AUSZEIT. Aussteig auf Zeit in Literatur und Film

Panel auf dem 26. Deutschen Germanistiktag, 22. bis 25. September 2019 in Saarbrücken

CFP für den Themenschwerpunkt 4: Zeit als Thema und Motiv

Panelleitung: Prof. Dr. Friedhelm Marx (Bamberg)

                    Prof. Dr. Stephanie Catani (Saarbrücken)

Während im 21. Jahrhundert die soziologische, wirtschaftswissenschaftliche und berufspraktische Beschäftigung mit dem Modell der Auszeit boomt,1 spielt ihre Erforschung als Motiv der Literatur-, Film- und Mediengeschichte bislang eine untergeordnete Rolle. Eine Kulturgeschichte der Auszeit ist noch nicht geschrieben, – obwohl zahlreiche mit der Idee der Auszeit einhergehende Vorstellungen (Abkehr vom Alltag, selbstreflexive Neujustierungen, Begegnungen mit dem Anderen, Ich-Erfahrung durch Welt-Erfahrung) als erzählerische Leittopoi die Literatur- und Filmgeschichte der Moderne prägen.
Das Konzept der Auszeit ist offenbar an genuin moderne Erfahrungen der Fremdbestimmung, der Arbeitsüberlastung, des Zeitdrucks gekoppelt. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert wird es literarisch relevant. Das Spektrum literarisch imaginierter Ausstiegserzählungen reicht von Goethes Werther-Roman über Thomas Manns Zauberberg, Peter Handkes Die Lehre der Sainte-Victoire (1980), Sybille Bergs Die Fahrt (2007) bis zu den Sieben Nächten (2018) von Simon Strauß. Räumlich verbindet sich die Auszeit meist mit einem Rückzug in die Natur oder einem Auszug in fremde Erfahrungsräume, wo die Befreiung von den Zumutungen des Alltags und – im Falle künstlerischer Protagonisten – die Rückgewinnung der Kreativität in Aussicht steht. Eine besondere Zuspitzung erhalten Figurationen der Auszeit im Feld der postkolonialen Gegenwartsliteratur durch die „literarische Kategorie des kolonialen Aussteigers“2. Texte wie Felicitas Hoppes Verbrecher und Versager (2004), Thomas von Steinaeckers Schutzgebiet (2009) oder Christian Krachts Imperium (2012) rücken Figuren in den Mittelpunkt, deren Charakteristik gerade darin liegt, „starre Ordnungen infrage zu stellen und normative Grenzziehungen zu irritieren, zu verschieben und zu überschreiten“3.
Filmgeschichtlich einschlägig ist in diesem Zusammenhang das Genre des ‚Road-Movie‘, das die Idee eines Ausstiegs auf Zeit mit (rauschhaften) Prozessen der Selbstfindung, dem Mehrwert interkultureller Begegnungen und radikalen Naturerfahrungen verbindet. Ähnliches gilt für Sonderformen des Abenteuerfilms, die das Individuum jenseits zivilisatorischer Ordnungen in einem zwischen Bedrohung und Befreiung changierenden Raum der Natur inszenieren (Into the Wild, 2007; Wild, 2014). Eine genderspezifische, mitunter triviale Engführung erfahren filmische Auszeit-Erzählungen dort, wo sie die weibliche Wanderlust stereotyp als Resultat einer gescheiterten Partnerschaft und fehlender Selbstverwirklichungsstrategien inszenieren (Eat, Pray Love, 2007; Under the Tuscan Sun, 2003).
Gemeinsam sind diesen literarischen wie filmischen Auszeit-Erzählungen Konzepte der Ort- und Zeitlosigkeit: Topographische wie temporale Strukturen scheinen in der Auszeit außer Kraft gesetzt oder neu generiert zu werden – es ist, bekennt stellvertretend Gustav Aschenbach vor seinem Aufbruch nach Venedig, die Sehnsucht nach „etwas Stegreifdasein, Tagedieberei, Fernluft und Zufuhr neuen Blutes“, welche die Auszeit endlich stillen soll.

Das Panel untersucht literarische Texte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart sowie Beispiele aus der Filmgeschichte, die von der Auszeit erzählen, damit verbundene Prozesse der Selbsterfahrung und Identitätsfindung nachzeichnen und Räume in den Blick nehmen, an denen tradierte Gesetze der Zeit und des Ortes nicht mehr gelten sollen. Dabei ist zu fragen, wie sich die erzählte Auszeit zu jener anderen, fremdgetakteten Zeit verhält, die am Horizont auch dann noch präsent bleibt, wenn aus dem Ausstieg auf Zeit ein Ausstieg für immer wird. Gelingt es den Aussteigern überhaupt, aus der Zeit zu fallen? Wie drängt sich die Alltagszeit in die Auszeit hinein? Wie wird die Auszeit erzählerisch und filmisch gestaltet und inszeniert?Eingeladen zur Mitarbeit an dem Panel sind zum einen theoretische/terminologische Positionierungen, die sich an einer Definition der Auszeit, in Abgrenzung zu oder im Rückgriff auf inhaltlich verwandte Begriffe wie Exil, Reise oder Urlaub versuchen. Zum anderen sind konkrete Textlektüren erwünscht, die spezifische Beispiele aus der Literatur- und/oder der Filmgeschichte in den Blick nehmen, ggf. auch einer vergleichenden, intermedial orientierten Lektüre unterziehen.

1 Rajana Kersten: Von Auszeit und Alltag. Psychologische Untersuchung zum Erleben von Sabbaticals. Hamburg 2013; Thomas Hübner: Die Kunst der Auszeit: Vom Powernapping bis zum Sabbatical. München 2006
2 Julian Osthues: Literatur als Palimpest. Postkoloniale Ästhetik im deutschsprachigen Raum. Bielefeld 2017, S. 131-143.
3 Ebd., S. 131.