Kaiser Karl IV. trug maßgeblich zum Aufstieg Böhmens bei (Bild: petrus-silesius/wikimedia/cc-by-sa).

Ingrid Bennewitz freute sich über den Generationenwechsel in der Oragnisation des Seminars (Bilder: Sabine Nachtrab).

Nach dem Seminar bot sich Interessierten noch die Möglichkeit mit Agáta Dinzl-Rybářová (re.) zu sprechen.

Pionierarbeit auf unerforschtem Gebiet

Das mediävistische Oberseminar begann mit einem Panorama des historischen Böhmens

Neues Semester – neues Konzept. Künftig finden sich auch berufspraktische Themen im Vortragsprogramm des mediävistischen Oberseminars. Der erste Termin in diesem Winter stand jedoch ganz im Zeichen der Forschung: Agáta Dinzl-Rybářová präsentierte in ihrem Vortrag ein facettenreiches Bild der kulturellen Beziehungen Böhmens im 14. und 15. Jahrhundert.

In ihren Begrüßungsworten zum Auftakt des mediävistischen Oberseminars am 26. Oktober zeigte sich Prof. Dr. Ingrid Bennewitz, Direktorin des Zentrums für Mittelalterstudien, erfreut über den Generationenwechsel, der in der Organisation des Seminars stattgefunden hat. Sie und ihr Kollege Prof. Dr. Klaus van Eikels übergaben die Leitung an Dr. Andrea Schindler, seit diesem Semester Juniorprofessorin für Germanistische Mediävistik, und Laura Brander. „Unsere Nachfolger haben ihre Bewährungsprobe hervorragend bestanden und ein äußerst spannendes Programm auf die Beine gestellt“, lobte Bennewitz.

So lässt sich allein schon beim Blick auf das Programm eine bemerkenswerte Neuerung ausmachen: Erstmals wurden bei der Planung speziell die Wünsche der Studierenden berücksichtigt. Ein großes Anliegen des mediävistischen Nachwuchses war es, im Seminar auch über Berufsperspektiven informiert zu werden und Einblicke in den Arbeitsalltag zu erhalten. Darum kommen neben den klassischen Vorträgen auch Themen wie „Arbeiten in einem Museum“ zur Sprache.

Historisches Panorama Böhmens

Dr. Dr. Agáta Dinzl-Rybářová, die voraussichtlich bald an die Universität Bamberg kommen wird, um dort an ihrer Habilitation zu arbeiten, ist auf sehr persönliche Weise mit ihrem Forschungsschwerpunkt, dem historischen Böhmen, verbunden. Sie stammt aus der ehemaligen Tschechoslowakei, wo nach 1945 die germanistische Forschung komplett abbrach, obwohl das Deutsche über Jahrhunderte die dortige Kultur mitgeprägt hatte. Bis heute bildet dieser Forschungsbereich nahezu eine Leerstelle, die Agáta Dinzl-Rybářová nun wieder zu füllen begonnen hat. „Man kann wirklich sagen, dass unsere Referentin mit ihrem Vorhaben wahre Pionierarbeit leistet“, lobte Andrea Schindler ihren Gast.

So täuschte der literaturwissenschaftlich anmutende Titel des Vortrags „Der Ackermann aus Böhmen im interkulturellen Kontext“ auch ein wenig. Denn die Referentin entwarf über die reine Analyse dieses bedeutenden Werkes spätmittelalterlicher deutscher Literatur hinaus ein historisches Panorama Böhmens im 14. und 15. Jahrhundert. So zeigte Dinzl-Rybářová zum Beispiel anhand der wichtigsten Vertreter des Herrschergeschlechts der Luxemburger die Besonderheiten der böhmischen Kultur auf, die vor allem durch das Nebeneinander von lateinischer, deutscher und tschechischer Sprache gekennzeichnet war. Besondere Beachtung schenkte sie auch dem Aufstieg Prags zum Zentrum des Kaiserreichs unter Karl IV. Eine der Auswirkungen dieser Böhmer Blütezeit war die Gründung der Karls-Universität 1348, der ersten Universität nördlich der Alpen. Durch diese anschaulichen Ausführungen erhielt das Publikum einen lebendigen Eindruck davon, in welcher Periode ein so wichtiges Werk wie „Der Ackermann aus Böhmen“ entstand.

Mithilfe eines Vergleichs machte die Referentin zum Schluss die gegenseitigen Abhängigkeiten der verschiedenen Kulturen in Böhmen konkret sichtbar. An Textbeispielen erläuterte sie, wie der Autor des alttschechischen „Tkadleček“ die Grundstruktur des „Ackermann“ aufgreift und sie einerseits parodiert, andererseits aber auch für eine tiefgründige philosophische, scholastische und gesellschaftliche Auseinandersetzung nutzt.

Weitere Informationen

Das vollständige Programm des Mediävistischen Oberseminars finden Sie hier(320.2 KB).