Mit dem Motiv des Schwimmens befasste sich Andrea Bartl in ihrer Antrittsvorlesung (Bilder: die_bea/Photocase, Rainer Schönauer)

In Bamberg hat sich die Literaturwissenschaftlerin bereits sehr gut eingelebt

- Rainer Schönauer

Vom Schwimmen in Seen und Flüssen

Andrea Bartl ist das neue Gesicht in der Neueren deutschen Literaturwissenschaft

Seit 2007 ist die Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft neu besetzt. Andrea Bartl trat die Nachfolge des emeritierten Literaturwissenschaftlers Heinz Gockel an. In ihrer Antrittsvorlesung beschäftigte sie sich mit dem Motiv des Schwimmens in der Literatur.

Dass sie eine akademische Laufbahn wählen würde, war Prof. Dr. Andrea Bartl nicht von vornherein klar. Denn die gebürtige Augsburgerin begann schon im Alter von 17 Jahren für die Augsburger Allgemeine Zeitung zu schreiben; der Weg zum Journalismus schien vorgezeichnet. Doch einige Schlüsselerlebnisse während des Germanistikstudiums hätten alles verändert, so Bartl. „Beispielsweise Schlegels ‚Lucinde‘ oder die Athenäumsfragmente waren so große Leseerlebnisse für mich, dass ich zum ersten Mal merkte, wie sehr Literatur die Erkenntnis erweitern kann.“ Von da an ließ die Literatur sie nicht mehr los.

Professorin in traumhafter Umgebung

Nach ihrem Studium promovierte sie 1994 und arbeitete bis 2005 als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft der Universität Augsburg, wo sie 2003 auch ihre Habilitationsschrift „Im Anfang war der Zweifel. Zur Sprachskepsis in der deutschen Literatur um 1800“ verfasste. Die Literaturwissenschaftlerin hielt Vorträge und Seminare in Amerika, England, Ungarn, Tschechien, Polen und Russland. Mit dem Ruf an die Otto-Friedrich-Universität Bamberg im Jahre 2007 ging für sie ein Traum in Erfüllung.

„Bamberg ist eine fast unwirklich schöne Stadt“, schwärmt Andrea Bartl und fügt hinzu: „Ich fühle mich hier sehr wohl, und die integrierte Uni in der Stadt ist atmosphärisch einfach toll. Es ist immer ein besonderer ästhetischer Genuss, wenn ich morgens zur Uni laufe.“ Ihr Auto hat Andrea Bartl verkauft, erreicht und erkundet alles in Bamberg mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Neben dem Haingebiet und dem Michaelsberg hat sie auch den Rosengarten bei der Residenz für sich entdeckt: „Das ist ein sehr schöner Ort, wenn er nicht gerade mit Touristen bevölkert ist. Ich finde es inspirierend, wenn man durch das Portal in den Garten tritt und vom Rosenduft begrüßt wird.“

Grauzonen des Denkens

Die Forschungsschwerpunkte von Andrea Bartl liegen in der Literatur des 18. und 20. Jahrhunderts sowie in der Gegenwartsliteratur. Ihr besonderes Interesse gilt dabei den so genannten Phänomenen des Dritten. „Mich fasziniert alles, was sich mit der Grenzüberschreitung und der Vermischung von Gegensätzen auseinandersetzt. Literarische Themen, die nicht schwarz oder weiß, sondern grau sind. Das Groteske, Androgyne, Tragikomische, kurz: alles, was feste Zuschreibungen auflöst. Meiner Meinung nach sind es diese Grauzonen des Denkens, die viel Energie freisetzen”, erklärt Bartl.

Schwimmen in der Literatur

Eine Grenze überschritt Bartl auch in ihrer Antrittsvorlesung am 8. Juli. Unter dem Titel „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ – benannt nach dem gleichnamigen Gedicht von Bertolt Brecht – verließ sie den sicheren Erdboden zugunsten des Wassers, um, wie sie sagte, „paradoxerweise Neuland zu betreten“. Denn eine größere Abhandlung zum literarischen Schwimm-Motiv gebe es noch nicht. Bartl zeigte anhand des Brecht’schen Gedichts, wie auch dreier moderner Romane auf, darunter John von Düffels „Vom Wasser“, dass das Schwimmen in der Literatur nicht nur die Faszination für sportliche Hochleistungen ausdrückt. Vielmehr habe das Schwimm-Motiv eine archaische Dimension, da sich darin die Sehnsucht nach einer ursprünglichen, präzivilisatorischen Vereinigung mit der Natur widerspiegle. Bartl: „Mit dem Sprung ins Wasser liefert sich der Schwimmer dem Element des Todes und zugleich dem Element des Lebens aus.“

Abschließend beantwortete Andrea Bartl noch die Frage, warum Literatur überhaupt sein müsse und was sie leisten könne: „Der Kontakt mit der Literatur verflüssigt die eigenen verfestigten Denkmuster und konfrontiert sie mit dem Fremden. Das birgt die Gefahr der Verstörung und Selbstauflösung. Wer schwimmt, kann prinzipiell untergehen. Das birgt aber auch die Chance, schwimmend-lesend in Grenzzonen vorzustoßen, in denen es sich – jedenfalls für Momente – besser aushalten lässt als nur an Land.“

Fünf Fragen an Andrea Bartl

Worauf legen Sie bei Ihren Vorlesungen und Seminaren besonderen Wert?

Mir sind drei Dinge besonders wichtig: 1. Breite Grundkenntnisse durch seriöse Wissensvermittlung zu legen. 2. Alternatives, eigenständiges Denken und einen selbstständigen Umgang mit Literatur zu fördern. 3. Bei den Studierenden die Begeisterung für die Literatur zu wecken.

Worauf legen Sie bei schriftlichen Arbeiten und bei Prüfungen besonderen Wert?

In Hausarbeiten lege ich Wert auf eine gute Mischung aus innovativem, selbstständigem Denken und einem soliden Hintergrundwissen. In Prüfungen will ich eine angenehme Prüfungsatmosphäre bieten, aber für eine gute Note muss man bei mir auch etwas leisten.

Welche Bücher sollte jeder Studierende im Bücherregal stehen haben?

Schillers „Don Carlos“, Kleists „Penthesilea“ und Döblins „Berlin Alexanderplatz“

Wo sehen Sie Ihre größte Stärke und wo Ihre größte Schwäche?

Stärke: Ich kann hoffentlich Menschen gut motivieren und setze relativ konsequente Standards in Prüfungen, nach denen sich die Studierenden richten können.
Schwäche: Ich muss mich oft zügeln, den Studierenden nicht meine Meinung aufzudrängen. Denn ich will, dass sie lernen auch ihre eigenen Wege zu gehen.

Wie schalten Sie vom Uni-Alltag ab? Welche Hobbies haben Sie?

Zum Ausspannen muss man Mechanismen entwickeln. Bei mir ist das Sport (Radfahren, Schwimmen, Laufen), Spazieren gehen und sich mit Menschen  treffen. Dabei achte ich darauf, dass ich bewusst nicht über die Arbeit spreche. Auch reise ich gerne, besuche Ausstellungen und Konzerte, gehe ins Kino oder lese Krimis.