Thomas Wabel
Tabea Rothfuchs
Thomas Wabel

Interdisziplinäres Kolloquium zur Schmerztherapie und geisteswissenschaftlichen Zugängen

Bericht zum Forschungsworkshop „Sprache und Schmerz“, Freiburg im Breisgau 22./23. Januar 2026, gefördert durch die HEAD Genuit Stiftung


Organisation: Prof. Dr. Claudia Bozzaro (Münster/Westf.), Ursula Frede (Oehningen), Dr. med. Kristin Kieselbach (Freiburg/Br.), Dominik Koesling (Münster/Westf.), Prof. Dr. Thomas Wabel (Bamberg)

Nachdem die beiden zurückliegenden Forschungworkshops in Bamberg (2023) und Kiel (2024) das Paradigma des Bildes im Zusammenhang von chronischen Schmerzerkrankungen verfolgten (Verfahren der Bildgebung, Modifikation des Körperbildes, gesellschaftlich wirksame Bilder von Gesundheit und Krankheit), widmete sich der Forschungsworkshop „Schmerz und Sprache“ in Freiburg/Breisgau im Januar 2026 der sprachlichen Thematisierung und Verarbeitung chronischer Schmerzerfahrung. Im Fokus standen dabei sprachliche Bilder, metaphorische Ausdrucksweisen also, um die unvermittelbar je eigene Erfahrung des Schmerzes zur Sprache zu bringen. Deutlich wurde hierbei – wie auch in den beiden vorangegangenen bildbezogenen Fachtagungen –, wie Grundlagenforschung, therapeutische Einsatzmöglichkeiten und gesellschaftliche Relevanz in der Frage nach Möglichkeiten der Darstellung und das Ausdrucks ineinandergreifen. Dies trat insbesondere in der Verzahnung neuropsychologischer, linguistischer und philosophischer Perspektiven zutage:

Prof. Dr. Thomas Weiß (Jena) präsentierte die Ergebnisse experimenteller Untersuchungen zu neurophysiologischen Verbindungen zwischen Sprache und Schmerz. Zentrale Ergebnisse dazu, wie Schmerz die Wahrnehmung von Sprache verändert, aber auch umgekehrt sprachliche Mittel eine Veränderung der Schmerzwahrnehmung bewirken können, waren:

- Visuell präsentierte, schmerz-assoziierte Adjektive aktivieren nicht nur visuelle und wortverarbeitende Hirnareale, sondern auch Teile der Schmerzmatrix

- Schmerz-assoziierte Adjektive führen im Vergleich zu negativen Adjektiven zu einer stärkeren Aktivierung in Teilen der Neuromatrix des Schmerzes.

- Die Aktivierung durch schmerz-assoziierte im Vergleich zu negativen Wörtern ist bei chronischen Schmerzpatienten höher im Vergleich zu Kontrollpersonen.

- Verbale Anbahnung durch schmerz-assoziierte Adjektive verstärkt die Schmerzempfindung und Schmerzverarbeitung, d. h. die neuronale Aktivierung, Aufmerksamkeit und emotionale Bewertung schmerzbezogener Reize.

Im Blick auf die Kommunikation mit schmerzkranken Menschen erscheint es für den therapeutischen Kontext sinnvoll, einen übermäßigen Gebrauch schmerzbezogener Begriffe zu vermeiden. Auch die Häufigkeit des Einsatzes von Schmerzfragebögen sowie die Detailliertheit einer Aufklärung über Nebenwirkungen von Interventionen sollten kritisch reflektiert werden.

In seinem Vortrag zur kognitiven Metapherntheorie nach Lakoff und Johnson und dem Schmerz argumentierte Prof. Dr. Rudolf Schmitt (Görlitz), dass Metaphern nicht als lineare Ursache-Wirkungs-Faktoren zu verstehen seien, sondern als Ergebnis und Bestandteil komplexer kommunikativer und kultureller Prozesse. Metaphern entstehen aus körperlichen Erfahrungen, biografischen Prägungen sowie kulturellen Deutungsmustern und können ihrerseits das Schmerzerleben stabilisieren, strukturieren oder verstärken. Auf der Grundlage von Lakoff und Johnsons Standardwerk Metaphors we live by (1980) wird Schmerz – als schwer versprachlichbare körperliche Erfahrung – häufig über vertraute und anschaulich erlebbare Erfahrungsbereiche beschrieben, zum Beispiel über Metaphern aus den Bereichen Verletzung, Kampf, Hitze, Druck oder räumliche Bewegung. Metaphern sind dabei Ausdruck der Ordnungssysteme, mit denen Betroffene ihr Erleben strukturieren. Dementsprechend divergieren Schmerzkonzepte von Behandelnden und Betroffenen erwartbar. Aus der bislang dünnen Forschungslage hierzu lassen sich Desiderate formulieren: Viele Studien bleiben theoretisch unterbestimmt, arbeiten mit engen Metaphernbegriffen oder vernachlässigen biografische, kulturelle und interaktionale Kontexte. Notwendig sind stärker theoretisch integrierte, qualitativ angelegte Studien, die auch biografische und kulturelle Unterschiede berücksichtigen. Zudem solle sich die Forschung nicht nur auf linguistische Metaphern konzentrieren, sondern auch multimodale Metaphern einbeziehen (zur Erfassung nicht nur sprachlicher, sondern auch anderer Aspekte der Kommunikation wie Mimik, Gestik, visuelle Darstellungen). Zugleich warnte Schmitt vor Vereinfachungen eines normativ-pädagogischen Zugriffs auf Schmerzmetaphern, der auf die „richtige“ oder „gesündere“ Metapher abzielt.

Diese Ausführungen fanden eine wichtige Ergänzung in den gesprächsanalytischen Perspektiven, die Prof. Dr. Karin Birkner (Bayreuth) auf das Sprechen über Schmerz einnahm. Anhand detaillierter qualitativ-empirischer Untersuchungen zeigte sie auf, dass die Unbeschreibbarkeit von Schmerz in spezifischen sprachlichen Phänomenen hervortritt, etwa in Pausen, Verzögerungen, Ausweichbewegungen und Metakommentaren. Zur Vermittlung ihres Schmerzerlebens greifen die Patient:innen auf Veranschaulichungen wie Metaphern, Vergleiche, Beispiele und Szenarien (gedanklich entworfene Situationen) zurück. Sie wies auch auf die Bedeutung alltagsweltlicher Erzählformen hin, die im üblichen Kontext des Arzt-Patienten-Gesprächs häufig zu kurz kommen. Dabei erfüllen Erzählfragmente, Beispiele und Szenarien eine wichtige Funktion, da sie (über die Veranschaulichung von Sachverhalten hinaus) eine gemeinsame Wissensbasis herstellen und ein Bild von der Lebenswirklichkeit der Betroffenen, von ihren Erfahrungen und Vorstellungen vermitteln. Deutlich wurde das Potenzial der Linguistik als wesentliche Voraussetzung für eine zielführende Diagnostik, eine tragfähige Therapie und für die Entwicklung eines eigenständigen Umgangs mit der Schmerzerkrankung.

Dr. Sabrina Coninx (Amsterdam) stellte in ihrem Vortrag zentrale Thesen aus ihrem laufenden, ebenfalls von der HEAD Genuit Stiftung geförderten Projekt „Suffering and the Construction of Meaning in Chronic Pain“ vor. Ausgangspunkt des Projekts ist die Unterscheidung zwischen Schmerz und Leiden, das heißt die Beobachtung, dass chronische Schmerzen nicht notwendigerweise zu Leiden führen. Schmerzbezogenes Leiden entsteht vielmehr durch die Bedeutung, die dem Schmerz zugeschrieben wird. Diese Bedeutungszuschreibung wird maßgeblich durch Krankheitsnarrative geprägt, die wiederum (zumindest teilweise) sozio-klinisch konstruiert sind. Eine zentrale Rolle spielen dabei sogenannte Masternarrative, d. h. weitverbreitete Erzählmuster über Krankheit und Schmerz, die eine bestimmte Kultur oder Gesellschaft dominieren. Anhand einiger Beispiele wurde in Frau Coninx‘ philosophischer Perspektivierung deutlich,dass und wie Narrative dieser Art schmerzbezogenes Leiden hervorrufen oder verstärken können – ganz im Einklang mit der von Prof. Weiss vorgestellten empirisch-psychologischen Perspektive.

Ergänzt wurden diese Fachvorträge durch Posterpräsentationen von Nachwuchswissenschaftlerinnen. Dr. Sarah Potthoff (Münster) stellte Fragestellung, methodisches Vorgehen, Ergebnisse und Schlussfolgerungen ihrer gleichfalls von der HEAD Genuit-Stiftung geförderten Forschungsarbeit zu den sozialen Dimensionen chronischer Schmerzen vor. Untersucht wurden 27 Studien zu chronisch schmerzkranken Menschen. Insgesamt wurden acht Kategorien identifiziert, die die Chronifizierung von Schmerzen beeinflussen und miterklären, u.a.: Stigmatisierung, Diskriminierung, Marginalisierung aufgrund sozialer Identitäten; Geschlechterungerechtigkeit; hohe Erwartungen an Arbeit und Schule; Kulturelle und religiöse Überzeugungen und Werte; Lebensstil. Es trat hervor, dass die hier angeführten Kategorien sozialer Dimensionen „in einem komplexen Zusammenspiel stehen und eine frühzeitige und angemessene Behandlung von Schmerzen behindern und eine Chronifizierung begünstigen können“ (Potthoff 2026).Carolin Fröschle (Heidelberg) präsentierte eine Zusammenstellung der Buchcover zahlreicher Ratgeber zum Thema „Umgang mit chronischem Schmerz“. Rhetorik und Bildmotive vertraten in der qualitativ-empirischen Analyse unterschwellig wirksame gesellschaftliche Leitvorstellungen, unter anderem: Kampfansagen, die mit Metaphern von Macht, Krieg und Eroberung arbeiten; Anleitungen zu Freiheit und Glück, in denen Begriffe wie Gesundheit, Vollkommenheit, Frieden und Leben im Vordergrund stehen; Offenbarungen, die suggerieren, der Wahrheit des Schmerzes auf den Grund gekommen zu sein oder die persönliche Sprechstunde, in der ein schmerzfreies und gutes Leben in Aussicht gestellt wird. Valentine Weigel (Jena) stellte ihr Konzept der Leibsorge vor, das sie als Erweiterung der christlichen Seelsorge versteht. Methodisch ist ihr Vorgehen an der Schnittstelle von Philosophie und (phänomenologischer) Theologie verortet und zielt auf die weitere Integration von Konzepten leiblicher Erfahrung, wie sie in derPhilosophie mit der Leibphänomenologie bereits entwickelt wurden, in die Theologie ab.

Eine Besonderheit, die der Thematik des Workshops ebenso entsprach wie seinem Auftrag, zur gesellschaftlichen Bewusstmachung beizutragen, war die Teilnahme von Tabea Rothfuchs (Basel) und ihre abendliche künstlerische Intervention im Freiburger Theater „Die Schönen / Musiktheater im E-Werk“. Aus persönlicher Betroffenheit heraus ist sie dazu gekommen, außerhalb eines medizinischen Kontextes Gespräche mit Schmerzpatient*innen zu führen – als Künstlerin und Schmerzerinnernde. Aus den erzählten Geschichten über die innere und äußere Welt schmerzkranker Menschen löste Frau Rothfuchs Textfragmente heraus, die durch ihre bruchstückhaftige Unvollständigkeit die Vielschichtigkeit und Komplexität chronischer Schmerzen unmittelbar erfahrbar machen. Ergebnis ihrer zwölf etwa einstündigen Gespräche mit Betroffenen ist das 2021 erschienene Buch: I lost Time and Space. Where am I? – Erzählen von chronischen Schmerzen (https://www.researchcatalogue.net/view/892335/1320023). Aus diesenSchmerzerzählungen entstammende Spitzensätze wurden in der abendlichen Installation auf eine weiße, große, fragile Form im Raum projiziert. In dem öffentlichen, aber gleichwohl intimen Rahmen der Kleinkunstbühne entstand so eine Überlagerung sprachlichen Ausdrucks mit der dem visuellen Eindruck eines scheinbar organischen Objekts, in dem die Erfahrung von Schmerz als unbekanntem Fremdkörper und als Teil des eigenen Lebens nachvollziehbar wurde.

In den Kommentaren der Tagungsbeobachter*innen: Prof. Dr. Iris Hermann (Bamberg), PD Dr. Ulrike Kaiser (Lübeck) und Prof. Dr. Robin Bekrater-Bodmann (Aachen) sowie der abschließenden Diskussion traten Desiderate und Impulse für die künftige Weiterarbeit hervor: Im therapeutischen Diskurs fehle bislang ein Bewusstsein und eine kritische Reflexion der Wirkung bestimmter Metaphern und Narrative zum chronischen Schmerz. Qualitativ-empirische Untersuchungen hierzu stehen weitgehend noch aus – insbesondere im Blick auf multimodale Metaphern. 

Als mögliche Arbeitsfelder für Folgeveranstaltungen wurden benannt: 

  • interkulturelle Aspekte des Schmerzes (der zu diesem Gebiet vorgesehene Referent Prof. Dr. Jan Kizilhan hatte wegen der eskalierenden Lage in Norden Syriens seine Teilnahme kurzfristig absagen müssen)
  • Alter und Schmerz
  • Schmerz und Geschlecht / geschlechtsspezifische Schmerzlücke sowie die
  • Erfassung von Gesichtsausdrücken des Schmerzes.

Insgesamt wurde deutlich, dass das Paradigma der Sprache etliche Gemeinsamkeiten zu dem des Bildes aufweist, etwa die Rückwirkung auf die Selbstwahrnehmung der Betroffenen, die therapeutischen Anwendungskontexte und die (teilweise problematischen) gesellschaftlichen Formen der Bezugnahme auf chronischen Schmerz. Gleichwohl erfordert das Sprach-Paradigma andere forschungspragmatische Zugänge als das des Bildes, eröffnet hierfür aber auch neue Möglichkeiten. Es wurde angeregt, dem nach dem in Arbeit befindlichen Band zu „Schmerz und Bild“ mit einem nachfolgenden Band zu „Schmerz und Sprache“ Rechnung zu tragen.

Der Stiftung danken wir herzlich dafür, dass sie diese intensive interdisziplinäre Erkundung ermöglicht hat.