Die hohe Bedeutung der Multiplikatorenfunktion von Lehrkräften für die kulturelle Bildung spiegelt sich in der Forschung bislang nicht wider. Dem begegnet das Projekt KulturLeBi, indem es einen empirisch fundierten Beitrag zur Lehrerbildungsforschung leisten will und hier insbesondere die kulturbezogene Professionalisierung angehender Lehrkräfte in den Blick nimmt.

Im Projektzusammenhang wird danach gefragt, was angehende Lehrerinnen und Lehrer befähigt, über ihr kulturelles Handeln zu reflektieren und diese Reflexionen für ihr universitäres Lernen und damit auch für den zukünftigen Beruf fruchtbar zu machen.

Ausgehend von einem weiten Kulturbegriff erforscht KulturLeBi vorhandene Kulturaffinitäten von Lehramtsstudierenden und gegenwärtige Lernangebote universitärer Lehrerbildung sowie deren wechselseitige Bezogenheit. Diese sich gegenseitig bedingenden Zusammenhänge prägen die Konzepte von Kultur und kultureller Bildung, die Studierende im Verlauf ihrer universitären Ausbildung erwerben und auf deren Basis sie Bildungsprozesse in der Schule arrangieren. KulturLeBi reduziert kulturelle Bildung dabei nicht auf künstlerische und weitere geistes- wie kulturwissenschaftliche Unterrichtsfächer, sondern denkt sie auch auf übergreifende Dimensionen  von Kultur im schulischen Kontext hin.

Das Vorhaben gliedert sich in drei Teilprojekte:

  • Im ersten Teilprojekt wird nach expliziten und impliziten Kulturverständnissen in Einführungswerken geistes- und kulturwissenschaftlicher Unterrichtsfächer gefragt. Dieses Teilprojekt ist als inhaltsanalytische Studie konzipiert, die Auslegungen von Kultur und kultureller Bildung in fachdidaktischen Diskursen erforscht (Teilprojekt 1).
  • Das zweite Teilprojekt zielt darauf ab, kulturbezogene Aktivitäten und Lernprozesse von Lehramtsstudierenden vor und während der Studienzeit zu beschreiben. Es stützt sich auf quantitative Daten des Nationalen Bildungspanels und bezieht Praktiken und Kontexte kulturellen Handelns Lehramtsstudierender ein (Teilprojekt 2).
  • Im dritten Teilprojekt richtet sich der Fokus auf die professionellen Orientierungen im Kontext kultureller Bildung und ihrer Voraussetzungen. Auf der Grundlage von Gruppendiskussionen und deren dokumentarischer Interpretation werden Dispositionen und Orientierungen, die das Vermittlungshandeln implizit anleiten, rekonstruiert (Teilprojekt 3).

Ziel ist es, Diagnosen zur gegenwärtigen kulturellen Lehrerbildung zu stellen und diesbezügliche Veränderungs- und Implementierungspotenziale zu identifizieren.

KulturLeBi ist ein lehrstuhlübergreifendes Kooperationsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) und dem Projekt WegE (Wegweisende Lehrerbildung – Entwicklung reflexiver Kommunikationsprozesse).

 

Die Teilprojekte im Überblick

Kulturelle Lehrerbildung im Diskurs (KuDis)

Das Teilprojekt 1 will das kulturwissenschaftliche Verständnis zentraler kulturbezogener Unterrichtsfächer empirisch erheben und damit zu einer Klärung ihres Kulturverständnisses beitragen. Konkret soll dieses Anliegen durch eine diskursanalytische Bestandsaufnahme erreicht werden. Es geht darum, geistes- und kulturwissenschaftliche Konzepte zu Kultur und kultureller Bildung zu identifizieren und auf ihren Kulturbegriff sowie auf damit verknüpfte Vorstellungen von kultureller Bildung hin zu analysieren. Damit soll eine bis dato nicht vorliegende Basis für die weiteren Debatten darüber bereitgestellt werden, wie kulturelle Bildung im Horizont von Geistes- und Kulturwissenschaften gedacht und in die von diesen getragenen Kontexte universitärer kultureller Lehrerbildung implementiert wird. Zu diesem Zweck rekonstruiert diese Studie die für das Studium der geistes- und kulturwissenschaftlichen Unterrichtsfächer dominanten Verständnisse kultureller Bildung mittels einer systematisierend-vergleichenden Analyse dazu, wie und in welcher Form Kulturtheorie – und damit verknüpft kulturelle Bildung im weiten Sinn des Begriffs Kultur – in fachwissenschaftlichen sowie fachdidaktischen Kontexten der geistes- und kulturwissenschaftlichen Lehrerbildung zur Geltung gebracht wird. Dazu werden in der universitären Lehrerbildung verwendete Einführungswerke hinsichtlich kulturbezogener Aspekte wissenssoziologisch-diskursanalytisch ausgewertet. Die dabei zur Geltung kommenden Grundlinien, Potenziale und Desiderate leisten einen Beitrag zur Generierung einer geistes- und kulturwissenschaftlich konturierten Theorie kultureller Lehrerbildung, die als Referenzrahmen für die Optimierung universitärer, kulturbezogener Lehrerbildung herangezogen werden kann.

Kulturaffine Erfahrungen und Lernprozesse von Lehramtsstudierenden (KuLern)

Ausgangspunkt dieses Vorhabens ist die geringe Kenntnis über die kulturaffinen Erfahrungen und Lernprozesse von Lehrkräften. Inwieweit verfügen sie aus ihrer bisherigen Sozialisation bereits über kulturelle Erfahrungen und inwieweit können solche Erfahrungen während des Studiums und an der Universität ermöglicht werden? Welche Rolle spielen eigene kreative Schaffensprozesse? Welche Rolle spielt die Rezeption kultureller Äußerungen? Unterscheiden sich Lehramtsstudierende in ihrem kulturellen Profil von anderen Studierendengruppen? Es ist zu prüfen, inwiefern Lehramtsstudierende die Chance haben und ergreifen, die Effekte eigener kulturaffiner Erfahrungen und Lernprozesse zu reflektieren und hinsichtlich pädagogischer Kompetenzen zu verwerten, und wie unter solchen Bedingungen die eigene kulturelle Praxis und das eigene kulturelle Lernen in eine professionelle Praxis als Lehrkraft überführt werden. Eine Auswertung von Daten im Hinblick auf die spezifische Situation von Lehramtsstudierenden liegt bisher nicht vor. Die Analysen dieses Teilprojekts lassen mehr Klarheit bezüglich der Voraussetzungen kultureller Lehrerbildung erwarten.

Kulturbezogene professionelle Orientierungen von Lehramtsstudierenden (KulOr)

Kompetenzen im Bereich der kulturellen Bildung beruhen auf kognitiven, instrumentellen, volitionalen und motivationalen Aspekten sowie auf Werten und Normen der handelnden Personen. Wie das Verhältnis zwischen diesen Aspekten aussieht und wie sich diese Aspekte untereinander bedingen, ist weitgehend ungeklärt. Es ist zudem unerforscht, wie diese Dispositionen im Studium vertieft und in eine schulbezogene Professionalität überführt werden. Basierend auf der dokumentarischen Methode nach Ralf Bohnsack sollen in diesem Vorhaben professionsbedingende kulturbezogene Handlungskompetenzen als implizites Wissen rekonstruiert werden. Das Vorhaben baut auf den bisherigen Ergebnissen qualitativer Kompetenzforschung auf und führt diese für die kulturelle Bildung weiter. Da die Untersuchung Studierende in unterschiedlichen didaktischen Settings einbezieht, können im Anschluss an die Beschreibung der Orientierungen Hypothesen zu den Zusammenhängen zwischen didaktischen Settings und kulturbezogenen professionellen Orientierungen (und in diesem Sinne zu Gelingensbedingungen kultureller Bildung) generiert werden.