Raus aus Hartz IV und zurück ins Berufsleben? Die Reintegration in den Arbeitsmarkt ist oft nicht leicht.

Welche Faktoren hierbei eine Rolle spielen, untersucht der Soziologe Mark Trappmann.

Hemmnisse beim Weg aus Hartz IV

Bamberger Soziologe forscht zum Thema Grundsicherung

Fast 4,5 Millionen. Das ist die Zahl der Menschen in Deutschland, die derzeit Arbeitslosengeld II, auch Hartz IV genannt, beziehen. Vielen Bezügeempfängern fällt es schwer, in die Berufstätigkeit zurückzukehren. Warum das so ist und wie die Lebenssituation der Personen, die Arbeitslosengeld II erhalten, aussieht, untersucht der Bamberger Soziologe Mark Trappmann.

2005 traten die Hartz-Reformen in Kraft und sorgten für erheblichen Wirbel. Seit Anfang 2015 gilt der Mindestlohn. Dazwischen bewirkten kleinere Reformen Veränderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Um etwa eine Million ist die Zahl der Arbeitslosengeld II-Empfängerinnen und -Empfänger in den vergangenen zehn Jahren gesunken. 4,5 Millionen beträgt sie aktuell. Doch welche Hindernisse gibt es, die den Weg aus dem Leistungsbezug erschweren? Und wie sieht die Lebenssituation der Bezügeempfängerinnen und -empfänger aus – etwa in sozialer und gesundheitlicher Hinsicht?

Daten ermöglichen vielfältige Forschungsprojekte

Fragen dieser Art kann Mark Trappmann beantworten. Trappmann ist Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie, insbesondere Survey-Methodologie, an der Universität Bamberg. Hierbei handelt es sich um eine S-Professur, eine Sonderprofessur. Denn parallel arbeitet Trappmann am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Dort leitet er das Panel „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ (PASS). Mit der gemeinsamen Besetzung von Bereichsleiterpositionen am IAB durch Universität und IAB kann universitäre und außeruniversitäre Forschung besser verzahnt werden. Trappmanns Praxiserfahrungen kommen so beiden Seiten zugute, denn die Erkenntnisse, die er durch PASS erwirbt, fließen unmittelbar in seine Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Bamberg ein. „PASS ist eine groß angelegte Längsschnittstudie, die sich mittlerweile in der neunten Erhebungswelle befindet“, so Trappmann und hat gleich ein paar Zahlen parat: 15.000 Personen werden im Rahmen der Studie jährlich interviewt – aus knapp 10.000 Haushalten.

Unter den Befragten sind überproportional viele Hartz-IV-Bezieherinnen und -Bezieher. „Dadurch können wir vertiefende Analysen von Grundsicherungsempfängern vornehmen – immer im Vergleich mit der restlichen Wohnbevölkerung“, erklärt Trappmann. In einstündigen Interviews erheben die rund 300 Interviewerinnen und Interviewer des Panels eine ganze Menge Daten. „Auf Basis dieser Daten lassen sich dann die vielfältigsten Forschungsprojekte durchführen“, so Trappmann. „Das gesamte Forschungsprogramm des Forschungsbereichs, den ich am IAB leite, baut auf den Daten des Panels auf.“

Sieben Hemmnisse erschweren den Weg aus dem Bezug

Mittels der PASS-Daten analysiert Trappmann beispielsweise, welche Faktoren den Weg aus dem Arbeitslosengeld II-Bezug erschweren. „Unsere Untersuchungen konnten sieben Hemmnisse herausarbeiten“, so Trappmann. Fehlende Schul- und Berufsabschlüsse, ein höheres Lebensalter, Einschränkungen der Gesundheit, fehlende Deutschkenntnisse, Betreuungspflichten durch die Erziehung von Kindern und die Pflege Angehöriger sowie eine lange Dauer des Hilfebezugs. Besonders prekär: Die Situation von Personen mit langer Bezugsdauer. „Hier liegen meist mehrere Schwierigkeiten zugleich vor“, so Trappmann. „Jede einzelne davon halbiert bereits die Wahrscheinlichkeit, dass der Weg aus der Hilfsbedürftigkeit gelingt.“

Informationen für das Arbeitsministerium

Die Erkenntnisse von Trappmann und seinen Kollegen am IAB stoßen auch außerhalb der Wissenschaftsgemeinde auf Interesse – etwa beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales. „Wir liefern dem Ministerium die Informationen, die es als Grundlage für seine politischen Entscheidungen benötigt“, so Trappmann. Die Ergebnisse des Panels tauchen immer wieder in den Positionspapieren des Ministeriums auf. Ende vergangenen Jahres stellte Andrea Nahles ein Konzept zur Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit vor. „In ihrer Begründung stützte sie sich auf unsere Befunde zu Hemmnissen beim Übergang in bedarfsdeckende Erwerbstätigkeit“, so Trappmann. Ein Beispiel: Das von ihr initiierte 5-Punkte-Programm enthält zusätzliche Aktivierungszentren, in denen die sieben Vermittlungshindernisse gezielt angegangen werden sollen.

Soziale Netzwerke schrumpfen bei andauernder Arbeitslosigkeit

Doch Trappmann untersucht nicht nur die Hemmnisse beim Weg aus dem Arbeitslosengeld II-Bezug. Die PASS-Daten ermöglichen es auch, Aussagen über die Lebenssituation von Arbeitslosengeld II-Bezieherinnen und -Beziehern zu treffen. So hat er in seinen Forschungsprojekten unter anderem herausgefunden, dass eine aktive Mitgliedschaft in Vereinen und anderen Organisationen ebenso wie Freundschaften mit Erwerbstätigen und arbeitsuchbezogene soziale Unterstützung die Wahrscheinlichkeit erhöhen, wieder einen bedarfsdeckenden Job zu finden. Umso schlimmer ist es folglich, wenn mit der Dauer der Arbeitslosigkeit soziale Netzwerke schrumpfen und insbesondere die Zahl Erwerbstätiger darin abnimmt, wie sich in einem neuen Projekt eines Mitarbeiters von Trappmann andeutet.

Ein weiteres Forschungsprojekt Trappmanns befasst sich mit der gesundheitlichen Situation der Bezügeempfängerinnen und -empfänger. „Arbeitslosengeld-II-Bezieher schätzen ihre mentale und körperliche Gesundheit schlechter ein als gleichaltrige Erwerbspersonen, die keine Grundsicherung erhalten“,  so die zentrale Feststellung Trappmanns. Dabei ist der Abstand zwischen den beiden Gruppen bei subjektiven Indikatoren wie etwa der Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit größer als bei objektiven Indikatoren wie dem Vorliegen einer amtlich anerkannten Behinderung.

„Ein Gewinn für alle“

„Die S-Professuren sind ein Gewinn für alle“, ist Trappmann überzeugt. In seinen Lehrveranstaltungen lernen die Studierenden, selbst standardisierte Erhebungen, sogenannte Surveys, zu konzipieren. Und auch Trappmann schätzt die Verbindung zur Universität sehr: „Ich profitiere von der Vernetzung mit Forschern und bin nah dran am wissenschaftlichen Nachwuchs.“

Ansprechpartner für Rückfragen

Prof. Dr. Mark Trappmann
Lehrstuhl für Soziologie, insb. Survey-Methodologie
Feldkirchenstrasse 21
Telefon: 0951-863-2435
Telefon: 0951-863-2531 (Sekr.)
Mail: mark.trappmann(at)uni-bamberg.de

Hinweis

Diesen Text verfasste Andrea Lösel für die Pressestelle der Universität Bamberg. Er steht Journalistinnen und Journalisten zur freien Verfügung.

Bei Fragen oder Bilderwünschen kontaktieren Sie die Pressestelle bitte unter der Mailadresse medien(at)uni-bamberg.de oder Tel: 0951-863 1023.