Barbara Drechsel

Vom Lernenden zum Lehrenden

Gestatten, Barbara Drechsel, Psychologin!

Sie blickt gern über den Tellerrand und hat schon an der PISA-Studie mitgearbeitet. Ihre Studierenden liegen ihr sehr am Herzen: Barbara Drechsel ist seit Oktober 2012 Professorin für psychologische Grundlagen in Schule und Unterricht an der Universität Bamberg. Einblicke und Ausblicke einer Psychologin.

Akademisches Leitbild

Worin besteht Ihr Selbstverständnis als Professorin?

„Durchrütteln“ ist das, was mir am wichtigsten ist. Unsere Studierenden kommen aus der Schule und kehren auch dorthin wieder zurück. Oft gibt es nur kurze Gastspiele außerhalb, also in Berufsausbildungen und -tätigkeiten, Auslandsaufenthalten, Familienphasen oder anderen zwischengeschalteten Zeiten. Im Studium sollen sie daher lernen, aktiv und bewusst die Rolle vom Lernenden zum Lehrenden zu wechseln. Dazu gehört es, die Perspektive auf Schule und Unterricht zu richten, sich verwirren zu lassen von empirischen Befunden aus der Lehr-Lern-Forschung und der pädagogischen Psychologie. Und schließlich Erkenntnisse zu gewinnen, auf deren Grundlage man sich zutrauen kann, in die schulische Praxis zu wechseln, mit einem neu zusammengebastelten und strukturierten Verständnis von Lehr-Lernprozessen und den Aufgaben als Lehrerin oder Lehrer.

Das geht aus meiner Sicht am besten auf der Grundlage von fundiertem Wissen über Schule und Unterricht. Dazu gehört manches, was auf den ersten Blick nicht intuitiv ist und vielleicht auch gar nicht „leicht zu schlucken“. Beispielsweise stoße ich immer wieder auf erstaunte Gesichter, wenn im Bereich Diagnostik davon die Rede ist, dass die berühmten „Exen“, also unangesagte Leistungskontrollen, die in bayerischen Gymnasien jederzeit stattfinden können, ein hierzulande übliches Sondermodell sind, das aber nicht nur im Ausland, sondern bereits in den unserem benachbarten Bundesländern als merkwürdig wahrgenommen wird. Diese Blicke über den eigenen Tellerrand sind mir sehr wichtig und dazu möchte ich beitragen.

Warum sollte man heute Ihr Fach studieren?

Psychologie zu studieren ist aus meiner Sicht reizvoll, weil die methodische und inhaltliche Expertise in vielen Bereichen menschlichen Zusammenlebens wichtig und an vielen Stellen hilfreich ist. Die Arbeitsfelder für Psychologinnen und Psychologen sind sehr vielfältig.

Lehramt zu studieren ist deswegen eine faszinierende Sache, weil Schulbildung eine wichtige gesellschaftliche Basis darstellt. Viele Chancen werden hier verteilt und verspielt und viele Weichen für Kinder und Jugendliche gestellt. Junge Menschen beim Lernen zu begleiten, ist eines der aufregendsten Abenteuer, die es gibt. Es gibt in Deutschland einen sehr interessanten Trend, der „die besten jungen Persönlichkeiten im Lehrerberuf“ sehen will, dem kann ich mich nur anschließen. Leider erscheint das Lehramt aus verschiedenen Gründen noch nicht so attraktiv.

Haben Sie ein besonders wichtiges / schönes / spannendes Forschungsprojekt, über das Sie gerne berichten möchten?

Die spannendste Zeit meiner bisherigen beruflichen Laufbahn habe ich als wissenschaftliche Koordinatorin der PISA-Studie (das OECD Programme for International Student Assessment) verbracht. Ich konnte Bildungssysteme vieler Staaten im Vergleich betrachten und dabei im direkten Kontakt mit Vertreterinnen und Vertretern der teilnehmenden Staaten stehen. Ich durfte viel reisen und ein Großprojekt auf hohem inhaltlichen und methodischen Niveau managen sowie auf Bundes- und Länderebene einen profunden Einblick in die Bildungspolitik in Deutschland und anderswo bekommen. Das war toll. Mein momentaner Forschungsschwerpunkt, die Verbindung von Theorie und Praxis im Lehramtsstudium, ist direkt auf die Erfahrungen in diesem Projekt zurückzuführen.

Rund ums Studieren

Was sehen Sie als den größten Unterschied zwischen Ihrer Studienzeit und der heutigen Situation der Studierenden?

Prüfungsbelastung und stete Bepunktung jeglicher Leistung ist eine ganz neue Erfahrung für mich. Im Gegenzug werden Angebote, für die es keine Punkte gibt, so gut wie nicht mehr wahrgenommen. Das halte ich den Studierenden nicht vor. Ich glaube, dass gerade Lehramtsstudierende heute Pflichtprogramme absolvieren, die zum Teil nur noch wenig Raum für individuelle Interessen und Vertiefung lassen.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Ich war so glücklich, Geld von den Eltern zu bekommen und in den Semesterferien habe ich mich als Fabrikarbeiterin versucht. Nach dem Vordiplom konnte ich als studentische Hilfskraft an der Uni Regensburg arbeiten.

Was wäre, wenn ...

Welche Berufe wären für Sie noch in Frage gekommen und warum?

In einer Schulkrise als Jugendliche habe ich begonnen, mir einen Ausbildungsplatz als Buchhändlerin zu suchen. Lesen ist mir noch immer sehr wichtig, inzwischen ja auch in der Leseforschung. Als Studentin war ich an klinischer Psychologie interessiert und wäre gern Psychotherapeutin geworden.

Wie würden Sie ein freies Jahr nutzen?

Ein wirklich freies Jahr im Sinne von finanziell unabhängig? Reisend! Es gibt so viele Teile und Plätze der Welt, die ich noch nie gesehen habe und so viele, die ich kenne und gerne wiedersehen möchte, zusammen mit den Menschen, die dort sind.

In welchem Land könnten Sie sich vorstellen zu leben?

In Australien. Die Kombination aus Weite, unglaublicher Natur, sehr vielfältigen, interessanten Städten und meist humorvollen und irgendwie entspannten Menschen zieht mich sehr an.

Tugenden & Lebenspraxis

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?

Das ohne Anlauf Anknüpfen-Können. Viele wohnen weit weg von mir, doch auch, wenn wir lange keinen Kontakt hatten, ist es sofort „wie immer“.

Welchen Charakterzug an anderen Menschen schätzen Sie besonders?

Wenn Menschen in ihrem Leben mehr Fragen als Antworten haben, wird es meistens reizvoll. Das mag ich, denn das macht Kooperation interessant. Viele Machtfragen bleiben dann ausgeklammert, das entspannt oft sehr.

Musik & Kultur

Haben Sie eine Lieblingsbeschäftigung jenseits von Forschung und Lehre?

Ich mache und höre gerne Musik und ich lese sehr gerne.

Welche Musikrichtung hören Sie und welche Interpreten mögen Sie?

Auf meiner Top 5 All-time-Bestenliste sind – in ungeklärter Reihenfolge – die h-moll Messe von Bach, Love over Gold von den Dire Straits, Chormusik von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Heinrich Schütz und die Serenata Rap von Jovanotti.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Beispielsweise „Der Klang der Zeit“ von Richard Powers und die „13 ½ Leben des Käptn Blaubär“ von Walter Moers.

Kochen

Kochen Sie gerne? Nach welchen Rezepten?

Ja, wenn Zeit zum Kochen und Genießen ist und Familie oder Freunde zusammenkommen.

Gibt es ein Gericht, bei dem es Ihnen graust?

Grausen tut’s mir immer dann, wenn Fleisch im Spiel ist, das beim gegebenen Preis nur aus völlig unwürdiger und verantwortungsloser Produktion stammen kann. Das ärgert mich besonders, wenn Kinder die Zielgruppe sind, beispielweise beim Kindergarten- oder Schulmittagessen.

Leben in Bamberg

Was schätzen Sie an Bamberg?

Das unglaubliche Orchester, das in einer so kleinen Stadt wirklich ungewöhnlich ist. Es zieht viele internationale Musiker an und zaubert einen Hauch von großer weiter Welt.

Waren Sie schon auf einem Bierkeller?

Der Wilde-Rose-Keller ist für Familien mit Kindern einfach Pflicht!

Kurzvita

Geboren in Nürnberg, Studium der Psychologie und Erziehungswissenschaften in Regensburg. Von 1996 bis 2000 Mitarbeit und Promotion in einem DFG-Schwerpunktprogramm zur kaufmännischen Berufsausbildung in Regensburg und Kiel. Am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel wissenschaftliche Mitarbeiterin von 2000 bis 2009, unter anderem im Projekt PISA. Seit 2010 Vertretung der Professur für psychologische Grundlagen in Schule und Unterricht an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg, Ernennung im Oktober 2012.