Seheinschränkungen: Slalom-Parcours durchlaufen
Alterssimulationsanzug und Rollator: Schwellen überwinden
Rollstuhlparcours: Wenden auf einer begrenzten Fläche
Interaktiver Erfahrungsparcour zum Thema Gleichstellung: verschiedene Beeinträchtigungen nachempfinden
Was bedeutet es, mit einer Seh- oder Höreinschränkung zu leben? Wie fühlt es sich an, im Alter weniger mobil zu sein oder im Rollstuhl zu sitzen? Und wie funktioniert ein Evakuierungsstuhl? Bei einem interaktiven Erfahrungsparcours konnten dies Studierende der Europäischen Ethnologie sowie der Masterstudiengänge Public Health und Berufspädagogik im Gesundheitswesen konnten in der Vorlesung “Medizin und Kultur” von Barbara Wittmann am 01.07.2026 nachempfinden bzw. ausprobieren.
Organisiert wurde die Aktion von zwei Praktikantinnen des Bamberger Freiwilligenzentrums CariThek Kim Horbach (Hochschule Coburg) und Jana Bauer (FOS Bamberg), Jana Bauers Schulbegleitung Klaudia Wichary, Mirjam Ziegmann von der Stabsstelle Sicherheitswesen der Universität Bamberg, Barbara Wittmann und Marion Hartmann, die als Sekretärin in der Europäischen Ethnologie und Projekt- und Freiwilligenkoordinatorin in der CariThek arbeitet und die Kooperation vermittelte: “Die Idee kam mir, als ich erfuhr, dass Kim, Jana und Klaudia eine interaktiven Erfahrungsparcours anlässlich des Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai planten. Ich dachte, das ist auch für unsere Studierenden interessant, und wusste, dass Barbara Wittmann für solche Vorschläge offen ist. Mirjam Ziegmann für die Aktion zu gewinnen war dann das I-Tüpfelchen: Ein Evakuierungsstuhl steht in der Nähe meines Arbeitsplatzes an der Uni und ich wollte ihn schon länger mal ausprobieren, um für den Notfall besser vorbereitet zu sein.”
Station „Seheinschränkungen“
Zum Einstieg konnten die Studierenden eine starke Sehbehinderung mit Hilfe einer 5-prozentigen Simulationsbrille nachempfinden: Mit einem dicken Stift versuchen sie, auf einem Blatt Papier einen Weg durch ein Labyrinth zu markieren und erlebten, wie schwer Orientierung mit stark eingeschränktem Sehen sein kann.
Im Anschluss erklärte Jana Bauer, die selbst blind ist, den Studierenden die Bedienung ihres Laptops mit Sprachausgabe und Braillezeile. Danach konnten die Teilnehmenden mit verbundenen Augen taktile Schwellkopien von mathematischen Graphen ertasten und versuchen, sich den Verlauf bildlich vorzustellen. Vielen wurde deutlich, wie schwierig und gleichzeitig zeitintensiv es ist, sich ausschließlich über den Tastsinn zu orientieren. Wer sich traute, durfte anschließend selbst mit einer Augenbinde und einem Langstock ausgerüstet einen aufgebauten Slalom-Parcours durchlaufen. Zuvor erklärte Jana die Handhabung des Langstockes und wie man damit Hindernisse erkennt. Dies erlebten viele als Herausforderung ("dabei hatte ich den Parcours ja gesehen und kenne den Raum") und Jana beantwortete zahlreiche Fragen zu ihrem Alltag mit Blindheit, Hilfsmitteln und Barrieren im Alltag.
Station „Höreinschränkungen“
Mit Hilfe eines Simulationskopfhörer konnten die Studierenden wahrnehmen, wie sich eine Einschränkung im Hören auswirkt, welche auf verschiedene Weise – beispielsweise im Zuge des Älterwerdens – jede Person treffen könnte. Kim Horbach sprach unterdessen in verschiedenen Lautstärken, Entfernungen oder Geschwindigkeiten mit den Studierenden und animierte sie, selbst zu versuchen, kleine Gespräche zu führen. Die Rückmeldungen („wenn man etwas Lippenlesen kann geht es“, „von den Umgebungsgeräuschen hört man nichts“, „kannst du bitte lauter sprechen?“, „Männer versteht man gar nicht mehr“) zeigten deutlich, wie gut abgestimmt unser Hörsinn ist und wie empfindlich er auf Veränderung reagiert. Das Simulationsvideo “Leben mit AVWS - Herausforderungen im Privaten” stellt den Alltag einer Frau mit einer auditiven Störung nach und beim Ansehen erfuhren die Teilnehmenden, wie anstrengend ein Besuch in einem Café für Betroffene sein kann.
Station „Alterssimulationsanzug und Rollator“
Alterssimulationsanzüge sind medizintechnische Hilfsmittel, die die körperlichen Einschränkungen älterer Menschen künstlich erlebbar machen sollen. Der genutzte Alterssimulationsanzug “GERT” stellt den natürlichen Muskelabbau, Kraftverlust und steifere Gelenke durch eine Gewichtsweste, eine Halskrause, Bandagen und Manschetten. So ausgestattet versuchten die Studierenden, alltägliche Bewegungen und Handlungen auszuführen. Schon das Aufstehen aus dem Stuhl, auf dem die “Einkleidung” stattfand, erwies sich für einige als Herausforderung: “Jetzt verstehe ich, warum das manchmal so lange dauert.” Als Hilfsmittel bekamen sie dann einen Rollator zur Verfügung gestellt – dessen Handhabung aber zur Herausforderung werden konnte: “Ich weiß nicht, ob ich damit in den Bus einsteigen könnte. Ich sollte Krafttraining machen …"
Station „Rollstuhlparcours“
Das Leben ist voller Hürden – insbesondere für Rollstuhlfahrende, denn z.B. Schwellen lauern überall. In einem Rollstuhl sitzend konnten die Teilnehmenden versuchen, 2 bzw. 3 cm hohe Schwellen zu überwinden, was nicht alle schafften: “Ich traue mich nicht, das Gewicht nach hinten zu verlagern, da habe ich Angst zu kippen. Aber nur mit Schwung komme ich nicht rüber.” Außerdem konnten sie das Wenden auf einer begrenzten Fläche (150x150cm) sowie das Hinauffahren auf eine mobile Rampe mit 6% Neigung ausprobieren. So wurde erkennbar, mit welch vielfältigen Barrieren Menschen im Rollstuhl in ihrem Alltag konfrontiert sind.
Station "Evakuierungsstuhl"
Ein Evakuierungsstuhl ist ein spezielles Transportmittel, mit dem mobilitätseingeschränkte Personen im Notfall – z.B. bei einem Brand oder Stromausfall, wenn Fahrstühle nicht mehr genutzt werden sollen oder können – sicher über Treppen aus mehrstöckigen Gebäuden evakuiert werden können. Die Uni Bamberg hat Evakuierungsstühle in mehreren Gebäuden. Beim Erfahrungsparcours konnten die Studierenden den Stuhl in der U5 ausprobieren – sowohl als “Fahrer:in” als auch als “Fahrgast”. Auch Marion Hartmann nutzte die Gelegenheit: “Im Schulungsvideo sah das ja superleicht aus, aber ich hatte Bedenken, dass ich das Gewicht nicht halten kann. Jetzt fühle ich mich sicherer. Super, dass Frau Ziegmann das ermöglicht hat.”
Dank an die Organisatorinnen, die Studierenden und die Leihgeber:innen
Barbara Wittmann freute sich über die gelungene Zusammenarbeit: „Das war ein großartiges Angebot“ und lobte den Einsatz der Organisatorinnen und die Bereitschaft der Studierenden, alles auszuprobieren. Dank geht auch an die Leihgeber:innen der diversen Materialien:
bbs nürnberg (Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte): Augenbinden und 5%-Brillen
Markus Radwansky, Inklusionsbeauftragter des Landratsamtes Bamberg: Hindernisparcours zum Thema Barrierefreiheit mit Rollstuhl und Rollator, Rampe und Schwellen
Mirjam Ziegmann, Stabsstelle Sicherheitswesen der Universität Bamberg: Evakuierungsstuhl
Stefanie Hahn, Seniorenbeauftragte der Stadt Bamberg: Alterssimulationsanzug sowie Simulationsbrillen zu verschiedenen Augenerkrankungen.
Von-Lerchenfeld-Schule Bamberg: Simulationskopfhörer



