Wo Historisches digital wird
von Moritz Mertel

Ein Samstagmittag im Januar, der Himmel ist grau, Schneeflocken schweben durch die Luft. Auf dem Platz zwischen dem Bamberger Dom und der Neuen Residenz weht ein beißender Wind. Nach Passieren des großen Holztores und der gläsernen Pforte steht der Besucher in der Eingangshalle der Staatsbibliothek Bamberg. Seit 1965 ist diese im Ostflügel und in Teilen des Hauptflügels der Neuen Residenz untergebracht. Hier ist es hell und angenehm warm. Vom Eingangsbereich ausgehend, an der Information vorbei, gelangt man in den Lesesaal der Staatsbibliothek. Dieser ist der einzige immer öffentlich zugängliche Raum der Bibliothek. Auch hier findet man sich in einer freundlichen Atmosphäre wieder: In Bücherregalen aus warmem, dunklem Holz stehen die am häufigsten nachgefragte Bücher, Nachschlagewerke und Zeitschriften bereit. Dazwischen laden Tische mit Leseleuchten zum Lesen und Arbeiten ein.

Im Keller trifft Altes auf Neues
Rechts am Lesesaal vorbei führt die Eingangshalle in den Ostflügel der Neuen Residenz und der Besucher steht nach einigen Metern vor einer kleinen unscheinbaren Türe im Eck eines kalten Treppenhauses.
„Vorsicht, Kopf einziehen“, sagt Gerald Raab, als er die ausgetretenen Stufen der schmalen Treppe hinter der Türe hinabsteigt, „früher war dies der Dienstboteneingang.“ Im Keller des Ostflügels versteckt liegt das Reich von Raab: das Fotostudio der Staatsbibliothek. Dieses ist nicht einmal während regulärer Bibliotheksführungen zugänglich, sondern kann nur auf Anfrage besucht werden.
Raab ist seit 1998 in der Staatsbibliothek beschäftigt und als Fotograf für die Digitalisierung des Bestandes der Bibliothek verantwortlich. Seine Arbeit lässt sich ganz einfach beschreiben: Er fotografiert analoge Bücher und Grafiken, digitalisiert sie also. Die Endprodukte der Digitalisierung werden in der Fachsprache Digitalisate genannt. Sie reichen vom Umfang der Einzelaufnahme einer Postkarte bis hin zu einer Fotoserie eines kompletten Buches.
Digitalisierung ist mehr als "nur Fotos machen"
Sollte der Besucher auf die Idee kommen, diese Arbeit könne er mit seinem Smartphone ebenfalls erledigen, wird er vermutlich enttäuscht werden. Denn hinter dieser fast schon banal klingenden Arbeit versteckt sich ein System aus ausgeklügelten Abläufen, Tricks, Kniffen und technischen Gerätschaften im Wert eines Kleinwagens. Das Hauptanliegen der Digitalisierung ist, die originalen Werke besser zugänglich zu machen und für die Nachwelt zu bewahren. Laut Raab ist es aber auch immer das Ziel, das beste Ergebnis für die Forschung zu erhalten, sozusagen das beste Foto zu schießen. Dazu braucht es neben hochwertiger Technik auch einiges an Erfahrung und eine gewisse Kreativität.

Raab erinnert sich, dass früher Auftragsarbeiten einen großen Teil seiner Arbeit ausmachten. Inzwischen aber betreibt er auch eigene Recherchen und sucht Stücke für eine systematische Digitalisierung heraus. Bei dieser geht es darum, den Bibliotheksbestand geordnet und tiefer zu erschließen: Zum Beispiel durch das Hinzufügen von Vermerken, dass eine bestimmte Postkarte die Sandstraße zu einem bestimmten Jahr abbildet.
Bei einer bedarfsorientierten Digitalisierung hingegen, werden nur einzelne Stücke digitalisiert. Dies kann zum Beispiel bei Auftragsarbeiten der Fall sein. Aktuell arbeitet Gerald Raab an der Digitalisierung von Grafiken für ein Buchprojekt über den Bamberger Arzt Johann Lukas Schönlein.
Wie lange denn die vollständige Digitalisierung eines Buches dauert? „Das kommt ganz darauf an, in welchem Zustand das Buch ist, wie groß es ist und aus welchem Material es besteht“, sagt der Fotograf. Als Beispiel nennt er ein Buch mit 200 Seiten und meint, dafür brauche er ungefähr einen Tag, vorausgesetzt, alles laufe nach Plan.
Anhand eines Buches aus der Bamberger Dombibliothek aus dem 14. Jahrhundert zeigt Raab, wie er bei der Digitalisierung eines historischen Werkes vorgeht. Dieses befindet sich laut dem Fotografen in einem guten Zustand. „Beim Zustand kommt es aber nicht nur auf eine gute Lagerung, sondern auch auf das Material an“, erklärt Raab. So ist das verwendete Pergament ein äußert robustes Material. Auch die Qualität des Buchdeckels und der verwendeten Tinte ist wichtig.
Zu Beginn der Digitalisierung begutachtet Raab jedes Buch genauer. Bei der sogenannten „Autopsie“ prüft er den Öffnungswinkel, also wie weit sich das Buch aufschlagen lässt, misst die Breite der Seitenränder und schaut sich das Material und die Buchmalerei an. Dann legt er fest, welchen Ausschnittrahmen er benötigt. Außerdem stellt er die genaue Beleuchtung ein, zum Beispiel die Lichtfarbe, die Helligkeit und den Beleuchtungswinkel. Zudem kümmert er sich um mögliche Materialprobleme und Umwelteinflüsse, beispielsweise durch brüchiges Leder.
Dann beginnt Raab mit der Aufnahme des Einbandes und führt bei den ersten Seiten vor, wie er nach und nach die einzelnen Buchseiten abfotografiert. Dabei erklärt er, dass er im Normalfall nach jeder fünften Seite überprüft, ob das Buch noch im festgelegten Bildbereich liegt.
Am Computer kontrolliert er die Aufnahmen und führt die jeweiligen linken und rechten Seiten zusammen. Sind einzelne Aufnahmen noch nicht so wie von ihm gewünscht, fotografiert er diese noch einmal nach. Ebenfalls digital bearbeitet er die Bilder nach.
Bei der Digitalisierung ist Kreativität gefragt
Oft, erzählt Gerald Raab, gibt es auch ganz einfache Mittel, um ein besseres Ergebnis zu erzielen. Dazu müsse man lediglich ein bisschen kreativ sein. Beispielsweise sei bei der Buchfotografie häufig das Problem, dass die Buchseiten durch die Bindung in der Mitte gewölbt seien. Diese Wölbung ist dann auch auf dem Foto sichtbar. Um dies zu vermeiden, verfügt der Arbeitstisch von Raab über eine neigungsverstellbare Platte und eine Vorrichtung zum Ansaugen der Buchseite, damit diese für das Abfotografieren eben liegt. Ein weiteres Problem trete auf, wenn beim Einband oder bei der Buchmalerei Gold verwendet wurde. „Denn Gold leuchtet selbst nicht. Daher muss man mit Licht nachhelfen“, sagt der Fotograf und schaltet ein weiteres Leuchtpanel hinzu. Durch das zusätzliche Licht werden mehr Details sichtbar.
Bei diesen Feineinstellungen und Tricks wird schnell klar, warum neben guter Technik auch Erfahrung und Kreativität bei Raabs Arbeit sehr wichtig sind.
Durch die hohe Qualität der Digitalisierung mittels Farbfotografie können, wie Raab berichtet, immer besser Details erkennbar gemacht werden. Beispielsweise ermögliche diese heute Forschern den Schriftrhythmus des Schreibers zu untersuchen, also in welchen wiederkehrenden Abständen dieser seine Schreibfeder in die Tinte getaucht hat.
Auf die Frage, was Gerald Raab besonders faszinierend an seiner Arbeit findet, antwortet der Fotograf, immer wieder werde sichtbar, über welches große handwerkliche Wissen und welches Können die Menschen im Mittelalter verfügten. Teilweise könne diese Qualität heute gar nicht mehr reproduziert werden. Sein Fazit ist daher: Man sollte dem damaligen Handwerk und Wissen Respekt entgegenbringen.
