„Ich habe mein Leben in diesen Kasten gefüttert. Euro für Euro.“

Wenn das Glücksspiel zur Existenzfalle wird

von Felix Steinrichter

Triggerwarnung: Dieser Text behandelt das Thema Glücksspielsucht und deren Folgen. Vor allem werden das Suchtverhalten, finanzielle Probleme und die sozialen Folgen für Betroffene beschrieben. Die Inhalte können für manche Menschen belastend oder triggernd sein.

Thomas K.* muss heute erneut Überstunden machen. Und das, obwohl sein Chef ihn erst vergangene Woche länger hat arbeiten lassen. Also sieht Thomas seine Familie an diesem Abend erst gegen 23 Uhr. Das ist für seine Frau Kerstin K. aber halb so schlimm. Sie weiß ja, dass Thomas nur seiner Familie helfen will, um dieses Jahr nach langer Zeit endlich wieder in den Sommerurlaub fliegen zu können. Ihre kleine Tochter Maja wünscht sich nichts mehr, als ans Meer zu kommen. Nach Italien oder Spanien vielleicht. Und Thomas macht eben alles, um ihr diesen Traum zu ermöglichen.

Zumindest denkt das seine Frau. In Wahrheit macht der Familienvater keine Überstunden, auch vergangene Woche nicht. Thomas braucht nur eine Ausrede, um in Ruhe seinem Lieblingshobby nachzugehen: dem Spielen am Automaten. Denn „hier drin ist die Welt einfach. Hier musst du nicht der Familienvater sein, der sich um die Rechnungen sorgt“, meint er. 

560.000 Einzelschicksale: Glücksspiel als zentraler Lebensinhalt

Thomas K. kein Einzelfall: Laut einem Kurzbericht des Münchner Instituts für Therapieforschung zeigen etwa 560.000 Menschen in Bayern ein riskantes Glücksspielverhalten. Hinzu kommen 220.000 Personen, die unter einer Störung durch Glücksspiel leiden.

Doch warum brauchen so viele Menschen die blinkenden Geldschlucker in ihrem Leben? Eine Antwort kann Felicitas Pauly, Sozialpädagogin in der Suchtberatung des SkF e.V. in Bamberg, geben: Glücksspielsucht hat verschiedene Gründe. Viele der Betroffenen, mit denen sie es zu tun hat, sprechen von einer Vereinnahmung von Glücksspielen. Der Automat bestimmt demnach immer „mehr den Alltag und wird somit zunehmend zum zentralen Lebensinhalt“, schildert die Beraterin, was sie aus ihren Gesprächen mit Betroffenen weiß. Bei immer höheren Einsätzen werde auch die Toleranz größer, da Menschen mit einer Glücksspielstörung den „Kick“ bei kleinen Beträgen nicht mehr spürten, erklärt Pauly. 

Rausch ohne Substanz

Felicitas Pauly beschreibt, dass beim Spielen im Gehirn Dopamin und Serotonin ausgeschüttet werden. Durch diese Glücks- und Belohnungshormone entsteht im Gehirn eine Art Rauschzustand, der – ähnlich wie bei anderen Stoffen – süchtig machen kann. „Das Gehirn sucht immer wieder nach der Dopaminausschüttung, daher möchte das Belohnungssystem immer wieder aktiviert werden. Die Belohnungsreaktion überschreibt die rationale Risikobewertung. Das führt dazu, dass Betroffene weiterspielen, selbst wenn sie verlieren“, erläutert Pauly weiter. Dabei führen Gewinne oft zu diesem „Belohnungsgefühl“, welches selbst bei kleinen Beträgen angesprochen wird. Auch Fast-Gewinne wie zwei richtige Symbole und ein drittes, das knapp daneben liegt, regen dieses Gefühl an. Irgendwann werde dann nicht mehr allein aufgrund des „Kicks“ oder des Gefühls gespielt, sondern nur noch, um finanzielle Probleme lösen zu können, fügt Pauly hinzu. Doch die großen Gewinne blieben fast immer aus. 

Für Menschen mit Glücksspielstörung:

Telefonnummer SkF Suchtberatung Bamberg: 0951 / 86 85 51; E-Mail: suchtberatung.ba@skf-bamberg.de

Bundesweite Telefonberatung: 0800 - 137 27 00 (kostenlos, anonym)

DigiSucht:www.suchtberatung.digital.

Krisendienst: Tel.: 0800 / 655 3000, Internetseite: krisendienste.bayern/oberfranken/

OASIS-Systemsperre: Sperrungsantrag: hessendante.hessen.de/forms/findform.

Gamban beim Problemen mit Online-Glücksspielen: gamban.com.

PlayOff-App Glücksspielverhalten: www.verspiel-nicht-dein-leben.de/playoff.

 

Besonders für Angehörige

Angehörige können sich ebenfalls an die Glücksspielberatung wenden und genauso auch unter den oben genannten Adressen Hilfe suchen. Hier sind zusätzlich noch zwei gesonderte Seiten für Angehörige von Menschen mit Glücksspielstörung:

verspiel-nicht-mein-leben.de.

gamblerkid.com.

„Meine Frau hat jahrelang einen Fremden geliebt“

Suchtberaterin Pauly berichtet von Menschen mit bis zu 180.000 Euro Schulden, mit denen sie zu tun hatte. Auch bei Thomas sah das ähnlich aus: „Ich habe nicht nur mein Gehalt verspielt, sondern auch die Träume meiner Tochter“, erzählt er. Bevor er sich professionelle Hilfe suchte, waren bereits 40.000 Euro weg, schätzt Thomas heute. Eine riesige Summe, wenn man bedenkt, dass er und seine Frau zusammen damals knapp 4.000 Euro pro Monat verdient haben. Um weiterspielen zu können, lieh sich Thomas Geld von seinen Eltern. Er nahm sogar einen Kredit auf, als das Monatsgehalt bereits verspielt war. Alles, um nur immer tiefer in die Schulden zu rutschen. Er erzählte niemandem davon, log und fing selbst die Briefe der Bank ab, bevor seine Frau diese entdecken konnte. Doch irgendwann entdeckte sie ein Schreiben und der Schwindel flog auf. Thomas wünschte sich damals, seine Gattin hätte ihn angeschrien, aber sie blieb still. Er erzählt heute, dass er die ganze Nacht lang geweint und sich ersehnt habe, er hätte nie angefangen. „Das Schlimmste ist nicht das verlorene Geld, sondern der Blick meiner Frau, als sie merkte, dass sie jahrelang einen Fremden geliebt hat.“ 

Die Spielautomaten hatte seine Familie zerstört – und ihn gleich mit. Auch Felicitas Pauly von der Suchtberatung schildert, wie Angehörige immer wieder mit Schuldgefühlen kämpfen, da sie oft lange Zeit nichts von alldem mitbekämen. Doch die Lügen seien oft bereits so gut, dass gar nicht die Chance bleibe, die Gefahr der Spielsucht zu erkennen. Sobald das Geheimnis dann herauskomme, sei dies ein großer Vertrauensbruch für Freunde und Familie. So wie es auch bei Thomas K. der Fall gewesen ist.

Beratung ist ein großer Schritt

Für den Weg aus der Sucht sei „mit Beratung oftmals schon ein riesiger Schritt getan, der sehr viel Überwindung kostet“, erklärt Pauly. Ein Gespräch zur ersten Entlastung sei hilfreich, weil sich die betroffene Person überhaupt erstmals jemandem anderem anvertraue. Langfristig verändere sich aber nichts, wenn die Betroffenen nicht bereit seien, sich zu öffnen. Menschen mit einer Glücksspielstörung könnten die Beratung jedoch für sich nutzen, um sich mit dem eigenen Umgang mit Glücksspielen auseinanderzusetzen und Strategien zur Spielfreiheit für sich zu erarbeiten.

Eine stationäre Therapie ist laut Beraterin Pauly sehr hilfreich. Dass Betroffene ihre Familie informieren müssen, könne jedoch eine Hürde sein, sich für eine stationäre Therapie zu entscheiden. Sich zu öffnen und sich mit einer stationären Therapie Hilfe zu holen, sieht sie als eine große Veränderung im Leben der Betroffenen an.

Ein Schutzschild namens OASIS

Bei Thomas K. hat seine Familie bereits von der Sucht gewusst, bevor er sich selbst öffnen konnte. Erst danach begab er sich in Beratung und ließ sich durch das OASIS-Sperrsystem bei allen deutschen Spielautomaten für ein Jahr sperren. Für ihn waren dies zwei sehr wichtige Schritte auf dem Weg aus der Glücksspielsucht: „In der Beratung ist das erste Mal seit Jahren kein Druck mehr da, lügen zu müssen. Der Berater guckt mich nicht an wie ein Monster, sondern wie einen Kranken. Das ist das erste Mal, dass ich wieder richtig atmen kann, weil die Wahrheit endlich raus ist.“ Und die Sperrung durch OASIS hilft ganz praktisch.

Auch Felicitas Pauly stuft das OASIS-Sperrsystem besonders für Menschen wie Thomas K. als sehr effektiv ein. Spielhallen, Wettbüros und Online-Casinos sind gesetzlich verpflichtet, vor Spielbeginn die Identität des Gastes zu prüfen. Sie gleichen die Daten mit der OASIS-Datenbank ab. Erscheint dort ein „Sperr“-Vermerk, darf der Anbieter die Person nicht spielen lassen. Man kann sich selbst sperren lassen oder durch Angehörige gesperrt werden. Die Sperre gilt für mindestens ein Jahr. Dies hilft besonders Menschen mit Glücksspielstörungen, die ausschließlich terrestrisch spielen, also vor Ort am Automaten. 

Auch für Dr. Thomas Hayer, Leiter der Arbeitseinheit für Glücksspielforschung der Universität Bremen, ist eine solche Sperre ein guter Weg für Spieler, sich selbst zu helfen. Im Abschlussbericht zu seiner „Studie zur Wirkung und Optimierung von Spielersperren und Sozialkonzepten in Spielhallen in Hessen“ schreibt er: „Generell besteht in der Fachliteratur weitgehend Einigkeit darüber, dass die Spielersperre ein probates Hilfsmittel für denjenigen Personenkreis darstellt, der die Kontrolle über das Spielverhalten verloren hat und eine entsprechende Schutzbedürftigkeit aufweist.“ Auch die Statistik vom Regierungspräsidium Darmstadt zum Spielersperrsystem OASIS zeigt, dass sich die Zahl der Sperren seit Januar 2022 verdreifacht hat. Das System erscheint also als ein immer häufiger genutztes Mittel zum Schutz vor Glücksspielsucht. Mittlerweile sind mehr als 360.000 Menschen in Deutschland in OASIS erfasst. 

Der einzige Jackpot, der wirklich zählt

Thomas K. ist einer von ihnen. Er fühlt sich mittlerweile besser, spielt nun seit einem halben Jahr nicht mehr. Seine Ehrlichkeit half ihm und seiner Familie zwar bei der Heilung, seine Ehe konnte der Familienvater aber nicht retten. Trotz der Trennung von seiner Frau ist Thomas froh, dass sie jetzt die Wahrheit kennt.

Ans Spielen denkt er nur noch selten. Aber er weiß jetzt besser denn je, wozu es führt: „Ich habe mein Leben in diesen Kasten gefüttert. Euro für Euro. Das passiert mir nie wieder.“ Thomas K. macht nun wieder Überstunden – doch diesmal finden sie wirklich statt. Denn er spart nicht mehr auf den einen großen Jackpot, der niemals kommt, sondern auf das Glitzern der Wellen, wenn er mit seiner Tochter endlich am Meer steht. Ohne Lügen im Gepäck, dafür mit der Freiheit, endlich wieder tief durchatmen zu können.

 

*Name von der Redaktion geändert.

Hilfsangebote Glücksspielsucht:

Laut dem Bundesministerium für Gesundheit gehört eine Störung durch Glücksspiele zu den Verhaltenssüchten. Sie lässt sich als wiederholtes und anhaltendes Spielverhalten beschreiben, das trotz weitreichender negativer Konsequenzen von Verarmung über gestörte soziale Beziehungen bis hin zur sozialen Isolation und Zerrüttung der persönlichen Verhältnisse aufrechterhalten wird.

Falls Sie Probleme mit Glücksspielen haben oder jemanden kennen, der Probleme damit hat, melden Sie sich bitte bei einer der untenstehenden Nummern oder anonym unter DigiSucht oder beim Krisendienst. Falls das unvorstellbar ist, überlegen Sie, welche Sofortmaßnahmen möglich sind. Sofortmaßnahmen sind zum Beispiel Einzahlmöglichkeiten einzuschränken und/oder sich über das OASIS-Sperrsystem sperren zu lassen, auch das ist über einen Online-Antrag möglich. Im Online-Spielotheken-Bereich können Sie auf Apps wie Gamban zurückgreifen. Falls Sie einen Überblick über Ihr Spielverhalten brauchen, ist die App PlayOff sehr gut geeignet.

Wichtig: Sie sind nicht allein. Jedem kann geholfen werden und jedem wird geholfen. Melden Sie sich!