Pascal Fischer

Neuen Gedanken offen begegnen

Gestatten, Pascal Fischer, Kulturwissenschaftler!

Pascal Fischer ist leidenschaftlicher Ski- und Snowboardfahrer, trinkt gerne trockenen Weißwein – und ist doch nicht Berufspolitiker, sondern Professor für Anglistische und Amerikanistische Kulturwissenschaft geworden. Im Interview verrät er unter anderem, was er an seinem Fach besonders schätzt.

Akademisches Leitbild

Worin besteht Ihr Selbstverständnis als Professor?

Zunächst einmal fühlt es sich für mich noch etwas merkwürdig an, als Professor tituliert zu werden. Schließlich ist das Bild des Professors zum Teil ja doch durch traditionelle Darstellungen von Altehrwürdigkeit geprägt, mit denen ich mich nicht recht identifizieren will. Es kommt mir entgegen, dass in den Bamberger Geisteswissenschaften Hierarchiedenken und Standesdünkel unter der Professorenschaft nicht verbreitet sind.

Von Anfang meiner akademischen Laufbahn an haben mich immer diejenigen Professorinnen und Professoren am meisten fasziniert, die gleichermaßen Begeisterung für das Forschen und Lehren wie das Lernen gezeigt haben, deren Bestreben es also nicht allein war, Wissen hervorzubringen und zu vermitteln, sondern neuen Gedanken mit großer Offenheit zu begegnen. Wo akademische Forschung und Lehre als Austausch von Ideen und gemeinsames Ringen um Lösungen angesehen werden, treten hierarchische Strukturen in den Hintergrund. Einem solchen Leitbild des Professors möchte ich mich gerne verpflichten.

Warum sollte man heute Ihr Fach studieren?

Da sich die englische und amerikanische Kulturwissenschaft ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen der Kulturen englischsprachiger Länder widmet, sind die Konturen der Disziplin auf den ersten Blick nicht einfach zu erkennen. Geeint wird das Fach durch ein Interesse an persönlichen und kollektiven Identitäten sowie an kulturell verankerten Machtrelationen. Dabei werden Fragen berührt, die in allen transkulturellen Gesellschaften von immenser Wichtigkeit sind. Indem ein kulturwissenschaftliches Studium dazu anleitet, soziale Phänomene in ihren kulturellen Kontexten zu verstehen, vermittelt es Kompetenzen, die für zukünftige Entscheidungsträger in Wirtschaft und Gesellschaft wesentlich sind.

Dass die anglophonen Länder weltweit einen starken kulturellen Einfluss ausüben, ist fast zu trivial, um eigens betont zu werden. Die neueren Abgesänge auf die kulturelle Dominanz des anglo-amerikanischen Kulturraums werden sich als genauso falsch herausstellen wie frühere. Ich bin vielmehr überzeugt, dass ein Studium der englischen und amerikanischen Kultur auch ein Studium wichtiger Zukunftsströmungen ist.

Haben Sie ein besonders wichtiges / schönes / spannendes Forschungsprojekt, über das Sie gerne berichten möchten?

Bei den Begriffen „wichtig“, „schön“ und „spannend“ (in Kombination!) muss ich folgendes Forschungsprojekt erwähnen: Vor ein paar Semestern habe ich begonnen, mich in den Bereich der Medical Humanities einzuarbeiten. Unter diesem Begriff werden im anglo-amerikanischen Raum – und nun auch verstärkt hierzulande – Bestrebungen zusammengefasst, künstlerische, musische und vor allem literarische Kreativität für die ärztliche Ausbildung und Praxis nutzbar zu machen.

So wird zum Beispiel davon ausgegangen, dass sich Ärzte durch die Lektüre geeigneter literarischer Texte intensiver mit ethischen Problemen auseinandersetzen oder die Krankheitserfahrungen ihrer Patienten besser nachvollziehen können. Wenngleich in diesem interdisziplinären Forschungsfeld weitgehend Einigkeit besteht, dass Kunst und Literatur eine positive Funktion erfüllen können, sind die dabei ablaufenden Mechanismen noch im Einzelnen zu erforschen. Hierzu möchte ich einen Beitrag leisten.

Rund ums Studieren

Was sehen Sie als den größten Unterschied zwischen Ihrer Studienzeit und der heutigen Situation der Studierenden?

Als ich angefangen habe zu studieren, waren zwar die Gummistiefel auch nicht mehr aus Holz, wir lernten aber erst einmal, wie man die großen Zettelkataloge in der Bibliothek bedient und wie man einen Fernleihschein per Schreibmaschine ausfüllt. Die Informationsbeschaffung für Referate und Hausarbeiten war folglich eine weit größere Herausforderung als heute. Dafür ist im Internetzeitalter der adäquate Umgang mit den Quellen kein bisschen leichter geworden. Die Universität ist ganz im Gegenteil noch stärker als früher gefragt, ein kritisches Bewusstsein in der Auseinandersetzung mit der Informationsflut zu fördern.

Wie haben Sie zu Studienzeiten gewohnt?

Die meiste Zeit habe ich mit Freunden in einer WG gewohnt. Die „Männer-WG“ war damals schon eine stereotypenbehaftete Lebensform – und wir haben uns nach Kräften bemüht, den Stereotypen zu entsprechen beziehungsweise sie ironisch zu brechen. Wer den Putzplan auch nur einigermaßen erfüllte, wurde umgehend zum „Mitbewohner des Monats“ ernannt und durch ein Porträtfoto auf der Pinnwand geehrt.

Was wäre wenn …

Welche Berufe wären für Sie noch in Frage gekommen und warum?

Ich hätte mir durchaus vorstellen können, Berufspolitiker zu werden. Ich bin ein sehr politischer Mensch und halte es für wichtig, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Auf der anderen Seite muss man für diesen Karriereweg auch bereit sein, sich immer wieder zu verbiegen. Da bietet eine Professur doch größere Freiheiten. Alles gut, wie es ist.

Mit welcher historischen Persönlichkeit würden Sie sich gerne einmal unterhalten?

Die Kulturwissenschaften lenken ja häufig den Blick weg von den „historischen Persönlichkeiten“, die vermeintlich die Geschicke der Welt alleine bestimmten, und fragen nach den Auffassungen der „kleinen Leute“. Ich würde mich gerne mit dem einfachen schwäbischen Schreiner Georg Elser unterhalten, der 1939 versucht hat, Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller zu töten. Wie hast du diese gewaltige Entscheidung zum Attentat getroffen und was hat dir bei der Ausführung deines Planes Kraft gegeben?

Reisen und fremde Länder

In welchem Land könnten Sie sich vorstellen zu leben?

Natürlich könnte ich mir vorstellen, in den USA zu leben. Am besten irgendwo, wo es ordentliche Berge gibt.

Wie verbringen Sie Ihren Urlaub am liebsten?

Festgeschnallt auf Ski oder Snowboard.

Tugend & Laster

Welchen Charakterzug an anderen Menschen mögen Sie gar nicht?

Achtlosigkeit im Umgang mit anderen Menschen. Oft ist es ja nicht die Bosheit, die uns verzweifeln lässt, sondern die ganz banale Gleichgültigkeit. 

Welchen Charakterzug an anderen Menschen schätzen Sie besonders?

Ein weites Spektrum von Zuverlässigkeit bis Begeisterungsfähigkeit.

Lebensmotto & Lebenspraxis

Haben Sie ein Lebensmotto?

Es gibt da ein paar wundervolle Sprüche aus dem Buch Kohelet, die mir in Phasen großer Herausforderungen geholfen haben, nicht aufzugeben (z.B. Koh 11.6). Ähnlich treffend hat das nur der große deutsche Philosoph Oliver Kahn ausgedrückt: „Weiter, weiter, weiter!“

Haben Sie eine Lieblingsbeschäftigung jenseits von Forschung und Lehre?

Intensiv Zeit mit der Familie verbringen.

Sport, Musik, Kultur

Welche Sportarten mögen Sie (aktiv oder passiv)?

Ski und Snowboard überragen alles, aber ich spiele auch gerne Fußball und gehe schwimmen.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Manche Romane, mit denen ich mich im Laufe der Jahre immer wieder beschäftigt habe, üben schon aufgrund ihrer narrativen Komplexität eine anhaltende Faszination auf mich aus, vor allem die der Modernisten. Die größten „Lieblinge“ finden sich aber in der Lyrik: Gedichte von John Donne, William Wordsworth, T.S. Eliot und anderen.

Essen und Trinken

Haben Sie ein Lieblingsgericht?

In den letzten Jahren fühle ich mich immer mehr zu Fisch hingezogen. Und weil so das Hauptgericht nicht so üppig ausfällt, darf’s gerne noch eine große Nachspeise sein.

Was trinken Sie am liebsten?

Als gebürtiger Unterfranke schätze ich natürlich einen trockenen Weißwein. Gegen ein gutes Bier habe ich aber auch nichts einzuwenden. Ich habe also in Bamberg keine Probleme.

Leben in Bamberg

Was schätzen Sie an Bamberg?

Wenn ich abends durch die Gassen gehe, bin ich von der Schönheit dieser Stadt geradezu überwältigt. Es gibt keine Woche, in der ich mir nicht bewusst mache, welch ein Privileg es ist, hier arbeiten zu dürfen!

In welchem Zusammenhang ist Ihnen Bamberg das erste Mal aufgefallen?

Ich bin das erste Mal als Student nach Bamberg gefahren, um in der Universitätsbibliothek ein Buch für eine Hausarbeit einzusehen, das in Würzburg nicht vorhanden war. Im Laufe der Jahre habe ich manchmal gedacht, dass ich da wohl etwas übereifrig war, denn die Hausarbeit hätte ich auch ohne dieses Buch schreiben können. Letztendlich war es aber vielleicht diese Hartnäckigkeit, die mich jetzt nach Bamberg auf eine Professur gebracht hat.

Kurzvita

www.uni-bamberg.de/anglistik/professur-fuer-anglistische-und-amerikanistische-kulturwissenschaft/personen/prof-dr-pascal-fischer/akademischer-werdegang/