Jorge Groß ist seit März 2012 Professor für die Didaktiken der Naturwissenschaften

Seine Professur sitzt im Noddack-Haus, das nun modernisiert werden soll

Mit einer Ausstellung bei Ikea brachte der Fachdidaktiker die Evolutionstheorie der breiten Öffentlichkeit näher (gewerk design, Berlin)

Jorge Groß setzt in seinen Seminaren auf den "fachdidaktischen Doppeldecker"

„Missverstehen ist die Regel“

Interview mit dem neuen Fachdidaktiker Jorge Groß

Die Ausbildung von zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern ist die Lebensaufgabe von Prof. Dr. Jorge Groß. Der gebürtige Hannoveraner ist seit Anfang März Professor für die Didaktiken der Naturwissenschaften. Was die große Herausforderung bei der Vermittlung von Lerninhalten ist und warum er dabei auf den „fachdidaktischen Doppeldecker“ setzt, verriet er im Interview.

Sie haben sich während Ihres Studiums nicht mit einem einzigen Studiengang begnügt. Warum?

Ich habe insgesamt drei Studiengänge absolviert. Ich habe mit Diplom-Biologie angefangen und dann parallel dazu ein Lehramtsstudium begonnen mit der Fächerkombination Biologie und Chemie für Grund-, Haupt- und Realschullehramt. Dies ist zwar ein spannendes Studium, aber mir hat der Kontakt zu Fachdidaktikern gefehlt, Wissenschaftlern also, die sich mit fachbezogenen Lernprozessen beschäftigen. Das ist eine junge forschende Disziplin, die sehr vielfältige Anforderungen stellt: Neben den fachlichen Kenntnissen in Biologie oder Chemie sind Kommunikationsprozesse entscheidend. Weil mich das sehr packt und fasziniert, habe ich noch einmal drei Jahre in Kassel an der Akademie für Kommunikation studiert, als kommunikationspsychologische Weiterbildung.

Biologie und Kommunikation, das klingt erst einmal wie ein Gegensatz. Was hat Ihnen das dritte Studium gebracht?

Als Fachdidaktiker sehe ich mich als Vermittler, als Profi-Erklärer zwischen den Welten, nämlich meinem Fachgebiet einerseits und der Kenntnis von Vermittlungprozessen andererseits. Und dazwischen sitzen Menschen, entweder Schüler oder Studierende. Alles dreht sich um die Frage, wie man Inhalte mit angemessenen Methoden zu ihnen transportiert.

Und welche Wege gibt es dafür?

Die Kunst ist es, unter ganz vielen Wegen einen richtigen zu finden. Dafür versuchte man lange Zeit, Unterricht so zu gestalten, dass die Inhalte den Lernern möglichst richtig gesagt wurden, und hoffte dann einfach, dass das Lernen dann auch richtig klappt. Empirische Untersuchungen zeigen, dass so manchmal auch gelernt wird, in vielen Fällen funktioniert das aber leider nicht. Wir würden den Schülern gerne in den Kopf schauen, damit wir sehen, was dort beim Lernen passiert. Das können wir aber nicht – und genau hier liegt die Herausforderung unseres Faches, denn wir können die Lernprozesse nur indirekt untersuchen. Wir müssen also Mittel und Wege suchen, wie wir auf die Vorstellungen unserer Schüler zugreifen können.

Können Sie erklären, warum das gar nicht so einfach ist zu wissen, was andere denken und lernen?

Wenn Menschen miteinander reden, bewegen sie erst einmal nur Luft, Schallwellen wandern vom Mund des Sprechers zum Ohr des Hörers. Der Hörer interpretiert dann etwas hinein. Wenn man diesen Kommunikationsprozess empirisch untersucht, stellt man fest, dass Missverstehen die Regel ist. Wir können alle sprechen, wir können alle hören und halten das für selbstverständlich. Der Verstehensprozess ist aber in Wirklichkeit sehr viel komplexer: Manche Dinge verstehen wir direkt: Basisbegriffe wie Haus, Apfel und Hund können wir direkt erfahren. Schwieriger wird es bei abstrakten Vorstellungen, wie wir sie in den Naturwissenschaften häufig vorfinden, da uns zu ihnen Erfahrungen fehlen. Prozesse wie die Evolution oder auch Eigenschaften von Atomen sind eben nicht direkt erfahrbar. Nach der Verstehenstheorie können wir in diesen Fällen nur ein imaginatives Verständnis über Metaphern oder Analogien entwickeln. So verstehen wir beispielsweise die Evolution als einen Weg mit einem Start und einem Ziel. Damit können wir über die Sprache Rückschlüsse auf Denkprozesse und Erfahrungen ziehen.

Wie funktioniert das in der Praxis, den Schülern in die Köpfe zu schauen?

Wir machen das mit kleinen Unterrichtsbesuchen und mithilfe von Interviews. Wir gehen beispielsweise in die Schule und reflektieren unsere Lehrerrolle, indem wir beobachten – und zwar nicht nur die Lehrkräfte, mit denen sich die Studierenden in erster Linie identifizieren. Meine Studierenden sollen schon sehr früh den Perspektivenwechsel erproben, deswegen ermuntere ich sie, auch die Lernprozesse der Schüler zu analysieren.

Sie können aber doch nicht alle Übungen in der Schule abhalten?

Nein, das machen wir auch hier an der Uni. Wir arbeiten mit einem besonderen Lernkonzept, dem sogenannten fachdidaktischen Doppeldecker. Die Studierenden schlüpfen abwechselnd in die Rolle von Schülern oder von Lehrern und üben hier in der Universität die schulische Situation und das Unterrichten. Dafür brauchen wir allerdings Flexibilität in den Räumen, sie müssen multifunktional verwendbar sein. Die Didaktiken der Naturwissenschaften sitzen im Noddack-Haus, dem ehemaligen Waschhaus der Frauenklinik. Die Innenausstattung ist im Moment so konzipiert, wie man früher Unterricht gemacht hat. Es gibt eine frontale Lehrersituation, der Dozent steht vorne und die Studierenden sitzen mit einer festen Bestuhlung ihm gegenüber. Das ist ungeeignet für unser Konzept. Deswegen wollen wir die ganze Versorgungstechnik, also Wasser-, Gasleitungen und Ähnliches, an die Decke und die Innenausstattung auf Rollen setzen. Die Herausforderung in Bamberg ist darüber hinaus, dass wir kein Fach Biologie oder Chemie haben. Hier sind wir nicht nur Fachdidaktiker, sondern eben zugleich auch Fachvertreter.

Was war denn ihr spannendstes Projekt bisher?

Viele Studien – unter anderem meine Doktorarbeit – haben gezeigt, dass wir uns unter der Evolutionstheorie, wie sie Charles Darwin entworfen hat, nichts vorstellen können. Auch der Unterricht in der Schule hilft da nicht. Mit der VolkswagenStiftung überlegten wir, wie man dieses Thema popularisieren und einer breiten Öffentlichkeit nahebringen könnte – am besten mit einer Ausstellung. Aber wo erreicht man jede Altersstufe, alle Berufsstände? Nicht jeder Mensch geht ja ins Museum. Uns wurde klar, dass es dafür einen besonders geeigneten Ort gibt: Ikea. Alle haben uns für verrückt erklärt. Aber wir durften die Ausstellungsstücke zwischen die Einrichtungsgegenstände des Möbelhauses stellen und haben so Darwins Leben nacherzählt und seine Vorstellungen gezeigt. Damit haben wir viele Menschen erreicht, die nicht nur Möbel, sondern auch Wissen mit nach Hause nahmen.

Welche Persönlichkeit der Geschichte würden Sie gerne treffen?

Auf jeden Fall Darwin! Er war ein brillanter Denker und seiner Zeit weit voraus. Er hat vor 150 Jahren ein Buch über die Evolution geschrieben und noch nicht gewusst, dass es Gene gibt. Trotzdem hatte er faszinierende Ideen, die unser Weltbild verändert haben. Er hat diese an einfachen Phänomenen wie den Darwin-Finken beobachtet und eine Theorie entworfen, die im Kern bis jetzt noch gültig ist.

Was macht Ihnen außerhalb der Lehre Spaß?

Als Biologe bin ich gerne unterwegs und beschäftige mich mit allem, was mit Wind, Wasser und Luft zu tun hat: In Afrika, Kuba, Neuseeland, Costa Rica und im südpazifischen Vanuatu war ich unterwegs und an weiteren Orten, an denen es nicht immer ganz gemütlich war. Ich fahre gern Motorrad, segele, tauche und schwimme. Und ich stelle mich gerne hinter Kaffeemaschinen. Auch das hätte ich gerne gemacht, eine kleine Ausbildung als Barista. Die Kunst des Essens und des Schmeckens finde ich spannend. Für mich steht dabei aber wieder die Vermittlung im Vordergrund: Ich will den Leuten zeigen, dass Kaffee nicht gleich Kaffee ist.