Berlin, die geschichtsträchtige Hauptstadt Deutschlands, bildete nicht nur in der Vergangenheit, sondern bildet auch in der Gegenwart einen zentralen Kontenpunkt für jüdisches Leben in Deutschland. Im Rahmen einer zweitägigen Exkursion der Jüdischen Studien Bamberg begaben wir uns auf den Weg, die reiche jüdische Geschichte der Stadt zu erkunden und von unseren Gesprächspartnern vor Ort Perspektiven auf die aktuelle Situation von Jüdinnen und Juden in Berlin zu lernen.

Besuch des Jüdischen Museums Berlin

Der erste Programmpunkt war ein Besuch des Jüdischen Museums Berlin. Hier wurde die Dauerausstellung in kleinen Gruppen erkundet. Deutlich wurden hier die Brüche, Abwesenheiten und Kontinuitäten des jüdischen Lebens in Deutschland nach der Schoa. Doch auch die Darstellung des mittelalterlichen Aschkenas, der Epoche der Aufklärung und Emanzipation, der Einblick in die religiöse Praxis mit u.a. feministischen Eingriffen bot ein tiefes und facettenreiches Bild deutsch-jüdischer Identität. Nach der Besichtigung kamen alle zusammen, um ihre Eindrücke zu teilen und über die besonders herausstechende Exponate zu diskutieren. 

Führung zur jüdischen Geschichte durchs alte Berlin 

Daraufhin hatten wir die Gelegenheit, bei der von Detlef Müller geleiteten Stadtführung zur jüdischen Geschichte durch das alte Berlin teilzunehmen. Die Führung bot einen beeindruckenden Einblick in die lange und vielfältige Geschichte der Jüdinnen und Juden in Berlin. Stationen wie die Franziskanerkirchen-Ruine, das Mendelssohn-Haus und der jüdische Friedhof Scheunenviertel hielten eine Menge an Geschichten bereit.

Gespräch mit Mitgliedern der israelischen Community 

Als Abschluss des ersten Tages fand ein Gespräch mit Mitgliedern von Zusammen Berlin, einer Untergruppe der 2017 gegründeten Israeli Community Europe, statt. Zwei Gründungsmitglieder der Gruppe erzählten von ihrem alltäglichen Leben als Israelis in Berlin und wie sie durch die gemeinsamen Veranstaltungen von Zusammen, vor allem aber durch die regelmäßig stattfindenden Schabbat-Abendessen, ein Gefühl von Gemeinschaft aufbauen konnten. Diese Community wurde vor allem im Schatten des 7. Oktobers 2023 und der damit verbundenen Erfahrung von Ausgrenzung und wachsendem Antisemitismus für sie wichtiger. Durch das Gespräch mit den seit Jahren in Berlin lebenden Israelis wurde deutlich wie wichtig der gemeinschaftlichen Zusammenhalt in schweren Zeiten sein kann.

Besuch des Friedhofs Schönhauser Allee 

Der zweite Tag der Exkursion führte uns auf den jüdischen Friedhof Schönhauser Allee, auf dem viele bedeutende Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts ihre letzte Ruhestätte fanden. Er umfasst über 22.000 Gräber von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern Berlins, die zwischen 1827 und 1880 verstorben sind. Bei vielen von ihnen handelte es sich um bedeutende Personen, die in der jüdischen Geschichte Deutschlands und darüber hinaus eine große Rolle spielten. Die Bandbreite reichte von Pionieren des Reformjudentums über Frauenrechtlerinnen bis hin zu einflussreichen Figuren aus Wissenschaft und Wirtschaft. Eindrücklich wurde beim Besuch auch der Kontrast zwischen dem verfallenen Zustand der Gräber und dem Mangel an Ehrengräbern im Vergleich zur Bedeutung der Persönlichkeiten. 

Gespräch im und mit dem American Jewish Committee 

Den Abschluss bildete das Gespräch im American Jewish Committee (AJC) mit Dr. Remko Leemhuis. Herr Leemhuis stellte zunächst die Geschichte und die aktuelle Arbeit des AJCs vor, bei der vor allem die politischen Aspekte der letzten zwei Jahre in der deutsch-amerikanischen, amerikanisch-israelischen und der deutsch-israelischen Zusammenarbeit beleuchtet wurden – jedoch aus einer staatlich unabhängigen, jüdischen Perspektive. Besprochen wurden auch die Veränderungen, die die USA unter Trump und die Israel mit der neuen Regierungskoalition unter Netanjahu erfuhren. Wichtige Inhalte des folgenden Gesprächs waren außerdem der Antisemitismus an deutschen Hochschulen, in der deutschen Politik und in politischen Graswurzel-Bewegungen.

Die Exkursion ermöglichte es einerseits durch den Museumsbesuch, die Stadtführung und den Friedhofsbesuch einen umfassenden Einblick in die lange und vielseitige Geschichte von Jüdinnen und Juden in Berlin zu gewinnen. Andererseits hatten wir auch die Gelegenheit, in Gesprächen mit Mitgliedern der israelischen Community und mit einem Vertreter von AJC sowohl die persönliche Betroffenheit von Individuen als auch den größeren politischen Kontext der Veränderungen seit dem 7. Oktober zu erfassen.