universität Bamberg, die Besonderheit von Dylans Werk. „Wenn er seine Verse mal mit und mal ohne Gitarrenbegleitung vorträgt, verschwimmen insbesondere die Grenzen zwischen Gedichten und Songtexten.“ Die knappe Begründung des Komitees, man ehre mit der Auszeichnung jemanden, der neue poetische Ausdrucksmöglichkeiten in der großen amerikanischen Song-Tradition gefunden habe, hält Fischer daher für sehr überzeugend.

Preis nimmt das „andere Amerika“ in den Fokus

Für die Bamberger Professorin für Amerikanistik, Dr. Christine Gerhardt, verkörpert Dylan eine Dimension der amerikanischen Kultur und Politik, die gerade wieder am erstarken ist. Und in der internationalen Aktivisten-Bewegung Black Lives Matter ebenso zum Ausdruck kommt wie in der Begeisterung vieler junger Amerikanerinnen und Amerikaner für Bernie Sanders, der in den Vorwahlen der Demokratischen Partei zur US-Präsidentschaftswahl gegen Hillary Clinton unterlag. „Die Tradition linker amerikanischer Kulturkritik, die sich in den sechziger Jahren counter culture nannte, hat heute viele verschiedene Ausprägungen, aber sie ist da – kritisch, wach, unbequem. Und sie äußert sich gerade auch in einer lebendigen, vielseitigen Literatur-, Musik- und Kunstszene“, sagt Gerhardt. Für sie lenkt die Auszeichnung den Blick auf dieses „andere“ Amerika, für das Dylan seit den sechziger Jahren steht.

Doch reicht das alles, rechtfertigen die Shakespeare- und Bibelbezüge in Dylans Songtexten, das Epische und Lyrische darin, seine Präsenz in literarischen Anthologien und neuen amerikanischen Literaturgeschichten einen Literaturnobelpreis? Die Frage, worin das spezifisch Literarische seiner Songs liegt, greift hier zu kurz, findet Christine Gerhardt. Sie ist überzeugt davon, dass sich Bob Dylan als Künstler auch solchen Zuschreibungen entzieht – und gerade deshalb dieses Preises würdig ist. „Ihm gelingt es, durch seine Dichtung und seine Performance eine Künstlerpersönlichkeit zu verkörpern, die sich dem Erfolg zwar nicht widersetzt, aber dem Establishment trotzdem widersteht.“

Der Preis als richtungsweisende Entscheidung

Die beiden Wissenschaftler sind sich einig: Bob Dylan hat den Literaturnobelpreis verdient. Dennoch ist die Entscheidung der Stockholmer Akademie für sie mehr als eine Würdigung des Lebenswerks und eine Bestätigung der Schaffenskraft des Künstlers: „Das Komitee hat damit anerkannt, dass Texte der Populärkultur literarischen Wert besitzen können“, erklärt Pascal Fischer. Für Dylan sei zudem bedeutsam, dass fast alle seine Texte für den Vortrag auf der Bühne bestimmt sind. „Das Nobelkomitee erinnert uns daran“, so Fischer weiter, „dass Literatur – vor allem Lyrik – eben nicht nur in geschriebener Form in Erscheinung tritt.“

Für Gerhardt ist die Entscheidung der Akademie vor allem kulturgeschichtlich bedeutsam, da Dylans Songs durch ihre Popularität eine Form von Gemeinschaft erzeugen, die eine lange Tradition in der amerikanischen Kultur hat, weit über die Folk-Musik hinaus. Der Preis ist somit nichts weniger als eine Anerkennung und Würdigung einer gesellschaftlichen Entwicklung. „Wenn Dichtung in ihrer Direktheit und Vielschichtigkeit, in ihrer Symboldichte und oft berückenden sprachlichen Schönheit hier einen Platz hat, ist das schon eine kleine Revolution,“ so Gerhardt. „Und der Nobelpreis ein großer Grund zum Feiern“, der die beiden motiviert, weiter an den Schnittstellen von Populärkultur, Lyriktheorie und Songtexten zu forschen.

Songtexte und Lyrik in Forschung und Lehre

Gerade ist ein von Fischer mitherausgegebener Sonderband der Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik erschienen, der sich mit der Beziehung von Dichtung und Aufführung befasst. Während sich zum Beispiel ein Beitrag darin mit der theoretischen Frage beschäftigt, inwieweit Songtexte als Lyrik zu bezeichnen sind, analysiert Fischer in seinem Aufsatz Rock-Songs mit dem Instrumentarium der Literaturwissenschaft.

Christine Gerhardt organisiert im November – kurz nach einer American Election Night mit internationaler Podiumsdiskussion - eine Konferenz zum Thema Rethinking the Politics of Poetry, die den Schwerpunkt auf Migrations- und Umweltdichtung legt. Auch die Studierenden profitieren gleich mehrfach von ihren Forschungsarbeiten: Eng verknüpft mit der Konferenz bietet sie ein Hauptseminar zur feministischen, afroamerikanischen und zur Umweltlyrik der USA von den 1960er Jahren bis heute an, und in einem Creative Writing Seminar Poetry, Recklessness and Revision können Bamberger Studierende mit der preisgekrönten amerikanischen Dichterin Laura Passin selbst Lyrik schreiben.