Ulrich Beck

Abschied von Ulrich Beck

Weltbekannter Soziologe und ehemaliger Bamberger Professor ist verstorben

Die Nachricht Ulrich Beck ist tot ging blitzschnell über die deutsche und internationale Presse. Er ist im Alter von 70 Jahren am 1. Januar 2015 an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Der ehemalige Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie II war nicht nur ein herausragender Wissenschaftler, sondern hat auch die Entwicklung der Bamberger Soziologie entscheidend geprägt.

Die Presse würdigte ihn als den „großen Soziologen und Universalgelehrten“, „den bedeutendsten deutschen Soziologen“, „den bedeutendsten Soziologen der Gegenwart“, „den meist zitierten und bekanntesten Soziologen“, „den Star seiner Zunft“, „als Universalisten“, „als den großen deutschen Intellektuellen – den man international noch mehr schätzte als zu Hause“.

Der bekannte britische Soziologe Sir Anthony Giddens, Mitglied des Britischen Oberhauses und ehemaliger Direktor der London School of Economics, charakterisiert Ulrich Beck in seinem Nachruf als „einen der großen Soziologen der Gegenwart“. Bruno Latour, der französische Philosoph und Soziologe (Institut d’études politiques in Paris), schreibt in der Süddeutschen Zeitung: „Europa verliert den Denker, der Europa das meiste Gewicht gegeben hat“.

Ulrich Beck war bereits ab Mitte der 90er Jahre als Vortragender und Gastprofessor weltweit gefragt. Er war unter anderem Gastprofessor in Cardiff (Wales), Harvard, an der London School of Economics and Political Sciences (LSE) und an der Pariser Foundation Maison des Sciences de l’Home (FMSH). Er erhielt acht Ehrendoktor-Titel.

Aufbau des „Bamberger Modells“

Als Professor für Soziologie lehrte er zunächst an der Universität Münster und anschließend von 1981 – 1992 als Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie II an der Universität Bamberg. Wenn wir Bamberger Soziologen an Ulrich Beck denken, dann denken wir neben seinen herausragenden wissenschaftlichen Leistungen – die man viel ausführlicher würdigen müsste als hier möglich ist - an einen ehemaligen Kollegen. Wir konnten ihn von der Konzeption des Bamberger Modells des Soziologiestudiums überzeugen und nach Bamberg berufen, und er hat diesen Studiengang in der Lehre, insbesondere durch Vermittlung der soziologischen Theorien, voll mitgetragen.

Er war mit uns davon überzeugt, dass das Bamberger Modell als ein berufsqualifizierender Studiengang, in welchen die empirische Soziologie, die speziellen Soziologien, die soziologischen Methoden und die soziologische Theorie in Verbindung mit Wirtschafts- und Rechtswissenschaften und anderen Nachbarwissenschaften integriert wurden, Zukunft hat. Er hat das Fach Soziologische Theorie von den Klassikern der Soziologie bis zu namhaften Vertretern der soziologischen Theorien der Gegenwart in Vorlesungen und in Seminaren vertieft vermittelt.

Weltweit bekannte Publikationen

Wir haben nur gelegentlich wahrnehmen können, dass er einige Jahre nach seiner Berufung nach Bamberg in aller Stille an einer eigenen und eigenständigen Theorie gearbeitet hat. In Diskussionen hat er zwar immer deutlicher seine Kritik an der allzu starken Fokussierung der soziologischen Forschung, aber auch der soziologischen Theorienbildung, auf die eigene Nationalgesellschaft geäußert. Die Soziologie denkt – so seine Kritik – zu eng in nationalen Grenzen.

Er plädierte für eine Soziologie, die durch ihre Fragestellungen, Untersuchungsgegenstände und Erklärungen den nationalen Rahmen des gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Denkens überwindet. Aber es ist uns verborgen geblieben, dass er zurückgezogen, aber mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, bereits emsig an einem theoretischen Gegenmodell arbeitete.

Erst nachträglich konnten wir beobachten und würdigen, dass er die Bücher, die ihn in den Folgejahren weltweit bekannt und berühmt gemacht haben, hier in Bamberg geschrieben hatte. Im Jahr 1986 hat er sein Buch Die Risikogesellschaft, im Jahr 1988 Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit und im Jahr 1990 zusammen mit seiner Frau Elisabeth Beck-Gernsheim Das ganz normale Chaos der Liebe veröffentlicht.

Das Buch Risikogesellschaft – zwischenzeitlich in mehr als 30 Sprachen übersetzt – machte ihn, der bis dahin in Deutschland als ein geschätzter Ungleichheits- und Arbeitsmarktforscher bekannt war, mit einem Schlag berühmt. Die in seinen Bamberger Jahren geprägten Begriffe Risikogesellschaft, Globalisierung, Individualisierung, die er jeweils zur Kennzeichnung einer eigenständigen soziologischen Theorie, zur Erklärung der globalen Entwicklungsvorgänge in modernen Gesellschaften entwickelte und verwendete, sind inzwischen in der deutschen wie auch internationalen soziologischen Diskussion untrennbar mit dem Namen Ulrich Beck verbunden.

Zugleich prägte er als Vordenker und Mahner den Zeitgeist und den politischen Wandel charakterisierende Begriffe (Ende der Moderne, Unbeherrschbarkeit der modernen Technik, Entgrenzung, Unkontrollierbarkeit, Nicht-Kompensierbarkeit), die in der nationalen und europäischen Politik starke öffentliche Resonanz auslösten.

Europa als Forschungsinteresse

Den Bogen zu seiner weiterführenden theoretischen Konzeption der reflexiven Modernisierung und zur Analyse der Globalisierung und Weltrisikogesellschaft hat er nach seiner Berufung an seine Heimatuniversität München weiter gespannt (Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung, 1993; Was ist Globalisierung?, 1997; Weltrisikogesellschaft, 2007). Beck führte den Begriff Zweite Moderne ein. Mit diesem Begriff beschrieb er die Konstruktion und Wirkung globaler Risiken, die sich der Kontrollierbarkeit immer mehr entziehen.

Die Zweite Moderne, in der die Mitglieder der Gesellschaft – so sein Befund - immer individualisierter leben, ist mit unkalkulierbaren Risiken durchwoben. In diesen Jahren galt sein Forschungsinteresse den Folgen und Konsequenzen aus dem Wandel moderner Gesellschaften für Wirtschaft, Politik und Kultur. In diesem Zusammenhang rückte Europa als Ganzes in das Zentrum seines Forschungsinteresses. Er hat Fehlentwicklungen, Risiken der europäischen Entwicklung aufgezeigt, die auch bei politisch Verantwortlichen immer mehr Beachtung fanden. So hat Bundeskanzlerin Merkel ihn zum Mitglied der Ethikkommission für sichere Energieversorgung berufen.

Mit der Bamberger Soziologie untrennbar verbunden

Alle diese Facetten seiner wissenschaftlichen, intellektuellen, gesellschafts- und kulturkritischen Leistungen müssen wir aus diesem traurigen Anlass vergegenwärtigen, (doch) er bleibt für uns ein Mitstreiter beim Ausbau des soziologischen Studienganges und der soziologischen Forschung in Bamberg.

Ein liebenswürdiger, offener und dialogbereiter Kollege, der auch in leidenschaftlichen Diskussionen die Meinungen, Einschätzungen und kritischen (Gegen-)Argumente anderer aufmerksam zur Kenntnis nahm, aber auch ein Hochschullehrer, der die Studierenden für das Fach begeistern konnte. Die deutsche Soziologie hat einen international beachteten Soziologen verloren, wir einen Kollegen, mit dessen Namen die Bamberger Soziologie untrennbar verbunden bleibt.

Hinweis

Dieser Nachruf wurde verfasst von
Prof. em. Dr. Dr. h.c. Laszlo Vaskovics
E-Mail: laszlo.vaskovics@uni-bamberg.de