Die neue Professorin für Deutsche Sprachwissenschaft: Renata Szczepaniak

- Tanja Eisenach

Sprache als Tor zur Welt

Renata Szczepaniak ist neue Professorin für Deutsche Sprachwissenschaft

Renata Szczepaniak hat zum 1. Oktober 2017 den Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft übernommen. Gemeinsam mit ihrem Team forscht sie zum Potential sprachlicher Variation, also zu der Vielfalt der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, die den Sprecherinnen und Sprechern einer Einzelsprache zur Verfügung stehen: Wie bilden sich grammatische Regeln heraus? Warum stehen sie in Konkurrenz zueinander? Des Weiteren untersucht sie, wie sich Menschen sprachlich in der Gesellschaft verorten, indem sie über ihren Sprachgebrauch nachdenken und sich so einer Gruppe zugehörig fühlen oder vom Sprachgebrauch Anderer abgrenzen.

1. Worin besteht Ihr Selbstverständnis als Professorin?
Ich forsche und lehre in der Sprachwissenschaft, weil ich der Meinung bin, dass man dabei stets mit weitreichenden Erkenntnissen über sich selbst als menschliches Individuum und als soziales Wesen belohnt wird. So zeigt unsere Sprache, wie wir Menschen die Welt wahrnehmen und interpretieren. Mit verschiedenen Mitteln grenzen Sprachen belebte von unbelebten Wesen grammatisch ab. Im Deutschen gibt es sogar eine sogenannte „schwache Flexionsklasse“ der Substantive, die belebten Entitäten vorbehalten ist.

Gleichzeitig ist Sprache äußerst anpassungsfähig und ermöglicht uns so ein erfolgreiches Handeln in unserer komplexen Gesellschaft. Als Lehrende und wissenschaftliche Betreuerin nehme ich sehr gerne die Chance wahr, mit Studierenden und Promovierenden über sprachliche Strukturen, ihre Veränderungen und ihren Gebrauch nachzudenken und sie bei ihrer Erforschung der Sprache zu begleiten. Ich setze auf die Kreativität der Studierenden und begleite gerne individuelle Forschungsideen mit Rat und Tat. Dabei gibt mir die Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses sehr viel zurück und bereichert meine Forschung.

2. Haben Sie ein besonders wichtiges / schönes / spannendes Forschungsprojekt, das Sie gerne kurz vorstellen möchten?
Das auf den ersten Blick unscheinbare, einige Zeit aber auch sehr kontrovers diskutierte Phänomen der satzinternen Großschreibung hat mir im Zuge der Erforschung seiner Durchsetzung in der Geschichte des Deutschen eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse beschert und ich bin gespannt auf weitere Entdeckungen: Gemeinsam mit meinem Projektteam untersuche ich die Setzung von Großbuchstaben, den sogenannten Majuskeln, in den Hexenverhörprotokollen aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Die Analyse dieser besonderen Textsorte hat ergeben, dass eine systematische Entwicklung dazu geführt hat, dass wir heute alle Substantive, egal ob sie Lebewesen, Gegenstände oder Abstraktes bezeichnen, großschreiben. Die Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die Majuskeln der Belebtheitsskala entlang ausgebreitet haben, das heißt zunächst in Bezeichnungen für Menschen als hochentwickelte Lebewesen – allen voran in Personennamen –, später erst in Bezeichnungen für unbelebte Wesen und schließlich auch für Abstrakta wie Hoffnung, Höflichkeit oder das Tanzen verwendet wurden. Neben der Belebtheit zeigen aber auch andere kognitive Kategorien, darunter die Individualität, die ein Lebewesen als solches aus der Masse hervorstechen lässt und einzigartig macht, und die Agentivität, also die Fähigkeit, willentlich Handlungen auszuführen, ihre Wirkung auf die Ausbreitung der Majuskel.

Diese Erkenntnisse haben wir durch digitale Korpusannotation gewonnen. Das ist eine Methode, bei der wir Textwörtern unter anderem ihre Wortart und den Nomen den Belebtheitsgrad zugeordnet haben. Dank digitaler Korpusarbeit können wir heute viel tiefer in den Sprachwandel – hier in die Entwicklung des deutschen Schriftsystems – hineinblicken und unter anderem auch die Wirkung von sogenannten „soziopragmatischen Faktoren“ beobachten, also von sprachexternen Gründen für den Sprachwandel, die mit den Sprecherinnen und Sprechern und ihrer Lebenswelt eng verbunden sind. Damit gemeint sind zum Beispiel gesellschaftliche Entwicklungen wie die sich verändernde soziale Stellung der Frau. So werden in den Hexenverhörprotokollen Frauenbezeichnungen meist kleingeschrieben, wohingegen Männerbezeichnungen großgeschrieben werden.

3. Was sind die wichtigsten Ziele als Lehrende beziehungsweise Forschende in Ihren kommenden Jahren an der Universität Bamberg?
Im kommenden Semester biete ich ein neues Lehrformat an: Um den wissenschaftlichen Austausch der Studierenden untereinander anzuregen, werde ich gemeinsam mit dem Lehrstuhlteam eine studentische Tagung organisieren. So können Studierende nicht nur eigene Projekte vorstellen, sondern auch einen Einblick in die Interessensfelder anderer bekommen. Die Ergebnisse werden als Blogbeiträge der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

In der Forschung möchte ich mich weiterhin dem Aufbau von Sammlungen authentischer geschriebener Texte aus vergangenen Zeitstufen des Deutschen widmen. Dabei spielen auch die bereits erwähnten Hexenverhörprotokolle eine wichtige Rolle. Sie sind gerade in Bamberg von großer Relevanz, da in unserer Stadt im 16. und 17. Jahrhundert eine intensive Hexenverfolgung stattgefunden hat. Ich möchte mit der digitalen Erschließung und sprachwissenschaftlichen Analyse der Bamberger Hexenverhörprotokolle ein wenig zur Aufarbeitung der Stadtgeschichte beitragen. Ich schaue gespannt in die Zukunft und freue mich auf schöne Forschungsideen, die ich mit den Studierenden und Kolleginnen und Kollegen an der Otto-Friedrich-Universität als neuer Wirkungsstätte entwickeln darf.

Weitere Informationen zu Renata Szczepaniaks Lebenslauf und Publikationen finden Sie auf der Homepage des Lehrstuhls für Deutsche Sprachwissenschaft.