Wer steckt hinter Shakespeare? Kurt Kreiler glaubt darauf eine Anwort gefunden zu haben (Foto: Christa Jansohn).

Kurt Kreiler und Nora Gomringer im Garten der Villa Concordia (Foto: Florian Seubert).

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Alles ein Märchen?

Ein Gespräch mit dem Shakespeareforscher Kurt Kreiler und Künstlerhausdirektorin Nora Gomringer

Am 8. Juni hielt Dr. Kurt Kreiler in der Villa Concordia einen Vortrag mit dem Titel „Der Mann, der Shakespeare erfand – Edward de Vere, Earl of Oxford“. Organisiert wurde diese Veranstaltung vom Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia unter der Leitung von Nora Gomringer und von Prof. Dr. Christa Jansohn, Inhaberin des Lehrstuhls für Britische Kultur an der Universität Bamberg.

Wie passend, dass es gerade Shakespeare ist, der die beiden Einrichtungen wieder einmal zusammenführt. Oder ist er es gar nicht?

Kreiler: Das ist ja die Frage. Viele von den Interessierten und Forschern werden meiner These nicht a priori zustimmen und denken, dass sei der wiederholte und erfolglose Versuch eines Beweises, dass William Shakespeare aus Stratford nicht die Werke Shakespeares geschrieben hat. Ich bin nicht der Erste, der den Earl of Oxford als Autor benennt – freilich habe ich Argumente.

Warum denken Sie, dass gerade dieser Graf hinter Shakespeare steckt? Gibt es Beweise?

Kreiler: „Beweis“ ist überhaupt ein schwieriger Begriff in der Philologie. Wenn man kein unterschriebenes Manuskript besitzt, kann man im naturwissenschaftlichen Sinn nicht von Beweis sprechen.
Ich habe Indizien gefunden, die ein geschlossenes und glaubhaftes Bild ergeben: Es gab den Zweifel an Shakespeare aus Stratford als Autor der Werke aufgrund seiner mangelnden Schulbildung. Er konnte unmöglich Italienisch, Französisch, Latein gelesen haben. Er hat als Autor die höfische Sprache glänzend beherrscht. Das hat zu denken geben. Der Zweifel ist sehr alt.

Warum? Weil ein Handwerkerssohn nicht diese intellektuellen Leistungen vollbringen darf?

Kreiler: Nein, weil es eine historische Unmöglichkeit ist, mangels eines Studiums diesen Weg zu gehen. Shakespeare aus Stratford konnte auch nicht nach Italien reisen, wie der Earl of Oxford. Das ist ein weiterer Grund, der auf den Earl neugierig machen sollte.

Muss man nach Italien gereist sein, um darüber zu schreiben?

Kreiler: Es ist sehr naheliegend, denn es sind Details in den Stücken vorhanden, die zwingend darauf deuten, dass der Autor Italien kannte.

Ihre Theorie wirkt recht plausibel. Allerdings gibt es viele Wissenschaftler, die das nicht glauben, z.B. Prof. Jansohn, die viel über Shakespeare und die Übersetzung seiner Sonette ins Deutsche forscht. Auf der Lehrstuhlhomepage (http://www.uni-bamberg.de/britcult/) prangt außerdem ein Bildnis des „altbekannten“ Shakespeares im Gewand der modernen Kunst. Wie wollen Sie Literatur- und Kulturwissenschaftler von Ihrer Theorie überzeugen? Oder ist das alles eine Glaubensfrage?

Kreiler: Ich empfehle den interessierten und auch den fachkundigen Lesern, sich in diesen Stoff soweit einzuarbeiten, dass über meine Interpretationen gesprochen werden kann. Man kann das nur sachlich erörtern und wiederlegen. Das ist bestimmt keine Glaubenssache. Denn es gibt kein historisches Dokument, das den Mann aus Stratford zu seinen Lebezeiten als Schriftsteller benennt. Die erste solche Zuweisung erfolgt nach seinem Tod durch Ben Jonson. Nach Möglichkeit sollte sich die akademische Zunft als ganze damit auseinandersetzten.

Fühlen Sie sich da etwas ausgeschlossen?

Kreiler: Es ist bisher noch überhaupt kein Interesse bei den Anglisten vorhanden, dieses Thema gewissenhaft und erschöpfend zu behandeln. Sie sagen: Mag der Autor sein, wer will.

„Der Autor ist tot!“ – so die bekannte literaturwissenschaftliche These.

Kreiler: Der Autor ist tot, aber deshalb ist nicht die These tot. Jede Biographie ist relevant für ein Werk. Es gibt zahlreiche zeithistorische Anspielungen, die man bisher nicht erkannt hat. Wenn man weiß, wer der Autor ist, kann man die Sachen auch erstmals historisch-kritisch edieren. William Shakspere aus Stratford ist nicht als solcher ein Rätsel, sondern er zieht auch sehr viele ungelöste Fragen nach sich, die das Werk betreffen.

Braucht man sehr viel Mut, um eine Figur wie Shakespeare in Frage zu stellen?

Kreiler: Ich bin der Universität nicht verpflichtet, insofern kostet es mich nicht den Mut, den es andere kosten würde, über ihren Schatten zu springen. Zudem bin ich nicht der Einzige, der sich mit dem Thema beschäftigt hat. Ich habe vielleicht nur etwas tiefer gebohrt als andere.

Jetzt noch eine kühne – und nicht ganz erst gemeinte – These vom deutschen Übersetzer Frank Günther: Shakespeare war eigentlich Queen Elisabeth. Denn nach deren heimlicher Ermordung wurde sie von einem jungen Schauspieler dargestellt. Warum ist diese These nicht so glaubwürdig wie Ihre?

Kreiler: Ja, das ist halt Schmarr’n. (lacht) Es ist ein Gedankenspiel. Günther möchte, indem er einen historischen Sketch ohne Grundlage entwirft, die Oxford-These damit vergleichen und billigt ihr dasselbe Niveau zu. Er sagt implizit, sie sei genauso wenig wahr wie mein Gedankenspiel. Insofern diskreditiert er die Forschung über Oxford durch dieses kunterbunte Spiel – aber er diskreditiert, ohne zu prüfen.

Nun ja, er gibt ja schon Argumente, z.B., dass sich der als Queen Elisabeth verkleidete Schauspieler, deswegen übertrieben schminkte, weil er seine Bartspuren verdecken wollte.

Kreiler: Aber Sie glauben doch nicht, dass Günther seine These ernst meint?

Natürlich nicht.

Kreiler: Naja gut, dann brauchen wir darüber nicht zu reden. Wenn er sie ernst nähme, könnte man sagen, niemand wurde so gut bewacht wie die Königin. Darum ist auch die These, dass sie mit diversen Männer etwas gehabt hat, unvernünftig. Es war weder ihre Absicht noch konnte es historische Realität sein. So lang er das schelmisch vorträgt, kann ich gerne mitlachen. Aber im Ernst lasse ich mich darauf doch nicht ein.

Denken Sie, dass sich auch noch heute unter einem Pseudonym eine bedeutende Persönlichkeit verstecken könnte?

Kreiler: Nein. Wir sind mit Informationen so übersättigt, dass das nicht mehr möglich ist. Aber es könnte ein berühmter Mann unter Pseudonym in einer Literaturzeitschrift schreiben und kein Mensch merkt es.



Nora Gomringer kommt hinzu

Frau Gomringer, was würden Sie sagen, wenn in 200 Jahren ein Wissenschaftler kommt und sagt, hinter Ihren Gedichten steckt die Bundeskanzlerin?

Gomringer: (lacht) Interessant. Ja in 200 Jahren habe ich darüber ja gar kein „Say“ mehr, insofern wird es mich weniger betreffen. Aber ich hoffe, dass die Forschung mich dann ausgräbt und sich ein Dr. Kreiler der Zukunft um mich und mein Erbe bemüht. Allerdings muss ich sagen, dass durch die Veräußerung des Textes in Publikationsform etwas ganz anderes mit ihm passiert und er sich von mir trennt. Und wir haben jetzt ja auch ein starkes Identitätskonzept: Der Autor ist eben ein Autor. Gerade komme ich aus Island, wo der Autor eigentlich ein Wesen der Allgemeinheit ist und der Text somit Allgemeingut wird. Es hängt davon ab, welche Vorstellung wir in der Zukunft von Identität haben werden.
Da ich aber in 200 Jahren garantiert tot bin, ist es völlig hypothetisch. Vom Jetzt ausgehend, würde ich hoffen, dass das dann jemand klarstellt. Angela Merkel hat viele Sachen gemacht. Ein paar gute. Aber nicht unbedingt meine Gedichte.

Sie haben mal Kurse am Lehrstuhl für Britische Kultur angeboten. Wenn Sie einen Kurs zum Thema Identität und Herrn Kreilers Buch entwickeln müssten, wie würde der aussehen? Welche Texte würden Sie verwenden?

Gomringer: Vielleicht Texte aus der Epoche, um das Umfeld der Texte herauszubekommen. Texte sind ja nie kontextlose, sie sind Zeitmarker. Um auf Island zu rekurrieren, zur gleichen Zeit sind ja Texte in anderen Kulturen entstanden. Oder Briefwerke. Gar nicht so sehr um detektivisch tätig zu sein, sondern um eine Art textuelle Topographie herstellen zu können.

Wie gefallen Ihnen eigentlich  Shakespeares Werke?

Gomringer: Sehr gut! Sie waren für mich jugendprägend. „Macbeth“ war für mich ganz ganz furchtbar wichtig und auch die Sonette; ganz ehrlich natürlich auch, weil jugendlich und schwelgerisch. „Macbeth“ war Schullektüre und dann ging es in ein ganz tiefes Überlegen hinein. Ich bin glückliches Kind einer Zeit, in der sehr gute Shakespeare-Verfilmungen auf den Markt kamen.

Wenn wir jetzt gerade beim kulturwissenschaftlichen Bereich Film sind. Denken Sie, Herr Kreiler, dass man Ihr Buch als Filmgrundlage verwenden könnte. Die Suche nach dem wahren Shakespeare?

Gomringer: Aber hola! Hundert Pro.
Kreiler: Das Leben Oxfords könnte man auf jeden Fall verwenden für einen Film.

Das heißt: Ein weiteres neues Projekt steht an?

Kreiler: Jetzt entsteht ja ein Oxford-Film, aber leider auf einer schlechten Grundlage. Mit einer sehr dilettantischen These, nämlich der Earl sei der Sohn von Königin Elisabeth gewesen, als sie noch nicht Königin war. Später wäre er ihr Liebhaber gewesen.
Gomringer: (grummelt) Grade Elisabeth. Nein. Nein. Nein.
Kreiler: Eine etwas geschmacklose Verfehlung wird das Augenmerk bilden. Das ist nicht gut. Danach wird man sagen, dass war ja alles ein Märchen. Quatsch! Also hat dieser Mann auch nicht die Werke Shakespeares geschrieben. Es wird mit großem Budget von Emmerich verfilmt.
Gomringer: Oh Gott! Das klingt ja ganz schrecklich…

Mit diesem Satz beenden wir das Interview. Vielen Dank!

 

Weiterführende Informationen

Der promovierte Germanist Dr. Kurt Kreiler ist zurzeit Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia. In seinem Buch „Der Mann, der Shakespeare erfand: Edward de Vere, Earl of Oxford“ (Insel Verlag 2009, 595 Seiten, 29,80€) erklärt er, warum dieser hinter den Werken Shakespeares stecken muss.