Text: Philipp Raßpe

 Foto: Kalser

Monte Piano: Hier sind Lauf- und Schützengräben noch gut erkennbar.

 Foto: Raßpe

Start der Wanderung mit den Experten auf die Plateaus Monte Piana und Monte Piano.

 Foto: Schreg

Die Privatsammlung Arnold eröffnet faszinierende Einblicke.

 Foto: Reus

Ein Sammelbild der Privatsammlung Mederle zeigt, dass die Soldaten nicht selten verwundet zurückkehrten.

 Foto: Brahimi

Fort Landro – Zeuge vergangener Zeiten.

 Foto: Schreg

Bunkermuseum Toblach – Spruch auf der Glasfassade am Eingang.

 Foto: Reus

Nah dran an den historischen Kriegsdokumenten der Privatsammlung Mederle.

 Foto: Schreg

Fast unsichtbar: Südtirols verborgene Bunker.

Bericht zur Großen Exkursion des Jahres 2025 an den Nordrand der Dolomiten

Mit der Großen Exkursion des Jahres 2025 (Organisation: Elena Reus M.A.) bot sich den Studierenden die besondere Gelegenheit zur Beschäftigung mit den materiellen Hinterlassenschaften des Ersten Weltkriegs an der Alpenfront.

25.08.2025

Die Exkursion begann mit einem ersten Ziel in Tirol. Die Gruppe war auf Empfehlung von Harald Stadler, Universitätsprofessor an der Universität Innsbruck, em., bei Dr. Markus Arnold in St. Johann in Tirol zu Gast, um dort dessen umfangreiche Privatsammlung zum Ersten Weltkrieg zu besichtigen.

Die Sammlung bietet einen breiten Überblick über die materielle Kultur des Gebirgskrieges, mit Schwerpunkt auf der österreichisch-ungarischen Armee, jedoch auch mit zahlreichen Exponaten anderer Nationen. Zu sehen waren unter anderem Uniformen, Waffen, Abzeichen, Feldtelefone, Sanitätsausrüstung und Dokumente, daneben aber auch Objekte des zivilen Alltags und der Propagandakultur wie Geschirr mit Kaiserporträts oder Spielzeugsoldaten[1]. Die Stücke stammen überwiegend aus Privatbesitz und sind durch ihren Erhaltungszustand anschauliche Zeugnisse der Zeit.

Die Sammlung enthält kaum Bodenfunde, die in vielen Privatsammlungen fehlen, weil sie infolge von Verwitterung oft deutlich schlechter erhalten sind als museal oder familiär tradierte Objekte. Ein schlechter Erhaltungszustand schmälert den Wert historischer Objekte in den Augen vieler außerinstitutioneller Sammlerinnen und Sammler. Archäologische Fundstellen sind dennoch oft das Ziel von Sondengängern, die damit jedoch den weitergehenden Informationsgehalt, der nur durch eine sachgerechte Bergung und eine genaue Kontextualisierung gegeben ist, zerstören[2].

Als Einstieg in die Exkursion bot die Sammlung von Hrn. Dr. Markus Arnold die besondere Gelegenheit, sich mit der Vielfalt der materiellen Zeugnisse des Ersten Weltkriegs in Tirol und den Dolomiten vertraut zu machen. Die Arnoldsche Sammlung ist nicht nur sehr umfassend, sondern mittlerweile auch der Öffentlichkeit über mehrere Publikationen zugänglich[3].

Im Anschluss diskutierten die Teilnehmenden kritisch den Forschungsnutzen der unterschiedlichen Formen von Privatsammlungen, die Risiken des Privatsammelns (wie Informationsverlust für die Forschung) und ethische Fragen (Erinnerungsformen, Kriegsverherrlichung) − Themen, die im weiteren Verlauf der Exkursion mehrfach wieder aufgegriffen werden sollten.

26.08.2025

Am zweiten Exkursionstag führte die Route über den Brennerpass nach Südtirol an den Nordrand der Dolomiten. Dort traf die Gruppe ebenfalls auf Empfehlung von Hrn. Prof. Dr. Stadler den Brixner Oswald Mederle (Präsident des Italienischen Historischen Kriegsmuseums in Rovereto[4]), der als lokaler Experte eine Führung durch die Teiser Schützengräben[5] übernahm. Diese liegen oberhalb von Villnöß und zählen zu den am besten erhaltenen Abschnitten der Gebirgsfront in dieser Region. Mederle erläuterte den Aufbau der Gräben und die Nutzung der Stellungssysteme. Die Begehung vermittelte eindrücklich die räumliche Organisation des alpinen Stellungskrieges und bot erste Anschauungen zur topographischen Lage solcher militärischen Infrastrukturen im Gebirge. 

Im Anschluss erhielt die Gruppe Gelegenheit, auch Hrn. Mederles Privatsammlung zu besichtigen, die vor allem ein großes Arsenal an Waffen und Orden umfasst. Die hier gezeigten Materialien vertieften das Verständnis der zuvor im Vortrag Hrn. Dr. Arnolds gewonnenen Eindrücke und machten deutlich wie lokale Initiativen[6] und Sammlertätigkeiten zum Erhalt überkommener Zeugnisse der jüngeren Vergangenheit beitragen. 

Am Abend erreichte die Gruppe – nach einem kurzen Halt am Stift Neustift bei Brixen – die Unterkunft in Rasen-Antholz in Südtirol, von wo aus in den folgenden Tagen die Exkursionsziele in Osttirol und den Dolomiten angesteuert wurden.

27.08.2025

Der dritte Exkursionstag ließ sich leider nicht wie vorgesehen durchführen. Eigentlich war an diesem Tag nach dem Besuch von Kötschach-Mauthen (Österreich) die erste von zwei Etappen des Aufstiegs zum Karnischen Höhenkamm geplant – ein archäologisches Untersuchungsgebiet, dessen Erforschung nicht zuletzt durch Impulse von Prof. Dr. Harald Stadler angeregt wurde[7]. Wegen der Ankündigung einer Wetterverschlechterung musste das Vorhaben abgesagt werden. 

Die Exkursion stand dennoch weiterhin im Zeichen der Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg in den Alpen. Von Rasen-Antholz aus führte die Fahrt zunächst wie geplant nach Kötschach-Mauthen, wo das dortige Museum 1915−1918: Vom Ortler bis zur Adria besichtigt wurde[8]. Die Ausstellung zeichnet sich durch eine sachlich-differenzierte Darstellung des Gebirgskrieges aus und betont neben der Chronologie der militärhistorischen Ereignisse vor allem die Lebensbedingungen der Soldaten, die technische Anpassung an das Hochgebirge sowie die Folgen für Zivilbevölkerung und Umwelt. Damit wurde ein wissenschaftlich fundiertes Gegenbild zu heroischen oder nationalistisch geprägten Narrativen deutlich.

Anstelle der ursprünglich vorgesehenen ersten Etappe der Bergwanderung wurde am frühen Nachmittag das private Bunkermuseum[9] in Toblach aufgesucht, das in einem Bunker eingerichtet ist, der einst als Teil des Vallo Alpino[10] errichtet worden war. Während des Kalten Krieges gehörte der Bunker dann zu einer Befestigungslinie, die das Vordringen der Roten Armee in einem heißen Krieg hätte verzögern sollen. Damit gehörte das Bunkermuseum zu jenen Exkursionsstationen, die kein direktes materielles Zeugnis des Ersten Weltkriegs darstellten, aber dazu beitragen, die Alpen als Kriegslandschaft zu begreifen. Die dortige Präsentation thematisiert sowohl die militärische Nutzungsgeschichte des Bauwerks als auch die Kontinuität von Befestigungsdenken im 20. Jahrhundert im Allgemeinen. Der Vergleich zwischen den Relikten des Ersten Weltkriegs und des Kalten Kriegs machte die naturgemäß stets vorhandene strategische Bedeutung der Alpenregion im Herzen von Europa anschaulich und eröffnete Perspektiven auf die Wandlung militärischer Landschaftsnutzung[11].

Am Nachmittag traf die Exkursionsgruppe in Sexten den Chronisten (Ortshistoriker) von Sexten, Rudolf Holzer, der kurzfristig und trotz strömenden Regens bereit war, einen Rundgang im historischen Ortskern durchzuführen. Stationen waren der Totentanz von Sexten[12], die Pfarrkirche St. Peter und Paul sowie die Grabstätte des Bergführers Sepp Innerkofler, der während des Ersten Weltkriegs zum Inbegriff eines Kriegshelden wurde[13]. Als solcher war er zugleich Gegenstand der im vorbereitenden Exkursionsseminar behandelten Wahrnehmung und Wirkung des Gebirgskriegs gewesen.

Besonders eindrücklich fanden die Studierenden den Totentanz von Sexten, bei dem es sich um ein 1924 entstandenes Fresko von Rudolf Stolz an der Mauer des Rundbaus am Eingang des Friedhofs der Pfarrkirche St. Peter und Paul handelt. Es zeigt, wie der Tod Menschen aller Stände, vom Bauern bis zum Kaiser, zum Tanz führt. Das Motiv greift eine spätmittelalterliche Tradition auf und dient als mahnende Allegorie der Vergänglichkeit[14]. Die Vermittlung der prekären Natur menschlicher Existenz an Zeitgenossen und nachfolgende Generationen wurde von den Bewohnern Sextens sicherlich u.a. deswegen geschätzt, weil Sexten im Ersten Weltkrieg nicht nur gewaltsam geräumt wurde, sondern auch viele Tote gesehen hatte, wie Hr. Holzer ausführte. Der Sextener Totentanz kann somit auch als visuelle Brücke zwischen erzieherisch-religiöser Ermahnung und physischen Zeugnissen der Kriegskatastrophe in der unmittelbaren Umgebung gelesen werden. 

Die Führung verband lokale Erinnerungskultur mit Aspekten religiöser Bildsprache und verdeutlichte wie individuelle Erinnerung, religiöse Tradition und nationale Mythenbildung in der Region bis heute mit-einander verschränkt sind.

Damit setzte der dritte Exkursionstag die inhaltliche Linie der Exkursion fort: von der materiellen Kultur des Krieges hin zu deren Deutung und Vermittlung im musealen und kulturellen Gedächtnis.

28.08.2025

Auch der vierte Exkursionstag musste aufgrund des Ausfalls der Bergwanderung mit kurzfristig zusammengestellten Programmersatzpunkten gestaltet werden. Zur großen Freude der Bamberger stieß nun Hr. Prof. Dr. Harald Stadler persönlich zur Gruppe, der an den einzelnen Exkursionsstationen führte, die sich an diesem Exkursionstag ausnahmslos in Osttirol, also in Österreich, befanden.

Erster Programmpunkt war die Burg Heinfels bei Sillian, ein markanter Höhenbau mit weitreichender Sicht über das Pustertal. Wie Prof. Stadler anhand von historischen Dokumenten ausführte, wäre der Höhenburg im Ersten Weltkrieg unter bestimmten Umständen eine militärische Funktion zugekommen.

Prof. Stadler, der dort mehrere Grabungen durchgeführt hat, erläuterte gemeinsam mit Museumsdirektor Peter Leiter die auf der Burg ausgestellten Funde, die bis in die späte Bronzezeit (13.–9. Jh. v. Chr.) zurückreichen[15]. Zugleich vermittelte der Ort mit seiner modernen musealen Nutzung ein anschauliches Beispiel für den denkmalpflegerischen Umgang mit archäologisch erschlossenen Burgruinen in Tirol. 

Im Anschluss folgte eine Mittagspause im Aigner Badl bei Abfaltersbach, einem sogenannten Bauernbad. Bauernbäder haben sich in den Alpen noch vereinzelt erhalten und zeugen von der Strukturentwicklung ländlicher Räume in vorangegangenen Jahrhunderten[16].

Am Nachmittag führte der Weg zur Kirche St. Justina in der Gemeinde Assling, wo Prof. Stadler Ausgrabungen durchgeführt hatte[17]. Unter der Führung eines Anwohners, der den Schlüssel zur Kirche verwahrte, besichtigte die Gruppe bei prasselndem Regen die Kirche und den angrenzenden Friedhof. Die Grabungen hatten hier Siedlungs- und Bestattungsbefunde verschiedener Epochen zutage gebracht, die exemplarisch die kontinuierliche Nutzung und Überlagerung sakraler Räume im ländlichen Raum Osttirols verdeutlichen[18].

Daran anschließend wurde die kleine Ausstellung „Archäologieraum Assling“ im Gemeindeamt besucht, die Funde aus der Region zeigt, darunter Keramik des Hoch- und Frühmittelalters sowie ein gut erhaltenes römisches Skelettgrab[19]. Auch an diesen Fundstellen war Stadler maßgeblich beteiligt[20]. Ein besonderes Highlight der Ausstellung ist ein Juwelenkragen aus dem 11. bis 12. Jahrhundert von der Grabung St. Justina[21]. Die Präsentation bot Gelegenheit, die lokale Vermittlung archäologischer Forschung und den Aufbau regionaler Sammlungen zu reflektieren, da hier sehr kleine Räumlichkeiten in einem öffentlichen Gebäude genutzt wurden, die zeigen, wie kreativ bei der Sichtbarmachung der regionalen Archäologie vorgegangen werden kann.

Zum Abschluss des Tages fuhr die Gruppe zum Soldatenfriedhof in Lienz, bevor unter der Leitung eines mit Stadler befreundeten Kunsthistorikers die Kriegergedächtniskapelle von Lienz besichtigt wurde, in der sich die einzigen Fresken von Albin Egger-Lienz befinden. Der dortige Bildzyklus thematisiert in eindringlicher Weise Krieg, Tod und Auferstehung und verknüpft die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs mit christlicher Symbolik[22]. Diese letzten Stationen schlossen den thematischen Bogen des Tages von prähistorischen und mittelalterlichen Befunden bis hin zu den Erinnerungsorten des 20. Jahrhunderts ab und führten so exemplarisch vor Augen, auf welch engem Raum in Osttirol jahrtausendealte Kulturlandschaftsschichte und Zeugnisse der Erinnerungskultur des 20. Jahrhunderts beieinanderliegen. 

29.08.2025

Der fünfte Exkursionstag knüpfte an die Fragen nach der Bedeutung archäologischer Funde für das regionale Geschichtsverständnis an, indem die Tagesziele verschiedene Aspekte kultureller Identität vor Augen führten. Erste Station war die Burg Peutelstein (ital. Podestagno) in den Südtiroler Dolomiten, deren Mauerreste oberhalb des Passes zwischen Toblach und Cortina d’Ampezzo liegen. Die Anlage bot einen eindrucksvollen Blick auf die alpine Talenge, die während des Ersten Weltkriegs strategisch bedeutsam war. Archäologische Untersuchungen der Ciasa de ra Regoles d’Ampezzo belegen, dass die Burg bereits im Hochmittelalter als Kontrollpunkt der Verkehrsroute zwischen dem Pustertal und der Valle del Boite diente und bis ins 20. Jahrhundert militärisch genutzt wurde[23].

Anschließend wurde die kleine Chiesa di Ospitale, eine unscheinbare, gegenüber dem Rifugio di Ospitale gelegene Kapelle, besichtigt. Sie diente bereits 1225 (erste schriftl. Erwähnung[24]) als Teil eines Hospitals Reisenden und Pilgern. Die Kapelle, die an der wichtigen Passstraße über den Gemärk (Passo Cimabanche) lag, verdeutlicht, dass weltlicher und göttlicher Schutz im Mittelalter eng miteinander verwoben waren. Dass die Kirche dem hl. Nikolaus geweiht ist, der in den Alpen als Schutzheiliger der Reisenden verehrt wird, ist kein Zufall[25].

Ein kurzer Halt galt danach dem Ossuarium (lokal auch Ossarium) bei Innichen, einem monumentalen Beinhaus aus der Zeit Mussolinis, das Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet ist. Das Bauwerk veranschaulicht eindrücklich wie staatliche Erinnerungspolitik und Monumentalarchitektur im faschistischen Italien eingesetzt wurden, um den Krieg national zu deuten und dadurch in neuem Kontext zu reframen und zu instrumentalisieren[26].

Im Anschluss erhielt die Gruppe eine Führung durch die Ausstellung im einstigen Kapitelhaus[27] des ehemals in Innichen bestehenden Stifts und durch die Stiftskirche, eine der bedeutendsten romanischen Kirchen Tirols[28].

Die Besichtigung unter der Leitung vom Kurator der Ausstellung im Kapitelhaus, Hansjörg Plattner, umfasste insbesondere die Stiftskirche mit ihren Fresken und Kapellen, die als Zeugnisse des hohen künstlerischen Niveaus und der spirituellen Bedeutung der Region im Mittelalter gelten, und das Kapitelhaus, welches das älteste Gebäude des Dorfes ist und in dem sich heute das Stiftsmuseum Innichen befindet[29]. Besonders hervorzuheben ist die Kreuzigungsgruppe in der Stiftskirche, die als herausragendes Beispiel hochmittelalterlicher Bildhauerkunst gilt und die durch ihre Darstellung Jesu auf dem Kopf Adams die Überwindung der Erbsünde verdeutlichen soll[30].

Der Tag endete mit der Fahrt in die ladinische Gemeinde San Martin de Tor, wo das Museum Ladin besucht wurde[31]. Die Führung von Giovanni Mischí vermittelte Einblicke in die Geschichte, Sprache und Kultur der ladinischen Bevölkerung, die zwischen den Sprach- und Kulturgrenzen Tirols, Venetiens und des Trentino lebt. Damit rundete dieser Tag den thematischen Bogen zwischen Krieg, Religion und kultureller Identität ab, der für die Exkursion insgesamt leitend war[32].

30.08.2025

Der sechste Exkursionstag widmete sich der militärischen Infrastruktur unterschiedlicher Epochen und führte zunächst zur Mühlbacher Klause, einer spätmittelalterlichen Sperranlage, die den Zugang vom Eisacktal ins Pustertal kontrollierte[33]. Bei einer fachkundigen Führung wurden die bauliche Entwicklung der Anlage sowie ihre strategische Bedeutung als Engpass- und Zollstation erläutert. Die Klause veranschaulicht die Kontinuität militärischer Kontrollpunkte in den Alpen, vom Mittelalter über die habsburgische Zeit bis zu den Weltkriegen. 

Im Anschluss besichtigte die Gruppe die Franzensfeste, eine monumentale Festungsanlage aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die bis 2003 militärisch genutzt worden war[34]. Die Führung unter Museumsdidakt Patrick Moser führte durch die untere und obere Feste und über die lange Verbindungstreppe, die beide Ebenen miteinander verbindet. Das Bauwerk steht beispielhaft für die Festungsarchitektur des Habsburgerreiches und dokumentiert den hohen technischen und logistischen Aufwand, der in den Schutz alpiner Übergänge investiert wurde[35].

Unmittelbar neben der Franzensfeste wurde anschließend der „Bunker Nr. 3“ besichtigt, eine in den Fels geschnittene Anlage, die wie schon der Toblacher Bunker einst zum Vallo Alpino gehörte und bis in den Kalten Krieg eine militärische Funktion besaß. Der Schaubunker dokumentiert eindrucksvoll die militärische Aufrüstung und strategische Abschottung in Richtung Sowjetunion der Nachkriegszeit und verdeutlicht die Kontinuität militärischer Bauformen vom 19. bis ins 21. Jahrhundert[36].

Zum Abschluss des Tages stand der Besuch der Ausstellung „Hitler entsorgen“ auf dem Programm, die sich kritisch mit der Erinnerungskultur und Nachgeschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzt. Die ursprünglich österreichische Ausstellung wurde in Südtirol um einen Ausstellungsteil „Mussolini entsorgen“ erweitert. Der inhaltliche Fokus lag auf der Frage, wie Gesellschaften mit materiellen Relikten und symbolischen Spuren belasteter Vergangenheit umgehen: Die Ausstellung vertiefte die Diskussion, die die Exkursionsteilnehmenden in Hinblick auf den Umgang mit Kriegsüberresten und Denkmälern auf der ganzen Reise beschäftigt hat[37].

31.08.2025

Der siebte Exkursionstag stand ganz im Zeichen der Frontlandschaft des Ersten Weltkriegs in den Dolomiten. Unter der Führung des ehemaligen Mitglieds des österreichischer Militärs Vizeleutnant i.R. Friedl Kalser und seines Begleiters, beide Mitglieder des Vereins „Dolomitenfreunde“[38], unternahm die Gruppe eine Wanderung auf die Plateaus Monte Piana (Stellungen Italiens) und Monte Piano (Stellungen Österreich-Ungarns) Das Bergmassiv war während des Krieges heftig umkämpft und markierte die Frontlinie zwischen österreichisch-ungarischen und italienischen Truppen, die teilweise nur wenige Meter voneinander entfernte Schützen- bzw. Laufgräben, Kavernen und Feuerstellungen hielten[39]. Die Begehung unter der Leitung des Teilnehmers Philipp Scheu bot zahlreiche Einblicke in das System der Stellungen, Kavernen und Verbindungsgräben, die sich noch heute deutlich im Gelände abzeichnen[40]. Die Reste der militärischen Bauten und Geländeüberformungen sind heute als Freilichtmuseum ausgewiesen[41].

Zudem befindet sich im Rifugio Angelo Bosi al Monte Piana ein kleines Museum, in dem Exponate des Ersten Weltkriegs zu sehen sind[42]. Nach Ansicht der Teilnehmenden ist die Ausstellung stark aus der italienischen Perspektive gestaltet und betont patriotische Deutungen des Kriegsgeschehens − ein Umstand, der innerhalb der Gruppe kritisch diskutiert wurde, da er auf die Komplexität erinnerungspolitischer Narrative im Alpenraum verweist.

Anschließend wurde das nahegelegene Werk Landro unterhalb des Monte-Piano-Plateaus an der Straße Richtung Toblach besichtigt, eine österreichisch-ungarische Befestigungsanlage aus dem 19. Jahrhundert, erbaut von 1884 bis 1894, die im Ersten Weltkrieg erneut militärisch genutzt wurde und in dieser Zeit teilweise unter Artilleriebeschuss stand[43]. Das Fort veranschaulicht die lange Nutzungsgeschichte strategischer Standorte in den Dolomiten.

Zuletzt führte die Exkursion zum unweit gelegenen Soldatenfriedhof Nasswand, einem schlichten, in die Berglandschaft eingebetteten Gedenkort für 1259 Gefallene verschiedener Nationen auf österreichisch-ungarischer Seite[44]. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe zu der Stelle, an der sich das österreichisch-ungarische Lazarett befunden hat, von dem jedoch heute keine Spuren mehr sichtbar sind.

01.09.2025

Am achten Tag trat die Reisegruppe den Heimweg nach Bamberg an. Auch wenn die Begehung des archäologischen Untersuchungsgebiets auf dem Karnischen Höhenkamm wortwörtlich ins Wasser fiel, war die Exkursion für alle Teilnehmenden eine wichtige Lehrveranstaltung, da sie aufgezeigt hat, wie Vergangenheit zur kulturellen Identität beiträgt, wie sie unterschiedlich dargestellt werden kann und welche Bedeutung dabei auch der Archäologie zukommt – nicht nur für die mittelalterlichen Burgen, sondern auch für die Geschichte des 20. Jahrhunderts.


[1] Die genannten Objekte der Sammlung Arnold liegen in publizierter Form vor: M. Arnold, Die Sammlung Markus Arnold. Die k.u.k. österreichisch-ungarische Armee im 1. Weltkrieg 1–4 (Lannach 2024) <https://richard-militaria.at/die-sammlung-markus-arnold-heft-1> [Stand: 09.04.2026].

[2] Bayerisches Denkmalschutzgesetz (BayDSchG) Art. 7, wonach Grabungen nach Bodendenkmälern einer behördlichen Erlaubnis bedürfen; vgl. außerdem Bundesdenkmalamt Österreich, Die Suche nach Bodenfunden. Informationsblatt Nr. 1 A (Wien 2024) <https://www.bda.gv.at/dam/jcr:35f46ad2-8645-45df-8a45-27c216cfd96f/Infoblatt_1A_Die_Suche_nach_Bodenfunden.pdf> [Stand: 28.10.2025], wonach die Suche nach archäologischen Bodenfunden bzw. deren Bergung auf denkmalgeschützten Flächen ohne Bewilligung untersagt ist und Funde meldepflichtig sind.

[3] Arnold (Anm. 1).

[4] Museo Storico Italiano della Guerra, Museo della Guerra (Rovereto, Trentino) – historisches Museum zur Kriegsgeschichte, insbesondere des Ersten Weltkriegs, im Castello di Rovereto. <https://museomitag.it> [Stand: 20.02.2026].

[5] Die Schützengräben in Teis / Villnöß <https://schuetzengraeben-teis.eu/> [Stand: 28.10.2025].

[6] ebd.

[7] C. Posch/J. M. Haas/R. Lamprecht, Archäologische Grenzgänge. Die (prä)historische Nutzung des Karnischen Kamms, Archäologie Österreichs 63, 2023, 28–38.

[8] Museum 1915–1918. Vom Ortler bis zur (Kötschach-Mauthen).<https://www.dolomitenfreunde.at/museum> [Stand: 28.10.2025].

[9] Bunkermuseum. <https://www.bunkermuseum.net/de/> [Stand: 20.02.2026].

[10] C. Reichl-Ham, Kriege im Alpenraum. Ein militärhistorischer Rückblick. In: D. Krüger/F. Schneider (Hrsg.), Die Alpen im Kalten Krieg. Historischer Raum, Strategie und Sicherheitspolitik (München 2012) 25–86.

[11] R. Mang, Der Alpenraum aus geografischer Sicht. In: Dieter Krüger/Frank Schneider (Hrsg.), Die Alpen im Kalten Krieg: Historischer Raum, Strategie und Sicherheitspolitik (München 2012) 13–24, 18.;
Claudia Reichl-Ham, Kriege im Alpenraum. Ein militärhistorischer Rückblick. In: ebd. 25–86, hier 25 f.

[12] B. Mrugalska, Der Totentanz in Sexten. <https://www.sagen.at/doku/totentanz/sexten.html> [Stand: 12.01.2026].

[13] Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 III (1965) 37 s. v. Innerkofler, Sepp.

[14] H. G. Wehrens, Der Totentanz im alemannischen Sprachraum: “Muos ich doch dran – und weiß nit wan” (Regensburg 2012).

[15] P. Cassitti, Archäologische Untersuchungen auf Heinfels, Osttiroler Heimatblätter 74, 5, 2006, 39–42.

[16] Weiterführende Informationen: Bauernbad <https://de.wikipedia.org/wiki/Bauernbad> [Stand: 13.01.2026].

[17] H. Stadler, Archäologische Forschungen auf dem Kirchhügel von St. Justina, Gem. Assling, Osttirol. In: W. Hauser/M. Schulze-Dörrlamm/H. Stadler/H. Wilfing (Hrsg.), Ausgrabungen in St. Justina, Gem. Assling, Osttirol. NEARCHOS Beih. 3 (Innsbruck 1996) 7–104.

[18] Stadler (Anm. 17) 7.; S. Mader, Luxus für eine hochmittelalterliche Dame. Der Juwelenkragen im Archäologieraum Assling. <https://www.tirol.gv.at/fileadmin/themen/kunst-kultur/museum/Museen_in_Tirol/Fachartikel_A-Z_2010-2022/Assling-ArchaeologieraumAssling_OdM_09-2019_SM.pdf> [Stand: 28.10.2025].

[19] Archäologieraum Assling <https://museen.de/archaeologieraum-assling.html> [Stand: 20.02.2026].

[20] Mader (Anm. 18).

[21] M. Schulze-Dörrlamm, Ein „Juwelenkragen“ des späten 11. bis 12. Jahrhunderts aus St. Justina im Pustertal (Osttirol). In: W. Hauser/M. Schulze-Dörrlamm/H. Stadler/H. Wilfing (Hrsg.), Ausgrabungen in St. Justina, Gem. Assling, Osttirol. NEARCHOS Beih. 3 (Innsbruck 1996) 109–123, 109.

[22] Museum Schloss Bruck, Gedächtniskapelle Albin Egger-Lienz <https://www.museum-schlossbruck.at/de/albin-egger-lienz/gedaechtniskapelle> [Stand: 28.10.2025].

[23]Ciasa de ra Regoles. Notiziario delle Regole d’Ampezzo, 142, Maggio 2013.

[24] W. Schneider, Die Hospitäler im Raum Alt-Tirol. Probleme einer Pass- und Übergangsregion <https://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/aufsaetze/schneider-hospital-tirol-probleme-passregion-uebergangsregion.html> [Stand: 23.02.2026].

[25]San Nicolò, San Biagio e Sant’Antonio Abate a Ospitale <https://parrocchiacortina.it/le-chiese-succursali/s-nicolo-s-biagio-santantonio-abate/> [Stand: 28.10.2025].

[26] vgl. Autonomiekonvent der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol, Das Beinhaus von Innichen, <https://news.provinz.bz.it/de/news-archive/360284 > [Stand: 09.04.2026].

[27] MIK – Museum im Kapitel <https://www.mik.bz.it/de/home.html> [Stand: 20.02.2026].

[28] E. Kühebacher, Das Kollegiatstift zu den Heiligen Candidus und Korbinian von Innichen. In: H. Obermair/K. Brandstätter /E. Curzel (Hrsg.), Dom- und Kollegiatstifte in der Region Tirol – Südtirol – Trentino in Mittelalter und Neuzeit. Schlern-Schriften 329 (Innsbruck 2006) 193–204.

[29] F. Eppacher, Die Stiftskirche Innichen: Kunst, Symbolik, Glaube (Lana 2011).

[30] G. Schiller, Ikonographie der christlichen Kunst 2: Die Passion Jesu Christi (Gütersloh 1968).

[31]Museum Ladin <https://museumladin.it/>[Stand: 20.02.2026].

[32] T. Moroder, Die Dolomitenladiner. Mensch, Landschaft, Kultur (Bozen 2016).

[33] W. Kofler-Engl, Die Mühlbacher Klause. Geschichte, Archäologie, Restaurierung (Bozen 2009).

[34] J. Rohrer, Die Franzensfeste. Für einen Feind, der nie kam. Geschichte eines imposanten Bauwerks (Bozen 2008) 30.

[35] Autonome Provinz Bozen - Südtirol, Bunker Nr. 3 – Franzensfeste <https://vermoegen.provinz.bz.it/de/bunker-3-franzensfeste> [Stand: 28.10.2025].

[36] Autonome Provinz Bozen - Südtirol, Franzensfeste: Festung <https://bauen.provinz.bz.it/de/franzensfeste-festung> [Stand: 28.10.2025].

[37] Haus der Geschichte Österreich, Hitler entsorgen <https://hdgoe.at/hitler_entsorgen> [Stand: 28.10.2025].

[38] Dolomitenfreunde e. V. <https://www.dolomitenfreunde.at/> [Stand: 14.01.2025], der Verein widmet sich u. a. der Pflege und Erhaltung sogenannter „Friedenswege“ im alpinen Raum.

[39] Südtirol.com, Gebirgskrieg in den Dolomiten <https://www.suedtirol.com/kultururlaub-suedtirol/geschichte/gebirgskrieg> [Stand: 20.02.2026].

[40] M. Fornari, Der Monte Piana 1915/1917. Wandern durch das Freilichtmuseum (Cortina d’Ampezzo 2010).

[41]Dreizinnen Dolomites, Monte Piana Open Air Museum <https://www.dreizinnen.com/en/info/monte-piana-open-air-museum_6225> [Stand: 28.10.2025].

[42]Associazione Grande Guerra nelle Dolomiti, Rifugio Maggiore Angelo Bosi – Monte Piana <https://www.montepiana.com/> [Stand: 09.04.2026].

[43] Festungswelt.de, Werk Landro <https://www.festungswelt.de/1_europa/italien/kuk_festungen_in_italien/werk_landro/werk_landro.html> [Stand: 20.02.2026].

[44] Kriegerfriedhof Nasswand, Info <https://www.kriegerfriedhof-nasswand.it/info/> [Stand: 28.10.2025].