Harald Schoen

- Uni-News-Redaktion

Eigenständige Urteilsfähigkeit entwickeln

Gestatten, Harald Schoen, Politikwissenschaftler!

 

Akademisches Leitbild

Worin besteht Ihr Selbstverständnis als Professor?

Neugierig sein und bleiben auf das Abenteuer des Denkens und Forschens, am besten in Kombination mit breitem Wissen über Theorien, Methoden, Befunde sowie die Geschichte von Disziplinen. Ein breites Wissensfundament lehrt Bescheidenheit vor der Leistung anderer, nicht zuletzt früherer Wissenschaftlergenerationen, hilft, intellektuelle Modeerscheinungen als solche zu erkennen, und trägt – im Zusammenspiel mit Muße – zu Kreativität bei.

Als akademischer Lehrer kann das Ziel nicht in der schematischen Vermittlung von Lehrbuchwissen bestehen. Vielmehr suche ich meinen Studenten analytische Fähigkeiten zu vermitteln und sie zu eigenem Denken und Forschen zu ermuntern. Sie sollen eigenständige Urteilsfähigkeit entwickeln, die sie etwa in die Lage versetzt, jegliche Veröffentlichungen kritisch und kompetent zu beurteilen – und zwar auch solche aus der Feder von Professoren.

Auch sollten Professoren die Öffentlichkeit nicht scheuen. Dies aber weniger, um die Eitelkeit zu befriedigen, sondern weil sie mit ihren Einsichten und Erkenntnissen zu gesellschaftlichen Diskussionen beitragen können, auch zu solchen über Fragen der Bildungs- und Hochschulpolitik.

Warum sollte man heute Ihr Fach studieren?

Aktuelle Beispiele aus dem politischen Geschehen verdeutlichen das ziemlich gut. Im vergangenen Sommer entschieden sich Bayerns Bürger in einem Volksentscheid für einen strengeren Nichtraucherschutz, Hamburgs Bürger votierten gegen eine Schulreform, und in diesen Wochen protestieren in Stuttgart Bürger gegen „Stuttgart 21“. In allen diesen Fällen trafen Eliten kollektiv verbindliche, also politische Entscheidungen, konnten jedoch nicht hinreichend viele Bürger für die Vorhaben gewinnen.

Damit ist eine zentrale Frage der Politischen Soziologie angesprochen, die sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen und Konsequenzen politischer Entscheidungen beschäftigt. Das bedeutet unter anderem, daß wir fragen, wie die Bevölkerung über politisches Geschehen, Akteure und Vorhaben denkt und welche Folgen das für ihr politisches Handeln und die komplexen Prozesse hat, in denen politische Entscheidungen getroffen werden. Daran sollte man allein schon deshalb interessiert sein, weil man von den entsprechenden (Nicht-)Entscheidungen betroffen ist und womöglich darauf Einfluß nehmen will.

Persönliche Fragen

Lebensmotto & Lebenspraxis

Haben Sie ein Lebensmotto?

Heiter und gelassen in die offene Zukunft.

Haben Sie eine Lieblingsbeschäftigung jenseits von Forschung und Lehre?

Die Natur genießen.

Tugend & Laster

Was schätzen Sie an Ihren Freunden am meisten?

Dass ihnen der „Herr Professor“ herzlich egal ist.

Welchen Charakterzug an anderen Menschen mögen Sie gar nicht?

Ignorante Geltungssucht

Rund ums Studieren

Was sehen Sie als den größten Unterschied zwischen Ihrer Studienzeit und der heutigen Situation der Studierenden?

In bezug auf Bildungsfragen haben sich die gesellschaftlichen Vorstellungen, Normen und Regeln erheblich geändert. Wir hatten – wenn der Blick zurück nicht mit einer nostalgischen Verklärung einhergeht – mehr Ruhe und Freiheit, Fragen um ihrer selbst willen nachzugehen, ohne zu überlegen, welchen unmittelbaren Nutzen uns das etwa im Lebenslauf oder auf dem Arbeitsmarkt bringen könnte. Geschadet hat das gewiss nicht, da Denken bekanntlich Zeit braucht.

Gibt es eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler, die/der Sie besonders beeinflußt hat?

Persönlich habe ich Jürgen W. Falter viel zu verdanken, der es mir als Mitarbeiter ermöglichte, mich intellektuell im wahrsten Sinne des Wortes selbst zu entfalten.

Sport, Musik, Kultur

Welche Sportarten mögen Sie (aktiv oder passiv)?

Ich gehe gern laufen – und frage mich, was „passiver Sport“ ist.

Welche Musikrichtung hören Sie und welche Interpreten mögen Sie?

Je älter ich werde, desto klassischer.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Schwierig, sehr schwierig, ich will’s dennoch versuchen: Robert Merton „On the Shoulders of Giants“, Thomas Mann, „Die Buddenbrooks“, Wilhelm Busch

Reisen & fremde Länder

In welchem Land könnten Sie sich vorstellen zu leben?

Für eine gewisse Zeit könnte ich mir Nordamerika vorstellen.

Sprechen Sie eine „exotische“ (d.h. nicht Englisch, Französisch) Fremdsprache?

Außer Latein und einem abenteuerlichen Dialekt habe ich wenig zu bieten.

Welche ausländische Persönlichkeit beeindruckt Sie?

Widerstandskämpfer in autoritären Regimen.

Welche drei Dinge oder Personen würden Sie auf eine „einsame“ Insel mitnehmen?

Gute Gesellschaft, gute Bücher und Handwerkszeug, um das Überleben zu sichern.

Essen & Trinken

Ihre liebste Biersorte?

Weizenbier und Rauchbier.

Was trinken Sie am liebsten?

Das hängt von der Tageszeit ab.

Bevorzugen Sie eine bestimmte Küche?

Eher mediterran und leicht.

Was wäre wenn ...

Welche Berufe wären für Sie noch in Frage gekommen und warum?

Wer weiß, was passiert wäre, wenn mir keine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter angeboten worden wäre.

Welches Gesetz würden Sie gerne verabschieden?

Ende der Umwandlung der Universität in eine bürokratische Lehr- und Lernanstalt.

Mit welcher historischen Persönlichkeit würden Sie sich gerne einmal unterhalten?

Marcus Tullius Cicero, Martin Luther, Friedrich August von Hayek

Was würden Sie tun, wenn Sie auf einmal der einzige Mensch auf Erden wären?

Darüber nachdenken, wie es soweit kam – und wie man es ändern könnte.

Leben in Bamberg

Was schätzen Sie an Bamberg?

Häufig die Überschaubarkeit.

In welchen Zusammenhang ist Ihnen Bamberg das erste Mal aufgefallen?

Das ließ sich während des Studiums nicht vermeiden.

Gibt es etwas, das Ihnen in Bamberg gar nicht gefällt?

Manchmal die Überschaubarkeit.

Kurzvita

Studium der Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre, Finanzwissenschaft und des Privatrechts an der Universität Bamberg. 1997 bis 2009: wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mainz, dort Promotion (2003) und Habilitation (2008). Seit 2009: Inhaber des Lehrstuhls für Politikwissenschaft, insbesondere Politische Soziologie an der Universität Bamberg. Arbeitsschwerpunkte: politische Orientierungen, politisches Verhalten, politische Psychologie, politische Kommunikation, Methoden der empirischen Sozialforschung.