Corinna Kleinert

Picos Maurienne

Auf Skiern im Tiefschnee

Soziale Ungleichheit analysieren

Sie ist die neue Soziologie-Professorin: Dr. Corinna Kleinert

Früher arbeitete Prof. Dr. Corinna Kleinert beim Fernsehen und als DJ. Heute ist sie Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt längsschnittliche Bildungsforschung. Im Interview erzählt sie, was sie gerade erforscht und warum man ihr Fach studieren sollte.

Akademisches Leitbild

Worin besteht Ihr Selbstverständnis als Professorin?

Wichtig ist mir vor allem, praxisorientiert zu arbeiten. In meiner Forschung heißt das, Themen zu bearbeiten, aus denen sich verwertbare Erkenntnisse für Politik und Gesellschaft ergeben, empirische Daten und Methoden zu verwenden, aus denen sich verallgemeinerbare Schlüsse ziehen lassen, und meine Forschungsergebnisse so zu verpacken, dass auch Nicht-Akademiker sie verstehen. Ich bin davon überzeugt, dass das auch in der Lehre hilft, weil sich meiner Erfahrung nach Studierende besonders dann von Forschung begeistern lassen, wenn sie Fragen stellt, die auch für ihr eigenes Leben (oder für das Zusammenleben mit ihren weniger privilegierten Nachbarn) von Bedeutung sind.

Inhaltlich treibt mich in erster Linie die Analyse sozialer Ungleichheiten zwischen unterschiedlichen Gruppen in unserer heutigen Gesellschaft um, sei es im Zugang zu Bildung oder zum Arbeitsmarkt. In meiner neuen Doppelrolle hier in Bamberg fühle ich mich daher besonders wohl. Das gilt sowohl für die Fachgruppe der Soziologie mit ihrer starken empirischen Ausrichtung und inhaltlichen Fokussierung auf Bildungs-, Migrations- und Arbeitsmarktforschung als auch für das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, in dem mit den Daten des Nationalen Bildungspanels das Herzstück der empirischen Bildungsforschung in Deutschland schlägt.

Warum sollte man heute Ihr Fach studieren?

Der Untersuchungsgegenstand der Soziologie ist die Erforschung gesellschaftlicher Prozesse, und diese unterliegen ständigem Wandel. Soziologie muss sich daher ständig neu erfinden, und es gibt immer neue, spannende Forschungsfragen. Daneben wird im Soziologiestudium, gerade wenn es so empirisch ausgerichtet ist wie an der Universität Bamberg, Handwerkszeug vermittelt, das in vielen Bereichen auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist. Ein „soziologischer Blick“ ist meines Erachtens aber auch wichtig für Studierende, die später nicht in die Forschung gehen. Denn er lenkt das Augenmerk weg von den Individuen und ihren (zugeschriebenen) Charakteristika auf die Funktion, die den gesellschaftlichen Strukturen bei der Generierung und Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheit zukommt. Diese Perspektive ist in vielen Berufen von Bedeutung, zum Beispiel im Journalismus, im Management oder in der Politik.

Haben Sie ein besonders wichtiges / schönes / spannendes Forschungsprojekt, über das Sie gerne berichten möchten?

Mein derzeitiges „Baby“ ist ein Forschungsprojekt, in dem wir untersuchen, wie sich die berufliche Geschlechtersegregation – die hartnäckige Spaltung des Arbeitsmarktes in Frauen- und Männerberufe – in Deutschland langfristig entwickelt hat und welche Folgen dieses Phänomen für Geschlechterungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt hat. Ausgangspunkt ist dabei die Beobachtung, dass Segregation nicht ‚automatisch‘ zur Benachteiligung von Frauen (oder Männern) führt, sondern dass das sehr komplexe und wandelbare Zusammenhänge sind, die empirisch analysiert werden müssen. So interessiert uns zum Beispiel, ob das Lohnniveau in Berufen sinkt, wenn sie sich von Männerberufen zu Frauenberufen wandeln. Oder wir untersuchen, ob der Frauenanteil im Ausbildungsberuf einen Einfluss darauf hat, wie zügig junge Menschen nach ihrer Berufsausbildung auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen.

Rund ums Studieren

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Ich habe ziemlich viel nebenher gearbeitet, als Packerin, als Sekretärin, beim Fernsehen, als DJ, aber später vor allem als studentische Hilfskraft. Davon habe ich enorm profitiert, weil ich viele Dinge gelernt habe, die man nur in der praktischen Arbeit lernen kann. So wusste ich am Ende des Studiums ziemlich genau, was ich danach machen wollte (in der Forschung arbeiten und promovieren) und ich habe durch meine Hilfskrafttätigkeit direkt im Anschluss an das Studium meinen ersten Job bekommen.

Was sehen Sie als den größten Unterschied zwischen Ihrer Studienzeit und der heutigen Situation der Studierenden?

Ganz eindeutig in der starken Verschulung und zeitlichen Straffung des Studiums. Seit der Bologna-Reform ist es kaum mehr möglich, so viel neben dem Studium zu arbeiten, wie ich es gemacht habe. Das heißt, dass Studierende sich ein Studium auch leisten können müssen. Und es ist viel schwieriger geworden, Lehrveranstaltungen zu besuchen, die nicht im Modulplan vorgesehen sind, einfach, weil sie einen interessieren.

Was wäre wenn...

Welche Berufe wären für Sie noch in Frage gekommen und warum?

In der Schule hatte ich Kunst-Leistungskurs und folgerichtig wollte ich nach dem Abitur zunächst Grafikerin werden. Dann habe ich aber doch Kommunikationswissenschaften studiert, mit dem Berufsziel Journalistin – bis mir mein Nebenjob in der Nachrichtenredaktion eines Fernsehsenders gezeigt hat, dass der Arbeitsalltag doch nicht so spannend ist wie ich mir das vorgestellt hatte. Heute denke ich, ich wäre auch eine gute Informatikerin geworden – aber das fand ich mit 19-20 Jahren viel zu uncool, um es ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Mit welcher historischen Persönlichkeit würden Sie sich gerne einmal unterhalten?

Historische Persönlichkeiten interessieren mich weniger, aber ich würde gerne eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit unternehmen, um von ‚einfachen‘ Menschen zu erfahren, wie ihre Lebensläufe damals tatsächlich ausgesehen haben – einfach, weil diese Menschen viel weniger Spuren hinterlassen haben als „Persönlichkeiten“ und wir daher viel weniger über sie wissen.

Reisen und fremde Länder

In welchem Land könnten Sie sich vorstellen zu leben?

Als Jugendliche hatte ich den Traum, nach Alaska auszuwandern, um dort autark in der Wildnis zu leben. Ein Traum wäre das heute auch noch, wenn nur nicht die Bären wären…

Wie verbringen Sie Ihren Urlaub am liebsten?

Auf Skiern im Tiefschnee irgendwo auf der Welt, wo es Berge gibt.

Tugend & Laster

Welchen Charakterzug an anderen Menschen mögen Sie gar nicht?

Elefantengedächtnisse – Menschen, die sich Fehler von anderen jahrelang merken, um sie dann bei Bedarf hervorzukramen.

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?

Dass es meine Freunde sind und ich mich deshalb bei und mit ihnen daheim fühle natürlich. Darüber hinaus: Wenn ich mir alle zusammen ausmale, sind es ihre vielfältigen Lebensentwürfe, Tätigkeiten und Sichtweisen, die mich immer auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn ich drohe, mich im akademischen Elfenbeinturm zu verlaufen.

Lebensmotto & Lebenspraxis

Was ist für Sie Glück?

Auf Skiern im Tiefschnee irgendwo auf der Welt, wo es Berge gibt, unterwegs zu sein.

Reparieren Sie Ihr Fahrrad selbst?

Klar! Ich finde das Motto „Selbst ist die Frau“ ziemlich wichtig. Also bin ich wild entschlossen, noch in diesem Jahr einen Reparaturkurs für Mountainbiker zu machen. Letztes Jahr war ich zwar angemeldet, aber der Kurs fiel leider aus.

Sport, Musik, Kultur

Welche Sportarten mögen Sie (aktiv oder passiv)?

Ich bewege mich sehr gerne in der Natur, nicht nur auf Skiern, sondern auch zu Fuß oder mit dem Mountainbike, weil das ein herrlicher Ausgleich zum Schreibtisch ist. Deshalb freue ich mich auch schon darauf, das Bamberger Umland und die fränkische Schweiz zu entdecken.

Haben Sie einen Lieblingsfilm oder eine Lieblingsfernsehserie?

Ganz eindeutig, die amerikanische Serie „The Wire“. Vordergründig zeigt sie den Alltag von Drogenbanden und Polizisten in der Stadt Baltimore an der Ostküste der USA. Aber das ist nur Kulisse – eigentlich sind die sozialen Gruppen und ihr Zusammenleben in einer de-industrialisierten Stadt das Thema der Serie. „The Wire“ ist daher vermutlich auch die Lieblingsfernsehserie vieler Soziologinnen und Soziologen.

Essen und Trinken

Kochen Sie gerne? Nach welchen Rezepten?

Ich koche liebend gerne zu zweit oder für Freunde, wenn ich Zeit dafür habe. Dann gibt es ganz unterschiedliches Essen aus aller Welt: thailändisch, indisch, japanisch… Besonders köstlich finde ich zurzeit die mediterranen Rezepte von Yotam Ottolenghi.

Ihre liebste Biersorte?

Zurzeit ist das Giesinger Bräu - ich bin halt ein Münchner Kindl. Aber ich werde die Bamberger Biere auf jeden Fall probieren und lasse mich gerne von ihnen umstimmen.

Leben in Bamberg

Was fällt Ihnen im Vergleich zu Ihrer Heimatstadt besonders an Bamberg auf?

Im Vergleich zu München ist Bamberg herrlich kleinräumig. Ich liebe die vielen kleinen Geschäfte und Marktstände mit regionalen Angeboten, die ich fußläufig erreichen kann, und ich genieße es, in fünf Minuten mit dem Fahrrad in den Feldern zu sein.

Haben Sie schon einen Lieblingsplatz oder eine Lieblingslokalität in Bamberg?

Bisher kenne ich mich in Bamberg noch nicht wirklich gut aus, aber ich freue mich jetzt schon auf meinen ersten Besuch auf dem Spezialkeller an einem schönen, warmen Frühlingsabend.

Kurzvita

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