Zwei Doktorväter, ein Titel: Claudia Heß promovierte erfolgreich in einem Cotutelle-Verfahren.

Bildschirmansicht des an der Universität Bamberg entwickelten Mobile Mapping Systems

- Martin Beyer

Zwischen Bamberg und Paris

Claudia Heß promovierte in einem Doppelbetreuungsverfahren

Zu viele Köche können den Brei verderben, aber zwei Doktorväter offensichtlich noch längst keine Dissertation. Claudia Heß wurde neben Christoph Schlieder von einem Professor aus Paris betreut – mit sehr gutem Erfolg.

Eine Schrecksekunde. Ein Wagen der Feuerwehr biegt in die Hofeinfahrt der Staatsbibliothek ein. Es wird doch nicht? Dann aber Entwarnung, also weiter im Gespräch – und weiter in den Rosengarten, der winterlich karg daliegt und nichts von seiner Blütenpracht offenbart. Dr. Clauda Heß besucht noch einmal die Orte in Bamberg, die ihr wichtig sind. Noch einmal, denn in wenigen Tagen wird sie ihre neue Stelle in München antreten und der Stadt an der Regnitz den Rücken kehren. „Wenn die Zeit knapp wird, merkt man erst, wie viel man noch nicht gesehen hat und wie viel man noch machen wollte.“ Die frisch promovierte Kulturinformatikerin ist, mit vielen Unterbrechungen, seit 1999 in Bamberg. Lange genug, um mit einem weinenden Auge nach München zu gehen, auch wenn sich ihre private Situation dadurch merklich entspannt: Sie lebt seit Jahren in einer Fernbeziehung.

Innenstadt und Feki – kein Gegensatz

Welche Orte gibt es noch, die ihr in ihrer Bamberger Zeit wichtig geworden sind? Sie wohnte viele Monate in der Karolinenstraße und ging täglich über die Rathausbrücke zu ihrer Arbeit als Dozentin, zu ihren Studien. „Was für ein schöner Blick, einerseits nach Klein-Venedig, andererseits zur Bischofsmühle“, sagt Heß begeistert. Es ist ein klarer, sonniger Tag, alles wird noch einmal in das rechte Licht gerückt. Noch einmal. Eine andere Station: die Dominikanerkirche, die AULA der Universität. Hier hat Claudia Heß zusammen mit den Denkmalpflegern an der Restaurierung der Wandmalereien gearbeitet. Die Informatiker halfen mit dem am Lehrstuhl für Kulturinformatik entwickelten Mobile Mapping System, das es erlaubt, den Bestand und die Schäden zu kartieren und unterschiedlichen Bildschichten transparent zu machen. Die Zusammenarbeit zwischen Informatikern und Denkmalpflegern, man könnte auch sagen: „zwischen Feki und Innenstadt“, verläuft hier reibungslos. Für Claudia Heß hat diese künstliche Trennung der Fachgebiete deshalb auch keine Bedeutung. „Interdisziplinäres Arbeiten ist für Kulturinformatiker ein wesentliches Kriterium – und das reizt mich ungemein!“ sagt die engagierte Wissenschaftlerin, die ihre Promotion über eine Mitarbeiterstelle am Lehrstuhl finanziert hat.

Es ist wahrscheinlich schwierig, sich in einer solchen Zeit des Um- und Aufbruchs auf das Vergangene zu konzentrieren. Aber wenn Heß anfängt, über ihre Arbeit zu sprechen, merkt man ihre Leidenschaft für die Sache, die sie auch als Dozentin weitergegeben hat. Bei ihrer Promotion gab es eine Besonderheit, die ein Novum für die noch junge Fakultät Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik darstellte: Heß promovierte unter der Betreuung von zwei Doktorvätern und bekommt von zwei Universitäten zusammen den Titel. Neben Prof. Dr. Christoph Schlieder vom Lehrstuhl für Angewandte Informatik in den Kultur-, Geschichts- und Geowissenschaften war Prof. Dr. de Rougemont von der Universität Paris-Sud 11 für Heß zuständig.

Vertrauensnetzwerke

Das Verfahren heißt „Cotutelle de Thèse“ – da es so selten ist, musste erst einmal ein Vertragswerk erarbeitet werden, was einige Zeit in Anspruch nahm. Ein Doktorand wird also von zwei Wissenschaftlern betreut und teilt sich seine Zeit für die Promotion an beiden Universitäten auf. Heß war über ein halbes Jahr lang in Paris, um dort zu forschen und einen weiteren Impuls für ihre Arbeit zu bekommen. Gab es da keine Konflikte? „Natürlich setzten beide Professoren andere Schwerpunkte. Aber meine Arbeit war diesbezüglich klar strukturiert, und es gab keinen Streit“, sagt sie und lächelt.

Heß beschäftigte sich in ihrer Dissertation mit verschiedenen Formen von Netzwerken, vor allem mit Vertrauensnetzwerken. Im Internet gibt es verschiedene Verfahren, um einen User oder ein Dokument zu ranken, etwa bei einer Verkaufsplattformen wie E-Bay oder bei einer Suchmaschine wie Google. Das Ziel war es, den Wert und die Vertrauenswürdigkeit eines Dokuments, etwa eines wissenschaftlichen Aufsatzes, transparenter zu machen und Empfehlungssysteme zu optimieren, zum Beispiel mit Hilfe von personalisierten Empfehlungsverfahren.

Disputation per Videokonferenz

Verteidigen musste Heß ihre Arbeit nur ein Mal, ihr Doktorvater aus Paris war nach Bamberg gereist, ein weiterer Professor aus Paris war per Videokonferenz zugeschaltet sowie ein französischer Gutachter aus Lyon. Es gab also viel zu organisieren und zu koordinieren, aber jetzt ist es geschafft und die Urkunde in der Tasche.

Doch die neue Aufgabe klopft schon an die Tür: Einige Tage bleiben Heß noch, um sich beim Skifahren zu entspannen, dann fängt sie in München bei Inproware ihre neue Stelle an. Die Wissenschaft wird sie nicht vermissen, denn in ihrem neuen Aufgabenbereich bleibt sie mit neuen Forschungsmethoden in Berührung. Aber wahrscheinlich wird sie Bamberg vermissen, das wird auf ihrem Rundgang deutlich: „Der Hain ist natürlich auch ein schöner Fleck. Da werde ich jetzt noch einmal hingehen!“ Noch einmal. Aber das ist ja nie das letzte Mal.

Die Porträt-Reihe „Bamberger Wege“

In loser Folge stellen wir in der neuen Porträtreihe „Bamberger Wege“ neue Professoren und schlaue Köpfe an der Universität Bamberg vor. „Bamberger Wege“ hat eine zweifache Bedeutung: Einmal ist damit der persönliche Werdegang der Person gemeint, seine Ideen und Visionen. Zum anderen geht es tatsächlich um einen Weg durch Bamberg, einen Spaziergang zu den Orten, die für den Interviewpartner persönlich am wichtigsten und schönsten sind.