"Dann denk ich manchmal: Cool, dass ich noch da bin"

‚Medical gaslighting‘ gegenüber Frauen – wenn Symptome nicht ernst- und Krankheiten nicht wahrgenommen werden

von Ines Fleig

„So schlimm wird es schon nicht sein.“ 

„Sie machen das doch nur für ein bisschen Aufmerksamkeit.“ 

„Sie sehen viel zu gut aus, um chronisch krank zu sein, genießen Sie doch einfach Ihr Leben.“

Aussagen wie diese spiegeln die Realität vieler Patientinnen wieder, die ärztlichen Rat suchen. Eine repräsentative Umfrage von YouGov und Doctolib aus dem Jahr 2025 zeigt, dass mindestens jede dritte Frau bereits mit Formen von ‚medical gaslighting‘ konfrontiert wurde.

Eine der betroffenen Frauen ist die 38-jährige Marlene. Sie erzählt, dass sie schon in ihrer Kindheit mit immer wiederkehrenden Blasenentzündungen zu kämpfen hatte. Damals habe sich niemand erklären können, wo diese herkamen und keine Therapie hätte angeschlagen. Sowohl von ihren Eltern als auch von ÄrztInnen wäre ihr das Gefühl vermittelt worden, sie selbst sei schuld und mache etwas falsch, andere hätten diese Probleme ja nicht. Mit zunehmendem Alter seien auch die Schmerzen schlimmer geworden, erinnert sie sich: starke Menstruationsschmerzen, Schmerzen im Rücken und in den Beinen. „Irgendwann hatte ich das Gefühl, mein Körper kämpft gegen mich“, erzählt sie mit belegter Stimme.

Medical Gaslighting

= Nichternstnehmen von PatientInnen und Anzweifeln/Herunterspielen ihrer Symptome

  • basiert auf hierarchischen Machtbeziehungen.
  • führt zu Fehldeutungen und -diagnosen
  • Krankheiten werden häufig fälschlicherweise als psychosomatisch eingestuft
  • nicht nur Frauen sind betroffen!
  • häufige Gründe sind außerdem:
    • Migrationshintergrund
    • soziale Klasse
    • Alter 

Quelle:

Endloser Leidensweg?

Marlene suchte weiter nach Antworten. Sie fuhr teilweise mehr als 800 Kilometer zu Expertinnen und Experten. Immer mit dem gleichen Ergebnis der Ärztinnen und Ärzte: „Es kann nichts gefunden werden, dann bleibt ja nur noch die Psyche.“ Ihren unauffälligen Blutwerten, die schwarz auf weiß aus dem Labor kamen, sei mehr Glauben geschenkt worden als ihren Aussagen. Marlene habe mehr und mehr das Vertrauen in Ärztinnen und Ärzten und ihr eigenes Bauchgefühl verloren. Sie erzählt mit erstickter Stimme, wie sie immer wieder die Hoffnung auf die richtige Diagnose aufgab. „Irgendwann hab‘ ich gemeint, okay dieser eine Arzt, das ist der letzte Versuch und wenn der auch sagt, ich bilde mir das ein, dann hör ich auf. Dann kann ich nicht mehr. Und wenn ich dann die Schmerzen nicht mehr aushalte, dann muss ich mir halt das Leben nehmen.“

Eine Diagnose – eine Erleichterung?

Nach jahrelangem Misserfolg erhielt Marlene schließlich mit 35 ihre Diagnose: Gefäßkompressionssyndrom. Eine Erkrankung, die besonders in Deutschland noch sehr unbekannt ist. Es stellte sich heraus, dass Marlenes Becken- und Nierenvene abgedrückt werden, sodass sich Blut staut und in ihrem Beckenbereich Krampfadern entstehen, woraus die starken Schmerzen und Blasenentzündungen folgen. 

Doch auch mit dieser Diagnose kam ihre Suche nicht zu einem Ende: „Da hab‘ ich gedacht, cool, jetzt hab ich hier eine schwarz auf weiß Diagnose. Dann war ich bei der Hausärztin und dann sagt die, das gibt es gar nicht.“ Bei der Erinnerung treten Marlene Tränen in die Augen.

Restless-Legs-Syndrome

  • neurologische Erkrankung
  • Ursache bisher unbekannt
  • Symptome
    • unkontrollierbarer Bewegungsdrang
    • Kribbeln/Ziehen in den Beinen/Armen
    • Druck-/Spannungsgefühl
  • Die Symptome treten besonders dann auf, wenn Erkrankte zu Ruhe kommen, wodurch keine Erholung stattfindet.
  • kann zu großer Erschöpfung, bis hin zu Fatigue, führen

Quelle:

Nur ein Einzelfall?

Auch die 35-jährige Andrea* berichtet von ähnlichen Erfahrungen, Fehldiagnosen und psychosomatischer Einstufung ihrer körperlichen Symptome. Als sie mit 30 Jahren ihre Restless-Legs-Syndrom-Diagnose bekommt, haben sich ihre Schmerzen bereits chronifiziert. Durch die Krankheit entwickelte sie eine Fatigue (Erschöpfungssyndrom) und erhielt einen Schwerbehindertengrad. Sie ist heute, genauso wie Marlene, erwerbstätigkeitsunfähig. „Ich könnte heute ganz wo anders sein, wenn diese Erschöpfungszustände nicht wären. Das tut schon weh“, erzählt Andrea mit brüchiger Stimme.

Zu den körperlichen und psychischen Folgen kämen noch weitere Herausforderungen hinzu. Viele Therapien würden zwar helfen, jedoch nicht von der Krankenkasse übernommen werden, erklärt Marlene: „Während andere vielleicht in den Urlaub fahren, habe ich mein ganzes Geld in Nahrungsergänzungsmittel gesteckt.“ 

Beide Frauen sind heute auf Grundsicherung angewiesen. Marlene musste ihre eigene Werbeagentur aufgeben und Andrea war es aufgrund einer fehlenden Diagnose und eines fehlenden Nachteilsausgleichs nie möglich, eine Ausbildung abzuschließen.

Wie kann es dazu kommen? 

Dr. Lotte Habermann-Horstmeier, Medizinerin, Gesundheitswissenschaftlerin und Leiterin des Villingen-Institutes of Public Health (VIPH), erklärt, dass reaktive psychische Beschwerden wie Depressionen oder auch körperliche Folgen wie die Fatigue meist durch die körperlichen Erkrankungen ausgelöst würden und eben nicht, wie bei Marlene und Andrea fälschlicherweise diagnostiziert, die Ursache für ihren Zustand seien. Sie verdeutlicht zudem, wie sich ‚medical gaslighting‘ gegenüber Frauen geschichtlich entwickelt hat: „Vor allem ab dem 19. Jahrhundert festigte sich die Rolle der Frau für Haus und Herd und diese Rolle beinhaltet Unmündigkeit.“

Auch Kulturanthropologin Junior-Professorin Dr. Barbara Wittmann von der Bamberger Universität stellt klar, dass ‚medical gaslighting‘ nicht zwingend auf bösem Willen basiere, sondern auf dem Nicht-Hinterfragen von kulturell über Jahrhunderte erlernten Sichtweisen in der Gesellschaft. Auch wenn Hysterie seit mehr als 70 Jahren offiziell nicht mehr als Krankheit gelte, halte sich noch immer die Zuschreibung „Frauen sind das ‚hysterische‘ Geschlecht“. 

Was kann verändert werden?

Dass sich an der gesamten Situation etwas ändern muss, sagen sowohl die Betroffenen als auch die Expertinnen. Allerdings kann man nicht nur darauf hoffen, dass diese „alten Ideen irgendwann aussterben“, bemerkt Lotte Habermann-Horstmeier. Ärztinnen und Ärzte könnten sich nicht einfach länger Zeit für die Anamnese ihre Patientinnen und Patienten nehmen, da hierfür die ökonomische Situation nicht gegeben sei. Denn besonders diese Gespräche würden sehr schlecht bezahlt, und darum möglichst kurzgehalten.

Barbara Wittmann verdeutlicht, dass Gendermedizin stärker in die Forschung und Ausbildung von medizinischem Fachpersonal mit einbezogen werden müsse. Momentan würden gendersensible Inhalte in der medizinischen Ausbildung nur minimal thematisiert und auch nur wenig praktiziert werden. 

Damit könnte man auch Stimmen entgegenwirken, welche ‚medical gaslighting‘ ablehnen, führt sie weiter aus. Einzelpersonen würden hier auf die Objektivität und naturwissenschaftliche Eindeutigkeit der Medizin verweisen.

Barbara Wittmann betont in diesem Zusammenhang noch einmal, dass ‚medical gaslighting‘ wissenschaftlich fundiert sei und sich besonders anhand der Sterberaten aus der Kardiologie belegen lasse. Ein Herzinfarkt bleibe aufgrund geschlechtsspezifischer Symptomunterschiede bei Frauen häufiger unerkannt, was zu einer höheren Sterblichkeit führe.

Um die Situation für Patientinnen zu verbessern, bräuchte es vor allem ein Umdenken in der Politik, verdeutlicht Medizinjournalistin Miriam Funk in ihrem Buch „Frauenkörper ticken anders“. Denn es müssten auch die Rahmenbedingungen geschaffen werden, um gendersensible Forschung zu fördern und eine angemessene Repräsentation aller Geschlechter in der Medizin zu verankern. Davon würden nicht nur Frauen profitieren, sondern alle Menschen. Durch das Aufbrechen traditioneller Konzepte und festgesetzter Geschlechterstereotype könnten zukünftig schnellere und spezifischere Diagnosen erfolgen. 

Auf diese Veränderungen hoffen auch Betroffene wie Marlene und Andrea und wünschen sich für die Zukunft, dass niemand mehr den gleichen Weg gehen muss wie sie.

 

*Name von der Redaktion geändert