Ein bekannter Pädagoge, aber auch der Denker eines interkulturellen, weltweiten Miteinanders: Johann Amos Comenius (Bilder: Forschungsstelle für Interkulturelle Philosophie und Comeniusforschung)
Der Leiter der Forschungsstelle: Erwin Schadel
Ein Symbol für den Frieden: die Comenius-Statue in Berlin
Durch Allweisheit zum Weltfrieden
Europa in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Unter dem Eindruck dieser dunklen Epoche entwickelt der 1592 im mährischen Nivnice geborene Johann Amos Comenius seine umfassenden pansophischen Betrachtungen. Eine Forschungsstelle der Universität Bamberg unter Leitung von Erwin Schadel ist diesem Philosophen gewidmet.
Gegenseitige Vorurteile und historisch gewachsene Feindbilder zwischen Religionen, ethnischen Gruppen und Kulturen müssen überwunden werden, will man zu einem friedlichen Weltmiteinander gelangen - dieser Auffassung war bereits der tschechische Gelehrte Johann Amos Comenius zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Die Aktualität seiner Gedanken ist erstaunlich: Die Wahrung der kulturellen Vielfalt in der globalen Einheit ist eine Aporie, der sich die heutige und künftige Generationen stärker als je zuvor stellen müssen.
Neben den allgemein bekannten Leistungen des Pädagogen Comenius wird an der Forschungsstelle für Interkulturelle Philosophie und Comeniusforschung der Universität Bamberg folglich ein zu Unrecht wenig beachteter Aspekt beleuchtet: Seine Ideen für einen friedlichen interkulturellen Dialog und seine Empfehlungen für eine umfassende Reform der „menschlichen Dinge“. Die Hauptaufgaben dafür sah Comenius in der Überwindung konfessioneller Zwistigkeiten und in der Befriedung der politischen Lager in den Kriegen seiner Zeit. Doch bei näherer Betrachtung seiner Konzepte vermag man ungeahnte Potenziale zu erkennen, die selbst über unsere heutige Zeit weit hinausreichen.
Comenius, der rastlose Rebell
Infolge des dreißigjährigen Krieges zog Comenius mit seiner Religionsgemeinschaft der böhmischen Hussiten aus Mähren ins Exil nach Südpolen. Später wurde er von dort nach Ungarn berufen, um die Gründung eines Schulwesens zu übernehmen. Nachdem er diese Aufgabe erfüllt hatte, begab er sich in den Dienst der schwedischen Könige und zog schließlich nach Amsterdam, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Comenius fühlte sich als Europäer: „Wir Europäer sitzen alle in einem Boot“, formulierte er seine Eindrücke.
In Südpolen traf er zum ersten Mal auf Vertreter der Sozinianer, eine ursprünglich aus Oberitalien stammende Phöniziergruppe. Sie stellten das christliche Trinitätsdenken durch reine formallogische Argumentation in Frage. Nach ihrer Auffassung konnte Eines nicht gleichzeitig Dreies sein, so wie beispielsweise Essen nicht gleichzeitig Trinken sein kann. Comenius meinte, dass die Philosophie durch das sozinianische Denken den Blick für das Ganze verliere und in Begriffsklauberei ausarte. Mit dem Edikt von Warschau 1658 zogen die Sozinianer nach Westeuropa und legten dort die Grundsteine für die Aufklärung. Comenius ahnte den verengten Rationalismus, den die Aufklärung mit sich bringen sollte, voraus. Er selbst strebte nach einer Ausgeglichenheit zwischen Logik und Begrifflichkeit mit Intuition und Gefühl, und wollte seinerseits die Aufklärung aufklären – drei Jahrhunderte bevor Adorno sie als „rastlose Selbstzerstörung“ bezeichnet. Von 1659 bis 1662 verfasste er acht Schriften gegen die Sozinianer, welche seine wichtigsten theologischen Werke werden sollten und ihn als integralen Denker vorstellten.
Drei Weltorganisationen
Sein Hauptwerk „De rerum humanarum emendatione consultatio catholica“ (auch als „Konsultationen“ bekannt) gehört zu den bedeutendsten Werken innerhalb der europäischen Wissenstradition. In diesem Werk und im 1638 verfassten „Prodromus Pansophiae“ führt er den Begriff der Pansophie ein. Zur Verbesserung der politischen, wissenschaftlichen und religiösen Situation der Menschheit und zur Sicherung des Friedens entwarf er eine globale Weltordnung, die durch drei große Gremien bestimmt werden sollte: Ein „Weltfriedensgericht“ (Dicasterium Pacis), eine „Zusammenkunft der Wissenschaften“ (Collegium Lucis) und ein „Konzil der Weltreligionen“ (Consistorium Sanctitatis). Die Abgeordneten, welche in die drei Gremien entsandt werden, sollten aus den „auserwähltesten des Menschengeschlechtes“ stammen. Jedes der drei Gremien soll in steter Korrespondenz mit den anderen stehen. Dafür fordert Comenius die Einrichtung eines „Ökumenischen Konzils“ (Concilium Oecumenicum), welches alle zehn Jahre abwechselnd auf einem anderen Kontinent tagen sollte. Abgesandte dieses Konzils sollten in allen Erdteilen als „Geburtshelfer“ des Friedens und des Lichtes tätig sein.
All diese Vorschläge machte Comenius bereits zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kann man in der UNO in Ansätzen das „Weltfriedensgericht“ realisiert sehen: Die Welt hat also noch viel zu tun.
Comenius-Forschung an der Universität Bamberg
Die Forschungsstelle für Interkulturelle Philosophie und Comeniusforschung ist seit 1999 offiziell etabliert. Sie geht auf das Wirken von Prof. h.c. mult. Dr. phil. Dr. h.c. Heinrich Beck zurück, welcher bis 1997 den Lehrstuhl Philosophie I der Universität Bamberg innehatte. Heinrich Beck beschäftigt sich schon seit den 1970er Jahren mit dem Problem der Interkulturalität und war einer der ersten überhaupt, der diesen Begriff geprägt hat. Beck baute durch seine umfassende Reisetätigkeit in der ganzen Welt ein Netzwerk an Verbindungsstellen auf, das der Arbeit der Forschungsstelle sehr zu Gute kommt. 1980 kam Prof. Dr. Dr. hc. Erwin Schadel an die Universität Bamberg. Charmant berichtet er, dass durch ihn der „Comenianische Virus“ nach Bamberg eingeschleppt wurde. Von 1978 bis 1980 wirkte Schadel im Rahmen eines DFG-Projektes an der Universität Hannover, Ziel dieses Projektes war die Erstellung einer Bibliografie zur Allgemeinen Philosophie, wobei Schadels Gebiet das 17. Jahrhundert war. Dabei stieß er schnell auf die Aussagen von Comenius, die ihm seither faszinierten und nicht mehr losgelassen haben.
Die Leistungen der Bamberger Forschungsstelle sind unter anderem das jährlich zu Beginn des Sommersemesters stattfindende Blockseminar „Kreativer Friede durch Begegnung der Weltkulturen“, in welchen stets wechselnde Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedenen Weltkulturen als Referenten eingeladen werden, um die Eigenarten ihrer jeweiligen Kultur darzustellen. Außerdem wird eine Buchreihe mit „Schriften zur Triadik und Ontodynamik“ herausgegeben, in welchen Aufsätze über ganzheitliches Denken und Trinitätsaspekte im Sinne des Comenius veröffentlicht werden. Zudem beteiligt sich die Forschungsstelle an Übersetzungen und arbeitet an Schriften zur Comeniologie mit. Mit Dr. Karel und Prof. Dr. Pavel Floss von der Palacký-Universität in Olmütz (CZ) besteht eine Partnerschaft. Ferner existiert an der Prager Akademie der Wissenschaften eine Abteilung für Comeniusforschung, mit welcher ebenfalls ein Austausch stattfindet.
Kleiner Friedensimpuls einer Bronzestatue
Dass die Ideen des Comenius nicht nur in Bücherstuben diskutiert werden, beweist schließlich auch folgende Anekdote:
Zur Zeit des Kalten Krieges sorgte eine Statue des Comenius für eine friedliche Begegnung von Truppen des Warschauer Paktes mit der Bundeswehr. Die Statue, die heute in Berlin steht, wurde in den frühen 1980er Jahren in Prag gegossen. Bis zum Tschechisch-Bayerischen Grenzübergang wurde sie von Truppen des Warschauer Paktes transportiert, um dort von Deutschen Soldaten abgeholt und weiter nach West-Berlin eskortiert zu werden. So realisierte sich durch einen in Metall gegossenen Comenius ein lebendiger Dialog zwischen Vertretern zweier sich feindlich gesinnter Gesellschaftssysteme, ganz im Sinne des Modellgebers der Statue.


