Implicit Bias: Wie funktionieren Interventionen zur Reduktion von implizitem Rassismus?

Neue Publikation mit dem Titel: „A diffusion model approach for understanding the impact of 17 interventions on the race Implicit Association Test“ im Personality and Social Psychology Bulletin erschienen.

Der Begriff Implicit Bias wird in letzter Zeit in der Diskussion um Chancengleichheit viel diskutiert: Unter einem Bias (Verzerrung, Befangenheit) versteht man kognitive Verzerrungen, die Wahrnehmungen, Handlungen und Verhalten beeinflussen. Gemeint sind dabei Vorannahmen, Einstellungen und Stereotype, welche mitunter implizit und nicht notwendigerweise bewusst vorliegen (d. h. Implicit Bias). Menschen haben etwa vielfach Vorurteile gegenüber Personen mit anderer Hautfarbe und sind sich dessen nicht notwendigerweise bewusst (Implicit Racial Bias). Ein Implicit Bias liegt vor, wenn Wahrnehmung durch Kategoriendenken beeinflusst wird, also eine bestimmte Wahrnehmung und Reaktion für eine Gruppe (z. B. hellhäutige Menschen), wahrscheinlicher ist als für eine andere Gruppe (z. B. dunkelhäutige Menschen). Der Implicit Bias wird automatisch aktiviert und ist vermutlich einer der Hauptgründe für die Aufrechterhaltung von Diskriminierung (z. B. Devine, 1989; Fiske, 1998). Er kann das Sozialverhalten auf vielfältige Art und Weise – von der Eindrucksbildung bis zum konkreten Verhalten – beeinflussen. Beispielswiese konnte gezeigt werden, dass der Implicit Racial Bias mit (fehlender) Freundlichkeit in interkulturellen Interkationen in Zusammenhang steht (Dovidio et al., 2002). Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass intensiv geforscht wird, wie man die impliziten Assoziationen, die sich hinter den Biases verbergen, verändern kann.

Das bekannteste und gleichzeitig valideste Messinstrument zur Erfassung impliziter Assoziationen ist der IAT (z. B. Rudolph et al., 2008). In dieser computergestützten Zuordnungsaufgabe werden Probanden aufgefordert Stimuli zu Kategorien zuzuordnen. Beim Race-IAT erfolgt die Kategorisierung auf Basis von Hautfarbe und Valenz. Das Ergebnis des IATs (der traditionelle IAT Effekt; vgl. Röhner & Ewers, 2016; Röhner & Thoss, 2019) ist eine Form allgemeiner Performanz und beinhaltet sowohl Prozesse, die auf den Bias zurückzuführen sind als auch solche, die durch andere Prozesse (z. B. die individuelle Präferenz für genaue oder schnelle Zuordnungen) zu Stande kommen.

In einem internationalen Kooperationsprojekt widmeten sich Dr. Jessica Röhner (Lehrstuhl Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik, Otto-Friedrich-Universität Bamberg) und Prof. Calvin K. Lai. (Assistant Professor of Psychological & Brain Sciences, Washington University; Direktor für Forschung im Project Implicit: https://implicit.harvard.edu/implicit/ der Frage, welche mentalen Prozesse sich verändern wenn Interventionen zur Reduktion des Implicit Racial Biases eingesetzt werden. Hierzu re-analysierte das Team Daten von über 20.000 Proband*innen (N = 23.342) aus insgesamt sechs Studien mit Diffusionsmodellanalysen.

Diffusionsmodellanalysen können zur Untersuchung menschlicher Entscheidungsprozesse herangezogen werden und geben Auskunft über: die Leichtigkeit mit der Entscheidungen getroffen werden (z. B. wie leicht ist die Assoziation zwischen einer dunklen Hautfarbe und negativer Valenz abrufbar), die Geschwindigkeits-Genauigkeits-Abwägungen (d. h. präferiert eine Person eher Geschwindigkeit oder Genauigkeit bei ihren Entscheidungen) und über Prozesse außerhalb des Entscheidungsprozesses (z. B. wie schnell gibt die Person ihre Antwort bekannt).

Untersucht wurden die kurz- und langfristigen Effekte von 17 verschiedenen Interventionen zur Reduzierung von Implicit Biases, einer Verfälschunsginstruktion und einer Kontrollgruppe. Es zeigte sich das neun Interventionen mentale Entscheidungsproesse veränderten. Dabei veränderten sich sowohl die Leichtigkeit mit der Proband*innen Entscheidungen trafen (der Implicit Bias) aber auch deren Geschwindigkeits-Genauigkeitsabwägungen. Interventionen welche den Implicit Bias am stärksten veränderten, waren dabei besonders plastisch (z. B. Veränderung der Gruppenzugehörigkeit durch Bedrohung), emotional (z. B. lebhaftes und stereotypeninkonsistentes Szenario), aktiv (z. B. Anwendung von Handlungsintentionen) oder selbstbezogen (z. B. Veränderung der Gruppengrenzen durch Konkurrenz). Allerdings waren die Veränderungen nicht von Dauer. Nach einem Intervall von wenigen Tagen waren die Werte der Proband*innen auf Ausgangsniveau, was für die Robustheit von Implicit Biases spricht.

Diese umfangreichen Re-Analysen geben wichtige Einblicke in die Prozesse hinter der Veränderung von Implicit Biases und liefern neue Erkenntnisse im Bereich sozialer Kognition. Die Arbeit wurde nun als Beitrag im renommierten Journal Personality and Social Psychology Bulletin zur Veröffentlichung angenommen.

Die Veränderungen von Implicit Biases (z. B. von Stereotypen) ist ein komplexes Unterfangen, was nicht nur zu Veränderungen im Implicit Bias selbst führt, sondern auch weitere mentale Prozesse verändert. Trotz des Umfangs der Veränderungen sind diese nicht von Dauer, was die Hartnäckigkeit des Implicit Biases unterstreicht und auf die Notwendigkeit von intensiveren, anderen und/oder wiederholten Interventionen verweist.

Referenz:

Röhner, J., & Lai, C. K. (2021). A diffusion model approach for understanding the impact of 17 interventions on the race Implicit Association Test. Personality and Social Psychology Bulletin, 47, 1374-1389.

doi.org/10.1177/0146167220974489